Das Wohnheim als Setz-Kasten

Der österreichische Autor Clemens Setz hat wieder ein genialisches und höchst irritierendes Buch geschrieben. Am 10. September kommt er nach Zürich.

Clemens J. Setz treibt die Leser in einen Lektüretaumel, bis ihnen Hören, Sehen und Denken vergehen. Foto: Philippe Matsas (Leemage, Laif)

Clemens J. Setz treibt die Leser in einen Lektüretaumel, bis ihnen Hören, Sehen und Denken vergehen. Foto: Philippe Matsas (Leemage, Laif)

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Irrenhäuser sind inspirierende Orte für Schriftsteller, die Wahnwelten ihrer Bewohner fordern sie heraus. Auch Clemens Setz, den genialischen jungen Österreicher, der seit ein paar Jahren ein Buch nach dem anderen herauswirft, jedes irritierender als das vorangegangene, der mit ihnen fast automatisch auf jeder anstehenden Shortlist landet, eine wachsende Fangemeinde auch in der Face­book- und Twitter-Community hat und mit seinem neuen Œuvre einen Roman vorlegt, der auch jenen, die es noch nicht gelesen haben, als das Buch des Herbstes gilt: «Die Stunde zwischen Frau und Gitarre» umfasst mehr als 1000 Seiten, bewegt seit Wochen Vorab-Leser, die sich im Netz austauschen, und soll Mittelpunkt eines vom Verlag und dem irokesenhaarigen Netzpromi ­Sascha Lobo veranstalteten «social ­reading» werden. Ein langer Satz für ein dickes Buch!

Der Roman spielt in einer Institution, die man heute selbstverständlich nicht mehr Irrenhaus nennt. Die fiktive Villa Koselbruch ist ein betreutes Wohnheim in Graz, einer «dummen mittelgrossen Zwischendingstadt», wie die Heldin des Romans sie nennt. Clemens Setz hat seinen Zivildienst in einer ähnlichen Einrichtung verbracht; seine Erinnerung daran hat ihn aber, kein Wunder bei diesem Autor, nicht zu einer realistischen Darstellung des Alltags unter psychisch Kranken und ihren Pflegern geführt, sondern zu etwas ganz und gar eigenem. Das Wohnheim als Setz-Kasten.

Hauptfigur und Perspektivträgerin ist die 21-jährige Natalie, die in der Villa Koselbruch ihre erste Stelle antritt. Natürlich eine schräge Person. Sie ist Epileptikerin mit schwierigem Familienhintergrund, war mal in einer Sekte, während der Ausbildung hat sie sich, wie wir präzis erfahren, 41-mal verletzt. Ihr Privatleben teilt sie zwischen der Katze Chat, merkwürdigen, Domina-haften Mail- und Skype-Kontakten mit ihrem Ex-Freund Markus, nächtlichen Besuchen im «Souterrain», einem Treffpunkt für Junkies und Stricher, und dem, was sie «Streunen» nennt: Sie liest junge Männer auf und befriedigt sie oral. Oder, wenn ihr danach ist, macht sie sie erst heiss, um sie dann mit einem gezielten Satz völlig aus der Spur (der Erregung) zu bringen.

Der Hydrant heisst Justus

Natalie hat eine Begabung für solche Sätze, treffende, heilende, verstörende und – das aber nur potenziell – tötende Sätze. Im Kopf dieser merkwürdigen Person dürfen wir 1000 Seiten verbringen. Langweilig wirds nie, obwohl ihre Tage recht ähnlich ablaufen. Das liegt einerseits daran, dass Natalie selbst Langeweile hasst (deshalb kippt sie ihren braven Markus auch immer aus dem Chat), vor allem aber, dass sie so irritierend anders tickt als wir. In ihrer Welt verlaufen die moralischen, ästhetischen und geschmacklichen Grenzen, also auch die des Ekels, komplett anders. Den Anblick von Steckdosen erträgt sie nicht, weil sie darin Gesichter erkennt; den Inhalt eines beim Streunen gefüllten Kondoms trägt sie dagegen tagelang mit sich, weil es sie beruhigt, und dann . . . nein, das wollen Sie nicht wissen.

Natalie nimmt Realität wahr und verwandelt sie auf eine Weise, die mit ­«Fantasie» viel zu schwach charakterisiert ist. Für jeden Romancier stellt eine solche Heldin ein gefundenes Fressen dar, wobei Setz ja der Koch ist. So sieht etwa der Nussbaum vor Natalies Wohnung so aus, «als wäre ihm seine Brille ins Gras gefallen».

Bei Natalie haben die Dinge Vornamen (der Hydrant heisst Justus, die Automatiktür im Supermarkt Pitt), ihre Wahrnehmung ist ein Feuerwerk an Assoziationen und Metaphern. Cori, eine «Klientin» (das Institut ist natürlich eine Hochburg von Correct Speech, also Schönfärberei), ist ein «kerzen­docht­artiges Geschöpf». Das Internet «spricht immer mit vollem Mund». Ein Tischtuch wird zum Dienstag: «Irgendjemand hatte ihn aus dem uralten Zusammenhang der Woche herausgelöst und unter die Gläser und Teller und sogar unter die schwere, bauchige, beide Henkel in die Hüfte stemmende Vase geschoben, ohne dabei etwas umzustossen.» Natalies Lieblingsspiel heisst «Non sequitur»: Gespräche, in denen kein Satz, kein Gedanke an den vorangehenden anknüpft.

Manche Menschen haben eine synästhetische Veranlagung, sie hören Farben oder sehen Töne. Bei Natalie ist es noch toller: Bei ihr erwachen die Wörter zu bildhaftem, körperlichem Leben. Das Wort «getüncht» strahlt eine «speisekammerhafte Kühle» aus. «Bitterlich» ist ein «schönes, gefranstes Wort mit Kiemen an der Seite», und unter «Grau­bereich» stellt sie sich «ein kilometerlanges Wurmwesen mit grauem Fell und offenem Rachen vor, ein Graubereich, der Städte schluckte. Dann dachte sie, um etwas ruhiger zu werden, an Eselsflanken.» Aber auch das schlichte Wörtchen «und» bekommt eine eigene Geschichte, als das «rechthaberischste Wort von allen», das Sinnloses aneinanderklebt, aber es ist auch «ein Wort, das die Hoffnung nie aufgab».

Allein das Innenleben dieser Heldin trüge einen ganzen, selbst einen so langen Roman und macht, dass einem die eigene Innen- und Aussenwelt recht langweilig vorkommt. Aber damit ist noch gar nichts gesagt über das, was Nata­lie in der Villa Koselbruch erlebt. Oberstes Gesetz dort: Die «Klienten» haben immer recht, und die «Bezugerinnen» sind gehalten, sich voll und ganz auf deren jeweiligen Wahn einzulassen. Für die religiös verstiegene Pflegerin Ursula sind ihre Schäfchen gar «unfehlbar und heilig», und Leiterin Astrid zwingt Natalie mit dem Killerwort «Professionalität», sich unentwegt bei den Patienten zu entschuldigen.

Spielarten der Grausamkeit

Nun ist Natalie, weil sie selbst ein «verrücktes» Koordinatensystem hat, ohnehin die perfekte Partnerin ihrer «Bezugis». Aber anders als die von ihrem Gutmenschentum blind gewordenen Kolleginnen durchschaut sie, was zwischen Patienten und Angehörigen abgeht. Es sind, wie könnte das bei Setz, dem Meister des Makabren, Beklemmenden und Grausamen anders sein, Spielarten des Sadismus, der raffinierten Quälerei. Einer Quälerei, die so subtil und subkutan ist, dass sie knapp unter der Wahr­nehmungs­schwelle bleibt, sogar für den Gequälten selbst.

Nicht für Natalie, Spezialistin im Fach abnormer Beziehungen. Sie durchschaut auch das «Arrangement» zwischen ihrem wichtigsten «Bezugi», dem querschnittsgelähmten Alex Dorm, und dessen ständigem Besucher Dr. Hollberg. Wenn der Leser ebenfalls durchblickt, stehen ihm die Haare zu Berge.

Dorm hatte sich vor Jahren in Hollberg verliebt, ihn hofiert, bedrängt, verfolgt und seine Frau in den Selbstmord getrieben. («Die Stunde zwischen Frau und Gitarre» ist neben vielem anderen auch ein Roman über Liebe – in all ihren Spielarten und Varianten, bis hin zu den zerstörerischen und selbstzerstörerischen.) Eben dieser Hollberg besucht den Mann, der sein Leben ruiniert hat, jede Woche. Die vermeintliche, geradezu übermenschliche Selbstlosigkeit verbirgt allerdings einen perfiden, über etliche Jahre angelegten Rachefeldzug. Auch deshalb ist der Roman so lang.

Natalie wird Zeugin, wie Hollberg den ihm hündisch ergebenen Dorm unmerklich demütigt, wie er ihn, den pathologischen Frauenhasser («Frauen sind Gitarren»), in einen Furor der Eifersucht treibt, und was er noch mit ihm anstellt, das zu erzählen sträuben sich hier die Tasten. Setz weiss genau, dass die schlimmsten Vorstellungen nicht durch das Erzählte entstehen, sondern aus jenen Lücken quellen, die die Prosa lässt. Das gilt für Horror wie für Ekel und erst recht für ihre Kombination.

In «Die Stunde zwischen Frau und Gitarre» variiert Setz nicht einfach das alte Paradoxon, dass die Verrückten die eigentlich Normalen sind und umgekehrt – obwohl uns die schräge Natalie mit der Zeit immer liebenswerter, klarsichtiger, einfühlsamer, also normaler vorkommt als ihre in Ritualen, Dogmen oder perversen Arrangements gefangenen Mitmenschen. Setz entwirft vielmehr eine Welt, in der jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, zwischen denen kein wirklicher Austausch möglich ist. Was stattdessen stattfindet, ist «versetzte» Kommunikation: Missverständnisse, verspielte oder bösartige Täuschungen, Machtspiele, Aggressionen, Non sequitur. Oder Nonsens.

Der grösste Manipulator

Es ist auch ein Roman der Sprache, als Instrument der Befreiung, im Spiel, in der freien Assoziation, und als In­strument der Unterdrückung, der Verfälschung, der Desinformation, der Deformation. Diese finstere Seite gewinnt mit dem Verlauf des Romans immer mehr Raum und führt es in eine immer schwärzere Welt.

Übergriffe physischer Art finden, wenn überhaupt, nur wie beiläufig statt; die eigentlichen Machtkämpfe sind geistiger, psychischer, sprachlicher Natur. Auch Natalie ist ja keine durchweg nette Person, auch sie, die Manipulierte, manipuliert ihre Umwelt nach Kräften – und bringt sie mit dem «treffenden Satz» dorthin, wo sie diese haben will. Der grösste Manipulator ist aber natürlich Clemens J. Setz selbst, der seinen Lesern Einblicke in Wunderkammern und Schreckenskabinette eröffnet und in einen Lektüretaumel treibt, bis ihnen Hören und Sehen und Denken vergehen. Verwirrt taucht man aus diesem Roman wieder auf, betrachtet die gewohnte, fast vergessene Umgebung, denkt sich: «Was war das denn?» und möchte gleich noch mal von vorne anfangen.

Clemens Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Roman. Suhrkamp, Berlin 2015. 1019 S., ca. 43 Fr.

Am 10. 9., um 20 Uhr, stellt Clemens Setz im Kaufleuten Zürich seinen Roman vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2015, 18:39 Uhr

Clemens Setz
Übersetzer und Schriftsteller

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er noch heute lebt. Er hat Mathematik und Germanistik studiert und arbeitet als Übersetzer und freier Schriftsteller. Für sein junges Alter hat er bereits ein umfangreiches Werk vorgelegt und mehr Aufmerksamkeit erregt als irgendein Autor seiner Generation. Für seinen Erzählband «Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes» erhielt er 2011 den Preis der Leipziger Buchmesse, seine ­Romane «Die Frequenzen» und «Indigo» standen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Der neue Roman, der morgen erscheint, ist bereits für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert. (TA)

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