Das biografische Duell

Hanif Kureishi gehört zu den Pionieren des literarischen Multikulturalismus in England. Nächste Woche stellt er in Zürich seinen neuen Roman «Das letzte Wort» vor.

Hanif Kureishi ist zur Lockerheit des Erstlings zurückgekehrt. Foto: Antonio Olmos (Dukas)

Hanif Kureishi ist zur Lockerheit des Erstlings zurückgekehrt. Foto: Antonio Olmos (Dukas)

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Hanif Kureishi, Sohn eines Pakistaners und einer Engländerin, geboren 1954 und aufgewachsen in London, gehört zu den herausragenden Autoren dessen, was Sigrid Löffler «die neue Weltliteratur» nennt. Mit seinem Romandebüt «Der Buddha der Vorstadt» etablierte er seinen speziellen Ton zwischen Ernst und Unernst, und im Film «Mein wunderbarer Waschsalon», zu dem er das Drehbuch schrieb, konnte sich England als Nation erkennen, die auf lockere Weise ihre Multikulturalität inszenierte.

Es war ein geschöntes Bild, und in späteren Büchern schlug Kureishi auch dunklere Töne an. Der neue Roman allerdings kehrt zum fröhlich-sarkastischen Anarchismus des Erstlings zurück. Die englische Kritik ist teilweise hart mit «The Last Word» umgesprungen, und auch der deutsche Leser hat ­etwas Mühe, um sich mit dem sprunghaften Stil des Buchs anzufreunden.

Brüder und Rivalen

Fast mehr noch als die diskussionswürdige literarische Qualität hat die englischen Kollegen aber interessiert, inwieweit die Hauptfigur, der indischstämmige Autor Mamoon, ein boshaftes Porträt des Nobelpreisträgers V. S. Naipaul darstellt. Wie dieser lebt Mamoon zurückgezogen auf dem Land, verheiratet mit einer zweiten, glamourösen Frau, in Sorge um seinen verblassenden Ruhm und seine nachlassende Kreativität. Naipaul hat 2008 mit der von einem jungen Journalisten verfassten Biografie einen Skandalerfolg erzielt; nicht zuletzt, weil er darin als «snob, bigot, adulterer and user of prostitutes» erschien.

Mit einer Skandalbiografie will Mamoons Verleger die dümpelnde Karriere seines Autors neu lancieren. Denn der hat zwar hohes Ansehen bei Kennern, aber zu niedrige Auflagen. Liana, die neue Frau, hat Ansprüche, und das Landhaus mitsamt Personal verschlingt ordentlich Geld: «Ein Essay über Tagore reicht nicht, um die Reparatur des Whirlpools zu bezahlen.» Nur deshalb willigt Mamoon ein, den 30-jährigen Harry bei sich im «Prospect House» einzuquartieren und ihm Zugang zu persönlichen Papieren zu gestatten.

Das Verhältnis der beiden Männer, als Schürzenjäger zugleich Brüder und Rivalen, ist von Anfang an von untergründiger Aggressivität und gegenseitiger Hinterhältigkeit geprägt. Mamoon instrumentalisiert Harry, um sich wieder ins Gespräch zu bringen; Harry will mit dieser Biografie seine Karriere anstossen. Der Autor möchte als grosser, visionärer Künstler dargestellt werden, der Biograf ist eher auf Schlüssellochblicke aus. Also Sexuelles, möglichst noch Perverses, Sadistisches. Mamoon ist klar, dass die Kriterien des Boulevards auch das einst seriöse Genre der Biografie verdorben haben, aber ganz kann und will er sich den Gesetzen des Marktes nicht entziehen.

Das letzte Wort gehört dem Biografen

So wird die Arbeit an Leben, Werk und Text bei allem höflichen Geplänkel zu einem erbitterten Machtkampf: Harry neidet Mamoon seinen Ruhm und sein Können, Mamoon dem Jüngeren die Vitalität und Zukunft. Vordergründig ist der Grossautor der Stärkere; er schikaniert seinen Biografen nach Strich und Faden, beschimpft ihn als Stümper, verprügelt ihn einmal mit seinem Krückstock. Die Striemen hält Harry per Handy­kamera fest – sind es nicht auch Trophäen? Umgekehrt ist er es, der Mamoons Bild für die Nachwelt festhält. Das letzte Wort gehört dem Biografen.

Weil dieser Gedanke unerträglich ist, schreibt Mamoon heimlich ein eigenes Buch – über einen alten Autor, einen jungen Biografen und dessen hübsche Freundin, die der Alte dem Jungen ausspannt. Und vollzieht, was er schreibt, auch in der Realität: Harrys Freundin Alice ist bald ebenfalls Gast in «Prospect House», massiert den schmerzenden Rücken des Schriftstellers, hört seinen Monologen zu und reizt seine dämmernde Männlichkeit noch einmal auf.

Das biografische Duell ist eine reizvolle Konstruktion und von John Updike («Sucht mein Angesicht») oder Daniel Kehlmann («Ich und Kaminski») fantasievoll gestaltet worden. Das Setting bietet gute Voraussetzungen, den Kunst- oder Literaturbetrieb zu geisseln und grundsätzliche Fragen der Kreativität zu behandeln. Kureishi – der übrigens jeden Bezug zu Naipaul bestreitet, jede Person im Buch sei er selbst, der ganze Roman ein «Selfie» – will und tut beides, in wechselnder Akzentuierung und einem geradezu schwindelig machenden Registerwechsel zwischen schwer und leicht, satirisch und ernsthaft, grotesk und vulgär, sensibel und geschmacklos.

«Das letzte Wort» spielt in einem postliterarischen Zeitalter, in dem, wie Mamoon klagt, nur noch Diät- und Fitnessratgeber reüssieren und die grossen Werke der Vergangenheit – inklusive die seinen –, «all diese Gebirge aus Worten, auf Nimmerwiedersehen in den Ozean gespült» werden. Schwarzer Höhepunkt des Romans ist ein Dinner im Hinterzimmer eines indischen Restaurants, bei dem Mamoon einen Toast auf den Untergang ausbringt. England, die «Demokratie der Tölpel», habe keine Zukunft, die Menschheit gehe der «totalen Selbstzerstörung» entgegen, und so stösst er an auf die «fröhliche Apokalypse».

Eine blosse Behauptung

Hier gewinnt die Figur für einmal eine pathetische, ja dämonische Dimension, die die ansonsten vorherrschende Schlüsselloch- und Unterhosenperspektive nicht erfasst. Ein Schriftsteller wird aus der Ferne bewundert und von seiner Familie gehasst, heisst es einmal. Seine Grösse drückt sich im Werk aus, nicht in seinen Bettgeschichten. Die Grösse ­Mamoons, da wir ihn nur aus der Nähe erleben, betrachtet mit den Augen des eifersüchtigen Biografen, seiner geltungssüchtigen Gattin und seines Hofstaats, bleibt meist blosse Behauptung. Die Boulevardperspektive ist nicht nur seinem Helden, sondern auch dem Roman zum Verhängnis geworden.

Hanif Kureishi: Das letzte Wort. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. S. Fischer, Frankfurt 2015. 336 S., ca. 30 Fr.; Lesung und Gespräch: 17. 3., 20 Uhr, Kaufleuten Zürich.​ (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 18:24 Uhr

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