Hintergrund

Das gezeichnete Ich

«Das Herz auf der Haut» erzählt die Geschichte der Tätowierungen. Selbst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit haben sich Tattoos ihre exotisch-erotische Aura bewahrt.

«Schlampenstempel»: Dekorative Motive an auffälligen Körperstellen.

«Schlampenstempel»: Dekorative Motive an auffälligen Körperstellen. Bild: Keystone

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Die Risiken des Tätowierens sind bekannt: krebserregende Farbstoffe, verschmutzte Tätowiermaschinen, unprofessionelle «Hacker», Allergien, Infektionen und vor allem: überholte Motive. Immerhin, die verwischten Spuren ewiger Liebe gehören wie Schwangerschaftsstreifen, Falten oder Schussnarben zum gelebten Leben. Johnny Depp zog sich elegant aus der Affäre, als er aus «Winona forever» einfach «Wino forever» machte. Peinlicher als ausradierte Liebesschwüre und weggelaserte Lover sind Sprach- und Rechtschreibschwächen. Die Beckhams und Britney Spears können ein Lied von den Tücken hebräischer und Hindi-Schriftzeichen singen. Claudia Effenberg hielt «Love never die» für Englisch, Kelly Osbourne «Je vous aime la maman» für Französisch, Hayden Panettiere verstand beim «vivere senza rimipianti» (Leben, ohne etwas zu bedauern) etwas falsch.

Der «Schlampenstempel»

Aber all das hat den nun schon mindestens zwei Jahrzehnte währenden Siegeszug der Tattoos nicht aufhalten können. In westlichen Ländern wie Deutschland oder den USA ist heute mehr als ein Viertel aller jungen Männer und Frauen tätowiert. Meist sind es nur dekorative Motive an unauffälligen Körperstellen: ein Stammeszeichen (Tribal) am Steiss, ein Sternchen an der Ferse, ein Drachen am Bizeps, der bei Bedarf unter dem Businesshemd verschwindet, ein Tiger, der nur in intimen Momenten zum Sprung ansetzt. Das in den Neunzigern populäre Arschgeweih ist durch inflationären Gebrauch im Unterschichtfernsehen zum «Schlampenstempel» entwertet worden. Der Trend geht heute zu Poesiealben, weltanschaulichen Statements oder Porträts von Familienmitgliedern und Haustieren. Ganzkörpertapeten sind eher etwas für Wagemutige. Der Schriftsteller Clemens Meyer, der diesem Ideal schon ziemlich nahe kommt, bezeichnet im Vorwort einer neuen Anthologie («Das Herz auf der Haut. Literarische Geschichten über das Tattoo von Herman Melville bis Franziska Gerstenberg», Mareverlag 2011) das Gesichtstattoo als «Königsklasse»: «Wenn tätowiert, dann ganz und gar. Keine halben Sachen, nix Kleines auf den Arm, mit dem Mister Möchtegern rumposen kann im Sommer.»

Rilke-Gedicht auf dem Leib

Wer sich grossflächig tätowiert, will aufs Ganze gehen, sein gezeichnetes Ich mit all seinen Facetten vorführen. Angelina Jolies Haut ist mittlerweile Stamm- und Logbuch ihrer Kinder und Liebhaber, ein multikulturelles Palimpsest von zwanzig politischen Botschaften, literarischen Zitaten und Gebetsformeln in Sanskrit, Arabisch, Lateinisch und anderen Fremdsprachen. Rihanna, Amy Winehouse und Pamela Anderson, Fussballer, Rockmusiker und «Dschungelcamp»-Heroinen: Jeder Star ist heute mehr oder weniger geschmackvoll tätowiert und kulturell codiert. Lady Gaga hat sich ein Rilke-Gedicht auf den Leib gravieren lassen, Megan Fox Shakespeare, Robbie Williams eine Liebeserklärung an Mama.

Auch die Fussballer tragen längst nicht mehr nur Stacheldraht und Raubtiere zur Schau, sondern römische Philosophen (Marco Materazzi), Bibelsprüche (Naldo) oder ein Trikot, das einem niemand mehr ausziehen kann (Selim Teber). Das Medium ist die Botschaft: Wir sind Körperkünstler mit Haut und Haar. Clemens Meyer liess sich mit achtzehn die erste Eidechse hacken und fühlt sich seither «gestochen bis zum Ende». Tätowieren ist für ihn ein Schreiben, das radikaler, einschneidender und schmerzhafter ist als jedes Papiergekritzel. «Wir sind anders», dröhnt er mit dem Pathos des schwarzen Romantikers. «Wir sind weit gereist. Wir haben viel gesehen. Und wir wollen nicht vergessen.»

Körperschmuck Anfang aller Kunst

Tätowierungen sind tatsächlich unvergesslich. Ötzi, die Pikten, Skythen und viele Kelten waren tätowiert; Darwin hielt den Körperschmuck gar für den Anfang aller Kunst. In Europa geriet, anders als etwa in Japan, die Kunst des Tätowierens wieder in Vergessenheit – bis Kapitän Cook gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen tätowierten edlen Wilden aus der Südsee mitbrachte. Omai faszinierte die feinen Damen Londons und inspirierte Matrosen, Verbrecher, Häftlinge, Landstreicher und Prostituierte dazu, sich das Brandzeichen ihrer Verworfenheit stolz in die eigene Haut zu ritzen. Im 19. Jahrhundert begannen die Poètes maudits das Kainsmal der Verbrecher als Siegel ihrer Revolte zu entdecken. Melville beschrieb in «Moby Dick» den Tattoomann Queequeg als gutmütigen Kannibalen, Rimbaud rühmte sich als Outlaw («Ich werde mich tätowieren, ich will hässlich werden wie ein Mongole»), Ray Bradbury erweckte die Zeichnungen auf der Haut des «Illustrierten Mannes» zu einem gespenstischen Leben. Die weiblichen Autoren standen dieser maskulinen «Geographie der Lust» (Jürg Federspiel) lange eher misstrauisch gegenüber: Für Sylvia Plath etwa war der «Fünfzehn-Dollar-Adler» eine billige Männersache (vor der sie allerdings ohnmächtig zu Boden ging), für Flannery O’Connors Predigertochter war selbst der tätowierte Gott auf «Parkers Rücken» nur die «Eitelkeit der Eitelkeiten».

Tattoos markieren immer auch Zugehörigkeiten und Hierarchien: Die SS-Aufseher im KZ trugen ihre Blutgruppe auf dem Oberarm, ihre Opfer Häftlingsnummern auf dem Unterarm. Heute ist die Tätowierung als Identitätsausweis und Modeaccessoire in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Der Zusammenhang zwischen Körperornament und Verbrechen hat sich gelöst; selbst Schüler und Büroangestellte tragen heute Tattoos. Als Sisi sich 1888 in einer Hafenkneipe einen Anker auf die Schulter tätowieren liess, erfuhr nicht einmal Kaiser Franz etwas von ihrer Verirrung. Dass Samantha Cameron, die englische First Lady, und Bettina Wulff, die Frau des deutschen Bundespräsidenten nette kleine Tattoos tragen, weiss die ganze Welt.

Goodyear zahlt Tattoos

Im Zeitalter des Körperkults, der Busenvergrösserung und des Piercings ist die menschliche Haut nicht mehr naturgegeben, sondern Schreibfläche und öffentliches Tagebuch für individuelle Statements und feine Unterschiede. Tätowierungen sind heute Permanent Make-up und urbane Subkultur, Gaunerzinken und Geschäft, Firmenlogo der Ich-AG oder auch Litfasssäule: Goodyear bezahlt Kunden, die sich als lebende Reklametafel tätowieren lassen, einen Satz Reifen. Die Tattoo-Studios sind längst keine schmuddeligen Hinterhofklitschen mehr, die alten Hacker und Stecher inszenieren sich als Körperdesigner, Konzeptkünstler und moderne Schamanen. Die Szene tauscht auf Tattoo-Conventions und in Zeitschriften wie dem «Tätowier-Magazin» (Auflage: 65'000) ihre Erfahrungen aus. Im Männersender DMAX laufen Dokusoaps wie «Miami Ink», «L.A. Ink» oder «Tattoo – Eine Familie sticht zu». Kat von D, amtierende Weltrekordlerin und Sexikone der Szene, sieht nicht nur aus wie ein bunter Hund: Sie ist tatsächlich ein Hollywood-Star.

Die rituelle Funktion, die Motive und die Techniken des Tätowierens haben sich seit Ötzis und Omais Zeiten verändert. Die durchstochenen Herzen und Anker sind durch elaboriertere Inschriften und Embleme, die biologischen Pflanzenfarben durch Industrielacke wie Ferrari-Rot ersetzt worden. Aber selbst im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit haben sich die Tätowierungen offenbar einen Rest ihrer alten exotisch-erotischen Aura bewahrt.

Erstellt: 26.04.2011, 08:07 Uhr

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Das Buch

Das Herz auf der Haut. Hrsg. von Benedikt Geulen, Peter Graf, Marcus Seibert. Mareverlag, Hamburg 2011.367 S., ca. 40 Fr.

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