Das Leben nach Polanski

Samantha Geimer war das Mädchen, das vor 36 Jahren von Roman Polanski vergewaltigt wurde. Jetzt hat sie ihre Autobiografie geschrieben.

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Heute sind es vier Jahre her, dass Roman Polanski bei seiner Einreise in die Schweiz verhaftet wurde. Man fand das ungeheuerlich, Cinephile hielten «Free Polanski»-Schilder in Kameras, die Leitung des Zurich Film Festival, die den Regisseur mit einem Preis hatte ehren wollen, zeigte sich schockiert.

Weit weg von den Geschehnissen hier war eine Frau in den USA ebenfalls schockiert. Samantha Geimer wusste, was diese Verhaftung bedeutete. Es bedeutete, dass alles wieder von vorne losgehen würde, dass sie wieder der ganzen Welt als Opfer präsentiert werden würde, und Samantha Geimer hasste es. Sie hasste es, «the girl» zu sein, also das Mädchen, das 1977 zwei Wochen vor ihrem 14. Geburtstag vom 43-jährigen Roman Polanski vergewaltigt worden war. So heisst nun auch ihre Autobiografie, die letzte Woche erschienen ist, «The Girl», dazu steht im Untertitel: «A Life in the Shadow of Roman Polanski».

Das Buch liest sich leicht, es ist mit trockenem Humor und ohne Larmoyanz geschrieben. Geimer bemüht sich, nicht als Opfer wahrgenommen zu werden und vor allem, nicht als Anklägerin zu erscheinen. Sie will fair sein – sie nennt Polanski keinen Verbrecher, sondern «arrogant» –, und mitunter ist das irritierend, weil auch widersprüchlich.

Der Satz, den alle Täter sagen

Als er 2003 für einen Oscar nominiert war, erklärte sie in der «Los Angeles Times», man solle den Regisseur und nicht den Täter beurteilen. Das wurde so verstanden, dass sie ihm verziehen hat, sie hält nun aber fest, es habe sich damit nicht um eine öffentliche Absolution gehalten. Sie weigert sich, als beschädigt zu gelten, erwähnt dann aber lebenslange Albträume und Schlafstörungen. Und wenn sie schreibt, sie «übernehme Verantwortung für ihre Schwäche und ihr Fehlverhalten» (sie war ein 13-jähriges Kind!), dann wirkt das zu bemüht, erst recht, wenn sie an einer anderen Stelle Polanski zitiert, der ihrem Anwalt gegenüber einst sagte: «Wenn Sie sie nackt gesehen hätten, sie war so schön, Sie hätten sie auch ficken wollen.» Jetzt also will sie, über die so viel geschrieben worden ist, ihre Sicht der Dinge kundtun.

Gleich in den Kapiteln drei und vier schildert sie ausführlich die Tat, um die es geht und die ihr Leben verändert hat. Diese lässt sich nicht mit dem damaligen Zeitgeist rechtfertigen – als Jodie Foster als minderjährige Prostituierte in «Taxi Driver» für Schlagzeilen sorgte und deutsche Grüne Straffreiheit für den sexuellen Verkehr von Erwachsenen mit Kindern forderten. Denn der Satz, den er danach zu ihr sagte, ist der Satz, den bis heute alle Täter zu ihren Opfern sagen: dass dies ihr Geheimnis sei.

Es ist deshalb die Geschichte eines Machtmissbrauchs. Und die eines Mädchens, das stolz war, von einem berühmten Mann für die «Vogue» fotografiert zu werden, das unbedingt gefallen und alles richtig machen wollte, auch der Mutter zuliebe, die sich für die Tochter eine Model- oder Schauspielkarriere erhoffte. Und so tat sie wie geheissen, als er sie aufforderte, oben ohne zu posieren. Es war ihr unwohl dabei, sie sagte sich aber mit kindlicher Naivität, dass sich Marilyn Monroe wohl auch nicht kompliziert angestellt hätte. Nach dem Testshooting erzählte sie der Mutter nichts davon, sie ahnte, dass es nicht richtig war, aber sie war 13, sie wollte in der «Vogue» sein, schön sein.

Und so ist die Mutter ahnungslos, als der Regisseur drei Wochen später wieder vorbeikommt, um die Tochter nun für das richtige Shooting abzuholen. Er fährt mit ihr zum Haus von Jack Nicholson, gibt ihr Champagner zu trinken, sie will erwachsen sein und trinkt, nimmt die Beruhigungstablette, ein Hypnotikum, die er ihr reicht, setzt sich nackt in den Jacuzzi. Als er zu ihr in die Wanne steigt, erfindet sie die Ausrede, sie habe Asthma, müsse nach Hause, ihre Medikamente nehmen. Polanski kümmert das wenig, er interessiert sich mehr dafür, ob sie die Pille nehme. Dann vergewaltigt er sie.

Polanski fährt sie nach Hause. Zeigt den Eltern die Bilder. Ihre Mutter und ihr Stiefvater sind entsetzt, die Fotos sind dilettantisch, und dass die Tochter halbnackt posiert, macht sie fassungslos. Polanski wird aufgefordert, sofort zu gehen. Da wissen die Eltern noch nichts von der Vergewaltigung; als sie davon erfahren, rufen sie die Polizei.

Was danach kam, empfand die 13-Jährige als schlimmer als die Vergewaltigung selbst. Die Befragung im Spital, durch die Polizei, später vor Gericht, das alles war demütigend, und Samantha hasste ihre Mutter dafür, Anzeige erstattet zu haben. Man zweifelte ihre Glaubwürdigkeit an, nannte sie eine Lolita, die einen unschuldigen Mann verführt habe, unterstellte der Familie, auf Geld aus zu sein. Es gab Solidaritätsbekundungen aus Hollywood, Mia Farrow nahm den Kollegen in Schutz.

Besonders gnadenlos ging man mit Samanthas Mutter ins Gericht. Der erfolglosen Schauspielerin wird bis heute vorgeworfen, ihre Tochter nachgerade verschachert zu haben und eigentlich schuld an der Sache zu sein. Samantha Geimer stellt klar, dass dies falsch sei: «Genauso, wie Eltern ihre Kinder sorglos in Michael Jacksons Obhut gaben, dachten meine Eltern nichts Böses. Und er war ein gefeierter Regisseur, der die schönsten Frauen haben konnte, wer hätte auf einen solchen Gedanken kommen sollen?»

Die Familie lehnte alle Interviewanfragen ab und verzichtete auf ein Zivilverfahren, also konkret auf Geld. Ihr Anwalt strebte einen Vergleich an, um Samantha zu schützen, vor einem Prozess, vor einem Kreuzverhör durch Polanskis Anwälte, vor der Öffentlichkeit. Sie sollte ein normales Leben führen können, in Ruhe gelassen werden. Das war aber auch deswegen nicht möglich, weil die US-Justiz im Fall Polanski vollkommen versagte, Geimers Anwalt nennt es bis heute «eine Schande für Amerika».

Sie äussert deshalb Verständnis für Polanskis Flucht nach Europa und beschreibt detailliert, wie der zuständige Richter – ein Mann, der den Glamour prominenter Angeklagter liebte – sein Wort brach, wie gemauschelt wurde, weil es vor allem um Macht, Politik und Geltungssucht ging, nicht um ein korrektes Urteil. Und damit auch nicht um Roman Polanski – und am allerwenigsten um ein Mädchen.

«Gegenseitige Anziehungskraft»

Während der Filmemacher in Europa seine Karriere fortsetzt, stürzt Samantha ab, sie nimmt Drogen, wird mit 17 schwanger, heiratet, lässt sich scheiden, verliebt sich neu, heiratet erneut, zieht mit ihrem neuen Mann nach Hawaii, die beiden haben zwei Kinder. Als Polanski 1984 seine Autobiografie veröffentlicht, fühlt sie sich abermals beschmutzt: Er schreibt darin von einer «gegenseitigen erotischen Anziehungskraft».

Sie reicht Klage ein. Er soll bezahlen – sie gibt unumwunden zu, dass sie das Geld brauchen kann –, und vor allem soll er nie wieder über das Vorgefallene sprechen dürfen. Das wird vertraglich so festgehalten (und auch, dass sie die Geschichte nicht «ausschlachten» darf – wobei man sich fragt, wie sich das mit der Autobiografie vereinbaren lässt), zudem wird ihr ein sechsstelliger Betrag zugesprochen. Polanski überweist das Geld erst nach einer Betreibungsandrohung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.09.2013, 08:34 Uhr

Geimer, Samantha, «The Girl», Orell Füssli, 308 Seiten, ISBN 978-3-280-05536-6, CHF 26.90.

The Girl

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