Das Urinal als Megafon

Wir brauchen den Widerling Marquis de Sade, weil er uns daran erinnert, wozu wir fähig sind. Darin liegt seine Anstössigkeit, wie eine neue Biografie zu seinem 200. Todesjahr zeigt.

«Quills»: Die letzten Lebensjahre des Marquis de Sade als Film; mit Kate Winslet und Geoffrey Rush. Foto: Pictorial Press Ltd., Alamy

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Der Sadismus light von «Fifty Shades of Grey» hätte ihn angewidert. Aber gefallen hätte ihm, dass im Schloss von Lacoste, dem verfallenen Stammsitz der de Sades im Luberon, neuerdings Theaterfestivals veranstaltet werden. Der berüchtigtste Wüstling der Weltliteratur, dessen Tod sich am 2. Dezember zum 200. Mal jährt, war nämlich ein grosser Freund des Theaters. Schon 1772 hatte der Marquis ein Theaterfestival in Lacoste veranstaltet: Für die Schauer- und Schicksalstragödien und die Regie zeichnete er selbst verantwortlich, die Schauspieler holte er aus Paris. Noch lieber inszenierte de Sade zwanglose Séancen in seinem Privattheater mit Domestiken, Prostituierten und ähnlich willfährigen «Kreaturen».

Selbst als er später seine Fantasien nur noch auf dem Papier ausleben konnte, in Romanen wie «Justine», «Juliette» oder den «120 Tagen von Sodom», hatten die zu Menschenpyramiden und lebenden Bildern arrangierten Massenkopulationen immer etwas Theatralisches. Am Ende seines Lebens kehrte er dann zum Theater zurück, tout Paris pilgerte in die Irrenanstalt von Charenton, wo das «Monster» sich und seine Mitpatienten auf der Liebhaberbühne präsentierte. Klügere Zuschauer ahnten schon damals, dass sie nicht Augenzeugen eines perversen Spektakels oder gar einer gelungenen Theatertherapie wurden: Der Marquis spielte durchaus ironisch-souverän mit seinem Mythos und seinem schaudernd gaffenden Publikum.

Überdosis «galanter Pillen»

Volker Reinhardt, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg, attestiert ihm die kaltblütige Haltung eines «empirischen Menschenforschers», der Leser und Zuschauer zu Versuchskaninchen degradiert und so, ähnlich wie Pascal bei seiner Wette mit Gott, immer gewinnt. Wandten sich die Zuschauer voller Abscheu ab, hatte er durch pädagogische Beispiele von Niedertracht und Verbrechen den Sieg der Tugend befördert. Empfand das Publikum dagegen klammheimliche Lust an seinen bestialisch-pornografischen Exzessen, behielt der Philosoph eines blasphemischen Nihilismus recht: Gott existiert nicht; er ist nur ein Instrument zur Manipulation und Unterdrückung unaufgeklärter Dummköpfe. Der Mensch ist, anders als Rousseau glaubt, von Natur aus böse, und wer seine Laster nicht auslebt, versündigt sich an der gebärenden, zerstörenden Allmutter.

Das Theater war de Sades Obsession, aber er wollte sein Theater der Grausamkeit nicht nur im Verborgenen, in Gefängnissen und Büchern inszenieren. Von Literatur als Sublimation oder gar Therapie verbotener Leidenschaften hielt er nichts. Im vorrevolutionären Frankreich genoss ein Aristokrat, der seinen Stammbaum bis auf Petrarcas Verehrte Laura zurückführen konnte, einige Freiheiten. Der standesbewusste, leicht aufbrausende Marquis hatte schon als Kinderoffizier im Krieg seinen Mann gestanden und Frauen im Sturm erobert; er versprühte in den Pariser Salons zynischen Esprit und verprügelte in Lacoste die Bauern. Schon de Sades Vater und sein Onkel, der Abbé, waren berüchtigte Libertins gewesen, und so konnte auch er dank mächtiger Gönner, milder Richter und einer nachsichtigen Ehefrau lange relativ ungestört seinen Neigungen nachgehen. 1772 wurde er zum ersten Mal zum Tode verurteilt; den Verhaftungen und längeren Gefängnisaufenthalten entzog er sich durch Bestechung, Bildungsreisen nach Italien oder Katz-und-Maus-Spiele mit den Verfolgern. Da er bei seinen Affären keinerlei Wert auf Diskretion legte und sich selbst nach Malheurs (bei einer Orgie starben einmal zwei Prostituierte fast an einer Überdosis seiner «galanten Pillen») uneinsichtig zeigte, wurde er 1778 aufgrund eines königlichen Lettre de cachet dann doch an die Kette gelegt.

Elf Jahre schmorte de Sade ohne Anklage und Prozess in der Bastille, aber 1789 stieg er wieder aufs Dach und feuerte mit einem zum Megafon umfunktionierten Urinal die Revolutionäre an. Während der Schreckensherrschaft der Jakobiner heulte er mit den Wölfen und rettete so seinen Kopf vor der Guillotine. Seiner Güter und Gönner beraubt, verlassen von seiner mütterlich fürsorglichen Gattin und seiner Schwiegermutter, der mächtigen «Präsidentin», baute der Marquis sich eine neue Existenz als freischaffender Skandalautor auf, dann aber wurde er nach einem letzten «Sittenskandal» 1803 für immer weggesperrt. Die letzten Jahre in Charenton waren die vielleicht glücklichsten seines Lebens. Im Irrenhaus fand er fast alles, was er brauchte: eine komfortable Zelle, einen Direktor, der die theatralische Sendung seines Lieblingspatienten förderte, eine kongenial frei denkende Geliebte und ein dankbares Publikum.

Reinhardt, dank Biografien über Alexander Borgia und Machiavelli ein Experte im Reich des Bösen, beschreibt die turbulente Biografie des «skandalösesten Menschen seiner Zeit» ohne moralische Abscheu, aber auch ohne Verklärung. Sein de Sade ist wohl ein Psychopath im klinischen Sinn, aber weder ein Ungeheuer noch der «göttliche Marquis» Apollinaires: Er ist ein Geschöpf seiner Zeit, Täter und Opfer in Ludwigs XVI. frivolem Ancien Régime, Robespierres Tugendterror und Napoleons Empire. Reinhardt lässt den geschwät­zigen Libertin ausführlich zu Wort kommen, vielleicht zu ausführlich: Die monoman-serielle Wiederholung der immer gleichen Stellungen, schurkischen Intrigen und Argumente ermüdet selbst noch im gerafften Referieren.

Wozu ist der Mensch fähig?

Im Schlusskapitel beantwortet Reinhardt nicht nur die interessante Frage, ob de Sade ein Sadist war (im freudianischen Sinne: ja), sondern skizziert auch brillant seine Wirkungsgeschichte. Das tiefdunkle Bildnis des Wüstlings hat sich im Lauf der Zeit aufgehellt: Baudelaire und Lautréamont entdeckten in ihm die Ästhetik des Bösen, Nietzsches Konzept des Übermenschen profitierte in vieler Hinsicht von ihm. Später feierten die Surrealisten den Marquis als heiliges Monster, Existenzialisten wie Camus sahen in ihm den Abgrund der Condition humaine, Georges Bataille den Vordenker einer rauschhaften Sexualität.

Im Zeitalter der totalitären Ideologien wird er von Adorno und Pasolini als «Prophet des Grauens» von Auschwitz, im feministischen Diskurs von Simone de Beauvoir und Susan Sontag als Geburtshelfer emanzipierter Frauen beschworen. Reinhardt sieht darin vor allem Projektionen und Missverständnisse, die de Sade seiner Widerständigkeit berauben: Der Marquis ist für ihn die «fortwährende Provokation», darüber nachzudenken, wozu der Mensch fähig ist.

Erstellt: 17.10.2014, 18:38 Uhr

Volker Reinhardt: De Sade oder Die Vermessung des Bösen.
C.-H.-Beck-Verlag, München 2014.
464 S., ca. 38 Fr.

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