Hintergrund

«Das einzige Mädchen, das rappen konnte und dabei nicht scheisse aussah»

Im Roman «Karizma» erobert ein junges Model als Rapperin die deutsche Musikwelt. Die Schweizerin Sara Gmuer, selbst Model und Schauspielerin, gibt Auskunft über ihr Buch, Rap und Literatur.

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Frauen haben im Hip-Hop nichts zu sagen, sind blosse Dekoration? Muss nicht sein. Sara Gmuer erzählt in ihrem Debütroman «Karizma» die Geschichte einer Rapperin, die sich durchsetzt. Rap und Literatur waren für sie immer enge Verwandte. «Ich habe bei guten Rappern immer auch so etwas wie Literatur herausgespürt, eine krasse Begabung, mit dem Wort umzugehen, zum Beispiel bei Kool Savas oder Sammy Deluxe.» Diese Begabung hat sie offenbar auch, wie ein Bekannter von ihr meinte: «Ich kannte mal einen Literaturagenten, der meinte: ‹Die Sara hat eigentlich keine Ahnung von Literatur und so, aber sie hat einfach den Finger, wo's passiert.›» Geschrieben hat sie schon immer, und vor vier Jahren dachte sie: Warum nicht einen Roman daraus machen?

«Frauen und Rap, ist halt so ne Sache»

In ihrem Debütroman «Karizma» erzählt sie die Geschichte von Victoria, die vom gelangweilten Model durch ihre grosse Liebe, den Hip-Hop-Star Said, zur erfolgreichen Rapperin Karizma wird – «das einzige Mädchen, das rappen konnte und dabei nicht scheisse aussah». Es ist eine Geschichte von Liebe und Musik, von Aufstieg und Fall, von der Stadt Berlin und der Suche nach Identität, fast schon ein klassischer Bildungsroman. Wie kam sie auf die Idee für ihre Geschichte? «Mich hat es immer genervt, dass es in Deutschland keine Frau in der Rap-Szene gibt, die – wie Lil' Kim oder Foxy Brown oder Missy Elliot in den USA – auf Augenhöhe mit den Männern ist. Da dachte ich: Ich könnte ja so eine Figur erschaffen.» Im Roman klingt das so: «Frauen und Rap, ist halt so ne Sache. In Deutschland kannte ich keine.» Victoria wird als Karizma die erste, trotz verschiedener Hindernisse schafft sie es und wird Rap-Superstar – und trotzdem nicht glücklich. Ständig hadert sie mit Gott und ihrem Schicksal, mit der Liebe und den Männern: «Ich lenkte mich ab, machte mir absichtlich das Herz kaputt. Drogen und Männer, mehr braucht man dazu nicht.»

Die Musik ist für Sara Gmuer nicht nur Thema, sondern auch Vorbild für die Form: «Meine Inspiration kommt aus dem Rap. Ich lese eher selten. Bücher interessieren mich nur, wenn ich sie mit einer Person verbinden kann.» Stattdessen überlegt sie sich, wenn sie nicht weiter weiss: Was würde Jay-Z tun? Die Sprache wird dadurch oft salopp und klingt nach Slang, was aber kraftvoll und unterhaltsam daherkommt. So spricht man auf den Strassen von Berlin. «Alte, weisst du überhaupt, was du da tust?» Doch geschieht das mit der nötigen Ironie, wie Victoria sagt: «Ich dachte noch nie klein, nahm mich aber auch noch nie ernst.»

Locarno, Luzern, Zürich – Berlin

Nach der Kindheit im Tessin und in Luzern brach Sara Gmuer mit 17 die Schule ab, arbeitete als Model, machte die Schauspielschule in Zürich, zog nach München und schliesslich nach Berlin. Seit zehn Jahren wohnt sie in Deutschland und arbeitet als Model und Schauspielerin – Arbeit, bei der man immer von anderen abhängig ist: «Bei der Schauspielerei dreht man etwas, hat aber keine Ahnung, wie es am Schluss aussieht. Dann ist es auch einfach zu sagen, die anderen haben es nicht gut gemacht.» Bei diesen Jobs hatte sie genug Zeit, um zu überlegen und zu schreiben. Warum als Ergebnis ein Roman? «Ich wollte eigentlich ein Drehbuch schreiben. Ich habe damit angefangen, aber schnell gemerkt, dass mir ein Roman einfacher fällt, weil ich mir nicht überlegen muss, wie das jetzt umsetzbar ist. Ich wollte einfach mal schauen, was ich schaffe, ganz alleine und ohne Hilfe.»

Die Stadt als Schauplatz ist zentral, die Grossstadt Berlin mit ihren Figuren und Geschichten. Der Roman könnte für sie nirgendwo anders spielen, vor allem nicht in der Schweiz. «Ich finde, Schweizer Männer sind recht zahm. In Berlin habe ich Leute kennen gelernt, die anders sind. Da muss man aufpassen, die sind einfach eine Spur krasser und konsequenter. Solche Leute faszinieren mich, und solche Leute spielen auch in meinem Roman mit.» Solche Leute, die Gefängnisse von innen kennen und Werte wie Ehre und Familie hochhalten, wie Saids kleiner Bruder Cihad in der Geschichte: «Krass, dachte ich, solche Jungs schreiben SMS mit mehr Fehlern als Buchstaben, wenn es aber drauf ankommt, könnten die meisten von ihnen was lernen.»

Was würde Jay-Z tun?

Und wie möchte sie weitermachen? «Ich möchte auf jeden Fall weiter schreiben, da habe ich meine grosse Liebe gefunden. Ich habe auch schon eine Idee für einen neuen Roman.» Zuerst wird sie aber über eine Verfilmung von Karizma verhandeln, und wenn möglich auch beim Drehbuch mitwirken.

Und wenn sie mal keine Idee hat, weiss sie ja, an wen sie sich wenden kann, und fragt sich: Was würde Jay-Z tun? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2012, 15:32 Uhr

Gmuer, Sara; «KARIZMA»; Orange Press, ISBN 978-3-936086-62-1, 219 Seiten, CHF 21.50.

KARIZMA

Sara Gmuer

Sara Gmuer wurde 1980 in Locarno geboren und verbrachte ihre Kindheit im Tessin und in Luzern. Nach dem Abschluss der Schauspielschule in Zürich zog sie nach Deutschland und arbeitete als Model und Schauspielerin. «Karizma» ist ihr Debüt als Schriftstellerin.

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