Interview

«Das beste Mittel gegen den Totalitarismus»

Jonas Lüscher ist der Schweizer Autor der Stunde. Im Interview erklärt er, wann Literatur eine Lebensschule sein kann, was sie der Mathematik voraushat und weshalb sie staatlich gefördert werden sollte.

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Herr Lüscher, Sie gehen davon aus, dass sich Literatur zur Analyse von Gegenwartsproblemen eignet. Wie soll das gehen?
Das ist natürlich eine sehr schwierig zu beantwortende Frage, an der ich gegenwärtig arbeite. Deswegen kann eine Antwort momentan nur eine vorläufige sein. Analyse ist in diesem Zusammenhang ein irreführender Begriff. Die Analyse ist in der Regel ein systematisches Verfahren, bei dem der Untersuchungsgegenstand in seine Einzelteile zerlegt wird. So funktioniert Literatur nicht. Literatur versucht aber auch keine allgemeingültigen Aussagen zu machen.

Sondern?
Die Stärke der Literatur – oder man könnte auch sagen der Narration, denn das Gleiche gilt natürlich auch für Filme, journalistische Stücke, gute Fernsehserien, mündliche Überlieferungen et cetera – ist, dass sie sich um das Besondere, den Einzelfall kümmert. Deswegen ist es auch wichtig, dass wir viele verschiedenen Geschichten hören oder lesen.

Inwiefern?
Damit wir diese besonderen Einzelfälle in Bezug zu anderen besonderen Einzelfällen setzen können und so nach und nach ein dichtes Netz weben und damit ein hilfreiches Verständnis gewisser Gegenwartsprobleme mit einer sozialen Dimension erlangen. Eine mathematische, quantitative Beschreibung eines Problems betrachtet den Mittelwert, das Allgemeine als das Reale und das Einzelne, Besondere und Zufällige als vernachlässigbare Nebensache. Narrative Beschreibungen hingegen betrachten das Einzelne und Besondere als real und wichtig. Das Gesetzmässige, Universale, Durchschnittliche stellt dann nur eine behelfsmässige Konstruktion dar, die der abgekürzten Verständigung dient, aber nicht das eigentlich Wirkliche betrifft.

Wann sind Sie zuletzt auf eine literarische Erzählung gestossen, die eine ausserliterarische Analyse vorweggenommen hat?
Das Schöne an dieser Idee ist, dass Sie in allen guten literarischen Texten etwas Hilfreiches finden. Aber es sind eben nur kleine Splitter. Sie können zum Beispiel Dennis Johnsons «Ein gerader Rauch» lesen und verstehen plötzlich, dass es Männer gibt, für die Krieg eine Lebensform ist. Und dann haben Sie etwas Wichtiges über den Krieg verstanden. Aber eben nur einen Aspekt von vielen. Dann müssen Sie noch Tolstois «Krieg und Frieden» lesen und Hellers «Catch 22» und Mailers «Die Nackten und die Toten», und, und, und. Wir brauchen viele Geschichten. Wir reden hier eher von einem Kaleidoskop und nicht einem Teleskop. Das hat den hilfreichen Nebeneffekt, dass wir damit den Monomythos vermeiden, die eine gültige Geschichte – und das ist immer noch das beste Mittel gegen den Totalitarismus. Es wird also nicht den einen Roman geben, der uns zum Beispiel die Finanzkrise erklärt.

Literatur ist Kunst. Ist künstlerische Schönheit der Klarheit der sozialen Analyse nicht grundsätzlich abträglich?
Ist es nicht vielleicht manchmal der unbedingte Wunsch nach Klarheit, der der sozialen Analyse abträglich ist?

Ist die Literatur in der heutigen Schweizer Gesellschaft als Medium sozialer Reflexion von Bedeutung?
Ich würde sagen, nicht in ausreichendem Masse. Das ist aber keine spezifisch schweizerische Erscheinung. Unsere westliche Gesellschaft scheint mir im Ganzen einer quantitativen Blendung – um einen Begriff der italienischen Soziologin Elena Esposito zu verwenden – verfallen. Wir verlassen uns viel zu sehr auf quantitative Studien und mathematische Modelle und haben dabei Galileos Diktum, alles sei messbar, und was noch nicht messbar sei, müsse messbar gemacht werden, zum Dogma erhoben. Dass es so weit gekommen ist, hat vielfältige Gründe.

Erzählen Sie.
Zum einen verleiht uns die Sprache der Mathematik eine gewisse Sicherheit und Beständigkeit und den Eindruck einer universalen, intersubjektiven Gültigkeit. Das ist angesichts einer ungewissen Zukunft ein nicht zu unterschätzender Wert. Dann hat aber dieses Messbarmachen auch eine beruhigende Wirkung. Es verleiht uns ein Gefühl der Handhabe. Diese Phänomene hängen wechselwirkend mit anderen gesellschaftlichen Phänomenen zusammen. Das Dogma der Messbarkeit ist zum Beispiel für den Kapitalismus von essenzieller Bedeutung. Nur was messbar, das heisst bewertbar, ist, ist handelbar und kommt im kapitalistischen Vokabular vor. Ich verstehe den Wunsch nach diesen Gefühlen der Sicherheit und der Handhabe. Doch ich glaube, dass diese Sicherheit eine trügerische ist.

Warum?
Das hängt vor allem damit zusammen, dass ich den drei grossen Versprechen der Aufklärung – dass es auf alle sinnigen Fragen eine Antwort gibt, dass wir alle diese Antworten finden können und dass alle diese Antworten miteinander vereinbar sind – skeptisch gegenüberstehe. Ich glaube, wir müssen lernen, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten, sie sind unvermeidbar. Aber ich möchte das alles ganz ausdrücklich als Kompatibilitätsthese verstanden wissen.

Was meinen Sie damit?
Die quantitative, mathematische Herangehensweise hat natürlich ihre Berechtigung. Wenn Sie wissen wollen, wie morgen das Wetter wird, brauchen Sie ein gutes mathematisches Modell und kein Sonett. Aber sie hat eben gegenwärtig eine zu grosse Bedeutung bekommen. Und wir achten zu wenig auf die Art der Probleme, die wir beschreiben wollen. Haben die Probleme eine soziale Dimension, kommt darin eine grosse Zahl handelnder Menschen vor, die freie Entscheidungen grosser Tragweite treffen können – also mehr als zum Beispiel das Vorwärts-, Zurückgehen oder Stehenbleiben, das einem Menschen in einer Menschenmasse in einem Tunnel bleibt –, dann bin ich skeptisch, ob wir mit mathematischen Beschreibungen sehr weit kommen.

Sie sind offenbar der Ansicht, dass der gegenwärtige Stellenwert der Literatur zu tief sei. Ob es wohl je eine Zeit gegeben hat, in der Schriftsteller mit ihrer gesellschaftlichen Wertschätzung zufrieden gewesen sind?
Ich vermute, Harriet Beecher Stowe wird ganz zufrieden – und vermutlich auch erschrocken – gewesen sein, als Lincoln sie der Legende nach mit den Worten «Sie sind also die kleine Frau, die diesen grossen Krieg ausgelöst hat» begrüsste. Für den Roman, insbesondere den Gesellschaftsroman, war das 19. Jahrhundert eine besondere Zeit. Beecher Stowes «Onkel Toms Hütte», Zolas «Germinal» oder Dickens «David Copperfield» sind Romane, die eine heute undenkbare gesellschaftliche Wirkung erzielt haben.

Ist eine kräftigere Subventionierung des Literaturbetriebs wünschenswert? Hätten Sie sich eine stärkere Förderung gewünscht auf Ihrem Weg zum Debüt?
In der Regel gibt es keine Förderung für ein Debüt. Man muss meistens schon etwas publiziert haben, um für eine Förderung überhaupt infrage zu kommen. Und das ist ja irgendwie verständlich. Da muss man halt durch und sich das Schreiben mit einem Brotberuf ermöglichen. Wer wirklich schreiben will, schreibt so oder so. Grundsätzlich finde ich eine kräftige staatliche Kulturförderung, nicht nur von Literatur, eine gute Sache. Sie ist ja immer auch Ausdruck der Wertschätzung, die eine Gesellschaft der Kunst und Kultur gegenüber aufbringt. Subventionierung ist dann auch in diesem Zusammenhang kein guter Begriff.

Warum?
Das klingt zu sehr nach einem wirtschaftlichen Denken. An Kultur lassen sich keine ökonomischen Massstäbe anlegen, zumindest nicht mit einem relevanten Ergebnis. Förderung finde ich den passenderen Begriff. Und gerade ein Land wie die Schweiz sollte und kann sich das ja auch leisten. Sicherlich, der Vorwurf, Kulturförderung produziere einen Überfluss an wenig relevanten Werken, steht im Raum. Das mag ja für einiges auch zutreffen. Aber sie ermöglicht eben auch Grossartiges, Sperriges, nur schwer Zugängliches, was vielleicht ohne Förderung so nicht möglich gewesen wäre. Das ist mit der Wissenschaftsförderung auch nicht anders. Es scheint, als sei das eine Widersprüchlichkeit staatlicher Fördersysteme. Aber damit können wir doch eigentlich ganz gut umgehen.

Inwiefern profitieren Sie als Literat von Ihrer wissenschaftlichen Arbeit?
Zum einen bedeutet beides, das literarische Schreiben und das philosophische Schreiben, ja vor allem ein Nachdenken über wichtige private und gesellschaftliche Fragen. Und manchmal, wenn man einen Gedanken, einen Satz für gut genug hält, schreibt man ihn eben auf. Insofern sehe ich gar keinen so grossen Unterschied zwischen diesen beiden Tätigkeiten. Zum anderen bringt mich meine wissenschaftliche Tätigkeit dazu, gewisse Autoren, philosophische Autoren, zu lesen, die ich sonst vielleicht nicht lesen würde. Und noch viel wichtiger, sie ermöglicht mir, mit anderen Philosophen über die Fragen, die mich beschäftigen, in einen Dialog zu treten. Die Wissenschaft ist viel kommunikativer als das literarische Schreiben.

Gibt es Literaten, die hinsichtlich dieses Wechselspiels Vorbilder sind für Sie?
Sartre und Lars Gustafsson.

Ihr Debüt hat bisher sehr gute Kritiken erhalten. Wenn Sie nun auf dem Markt reüssieren sollten: Quittieren Sie dann Ihre Wissenschaftskarriere?
Vermutlich nicht. Zum einen gehören diese beiden Beschäftigungen für mich zusammen, und die Philosophie interessiert mich auch einfach zu sehr. Zum anderen ermöglichen mir beide Tätigkeiten wechselseitig gewisse Freiheiten. Wenn es mit dem literarischen Schreiben läuft, bin ich nicht so sehr auf eine akademische Karriere angewiesen und kann auch einmal gewisse Zwänge meiner Disziplin und des universitären Betriebs ignorieren. Und solange ich an der Universität noch ein Einkommen habe, brauche ich nicht auf den finanziellen Erfolg meiner Bücher zu schielen.

Erstellt: 23.01.2013, 14:57 Uhr

Lüscher, Jonas, «Frühling der Barbaren», C. H. Beck, 125 Seiten, ISBN 978-3-406-64694-2, CHF 24.90.

Frühling der Barbaren

Jonas Lüscher (*1976) ist ausgebildeter Primarlehrer und studierter Philosoph. Seit Februar 2011 arbeitet Lüscher als Doktorand an der ETH Zürich. In seiner Doktorarbeit beschäftigt er sich mit der Bedeutung von Narrationen für die Beschreibung sozialer Komplexität. Diese Woche erschien sein literarisches Debüt «Frühling der Barbaren». Lesen Sie hierzu die Rezension von Martin Ebel. (lsch)

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