Literatur

Das grösste Comeback aller Zeiten

Ein Klon von Jesus Christus erschüttert die katholische Kirche: In seinem Thriller «Das letzte Sakrament» lässt der in Bern lebende Autor Thomas Kowa den Heiland nach 2000 Jahren wiederauferstehen.

Bluttat im Blutturm: Thomas Kowa vor dem Schauplatz eines Mordes im Thriller «Das letzte Sakrament».

Bluttat im Blutturm: Thomas Kowa vor dem Schauplatz eines Mordes im Thriller «Das letzte Sakrament». Bild: Manu Friederich

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Der Tote sass auf einem Stuhl im Blutturm unter der Lorrainebrücke, den Kopf zurückgelehnt. «Eine dunkelrote Linie zog sich von seiner Nase über seinen Körper bis auf den Betonboden. Geronnenes Blut.» Dr. Walter Leuenberger, Leiter des Labors im Berner Inselspital, war eine Überdosis Kokain verabreicht worden. Der Basler Kommissar Alex Pandera kommt nach Bern, weil er einen Zusammenhang vermutet zwischen diesem Verbrechen und einem Mordfall in einem Labor, wo der Bruder des Basler Bischofs eines gewaltsamen Tods starb.

Der 42-jährige Betriebswirtschaftler Thomas Kowa wohnt in der Berner Altstadt und joggt regelmässig entlang der Aare am Blutturm vorbei. «Es war eine spontane Entscheidung, einen der Morde ausserhalb von Basel stattfinden zu lassen», sagt er und schmunzelt. Der Liebe wegen zog Kowa vor fünf Jahren von Ludwigshafen nach Bern («eine sehr einfache Entscheidung»).

Der Autor mehrerer Kurzgeschichten – früher wirkte er auch als Musikproduzent von Elektro-Pop – arbeitet im Diagnostikbereich des Burgdorfer Sitzes von Hoffmann-La Roche, wo Insulinpumpen für Diabetiker hergestellt werden.

Der Heiland als Kleinkind

Zu seinem Thriller liess sich Thomas Kowa von der ersten Pilgerreise des amtierenden Papstes inspirieren. Benedikt XVI. besuchte 2006 in den Abruzzen den Schleier von Manoppello, der – weniger bekannt als das Turiner Grabtuch – von einigen Forschern auch dem Grab Jesu in Jerusalem zugeordnet wird. «So entstand die Idee, dass aus der DNA-Substanz in diesen Reliquien Jesus geklont wird», erzählt Thomas Kowa.

Ehe er sich an die Ausarbeitung der Geschichte machte, klärte Kowa ab, ob es bereits Bücher gibt mit diesem Plot: «Ich stiess zwar auf diverse Geschichten mit einem erwachsenen Jesus, aber bislang hat offenbar niemand einen Heiland als Kleinkind ins Zentrum gestellt.»

«Endlich erwachsen werden»

In Kowas Thriller sind im Auftrag des Vatikans unter strengster Geheimhaltung in einem Basler Labor Proben des Turiner Grabtuchs untersucht worden. Auf dem Petersplatz verkündet kurz darauf ein Journalist in einer Livesendung das Wunder: Jesus Christus soll von den Toten auferstanden sein. Gottes Sohn wird in einem Video gezeigt, er ist zwei Jahre alt.

Ein atheistischer Reproduktionsmediziner behauptet, dass er aus den DNA-Fragmenten des Turiner Grabtuchs und des Schweisstuchs von Oviedo das komplette Genom von Jesus Christus rekonstruieren konnte. Dieser Professor verfolgt seine eigenen Ziele, ihm geht es nicht um Macht und Ruhm, er will den Gläubigen vielmehr eine Lektion erteilen: Die Menschheit soll endlich erwachsen werden.

Unschuldiges Kind als «Spielball»

Es ist eine der Stärken von «Das letzte Sakrament», dass der Thriller die Skepsis des Lesers gegenüber diesem Genexperiment gezielt zu nähren und gleichzeitig die Plausibilität des Szenarios überzeugend zu vermitteln weiss. Das unschuldige Kind wird zum «Spielball» unterschiedlicher Interessen, zu den Akteuren gehört auch ein Generalvikar mit einer Vergangenheit als Fremdenlegionär und der Postur eines Bodybuilders.

Nur eine leere, wortlose Hülle

Der Journalist des global operierenden Nachrichtensender Bignews begnügt sich nicht mehr mit seiner Rolle als Sprachrohr und sieht bereits ein «Zeitalter der Information» anbrechen mit ihm als Heilsbringer: «Der christliche Glaube ist wie ein Computer ohne Internetanschluss, seit zweitausend Jahren keine Updates.»

Die katholische Nomenklatura im Vatikan schliesslich ist mit einem existenziellen Problem konfrontiert: Wer braucht einen Stellvertreter Christi, wenn der Religionsstifter persönlich auf Erden weilt? In einer Stellungnahme holt der Papst zum Gegenschlag aus: «Was ist ein Klon wert ohne die Seele des Menschen? Er ist nur eine leere, gottlose Hülle.»

Ein Berner «Dan Brown»

Sechs Jahre hat Thomas Kowa an seinem Romandebüt geschrieben, Plot und Figuren in Schreibworkshops immer wieder überarbeitet, ehe er von einer Literaturagentur unter Vertrag genommen wurde. So kam der Kontakt mit dem Verlag Bastei Lübbe zustande. Als ihm seine Agentur die frohe Botschaft telefonisch übermittelte, befand er sich gerade auf einer Weltreise und lag an einem Strand in Vietnam.

«Das letzte Sakrament» erinnert von seiner Thematik her unübersehbar an Dan Browns Thriller «Sakrileg» oder «Illuminati» – und wird vom Verlag auch so positioniert. Thomas Kowa hat diesen Vergleich erwartet und reagiert gelassen: «Damit habe ich keine Probleme», sagt er, «Dan Brown hat nicht das Exklusivrecht, Thriller mit religiösem Hintergrund zu schreiben.»

Hohes Tempo, prägnante Dialoge

Ob er selber einen katholischen Hintergrund hat, lässt Thomas Kowa offen: «Auf diese Frage antworte ich bewusst nicht, weil ich bei den Lesern keine Vorurteile wecken will.» Seine eigene Position, so viel lässt er immerhin durchblicken, sei der agnostisch- pragmatischen Haltung des spanischstämmigen Kommissars ähnlich.

Bei Dan Brown hat Thomas Kowa die Cliffhanger-Technik ausgiebig studiert und in seinem Roman mit beachtlicher Könnerschaft umgesetzt: Das Tempo ist oft hoch, die Dialoge prägnant, die Kapitel kurz und meist auf einen Spannungsmoment zugespitzt. Zwanglos streut der Autor theologisches Wissen und medizinische Informationen zur Reproduktionstechnologie ein, ohne dass der Fortgang der Handlung damit unnötig verzögert würde.

Tor zum «Syndikat» Schweizer Krimiautoren geöffnet

Die diversen Erzählfäden werden immer enger miteinander verzahnt, bis sich alle Protagonisten auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer zum Showdown einfinden. Am Ende gibt es eine offizielle Version über die Täterschaft und das Schicksal des Jesus-Klons – und es gibt eine Wahrheit, die nur Kommissar Pandera kennt und aus guten Gründen für sich behält.

Gegenwärtig schreibt Thomas Kowa an Alex Panderas zweitem Fall: Ein religiöser Ritus aus dem Mittelalter lebt in tödlicher Weise wieder auf. Auch wenn er sich als Autor vorab für kriminelle Handlungen in der Schweiz interessiert: Thomas Kowa fühlt sich in seiner Wahlheimat bestens integriert.

Sein Debütkrimi hat ihm nicht nur das Tor zum «Syndikat» Schweizer Krimiautoren geöffnet, er hat auch bereits sein erstes Spiel in der Fussballnationalmannschaft der Schweizer Literaten mit Erfolg absolviert: «Mein Gegenspieler hat zwar ein Tor geschossen, aber wir haben schliesslich 2:1 gewonnen.»

Erstellt: 19.07.2012, 16:02 Uhr

Kowa, Thomas, «Das letzte Sakrament», Bastei-Lübbe, 2012, 381 Seiten, ISBN 978-3-404-16674-9, CHF 14.90.

Das letzte Sakrament

Thomas Kowa: Das letzte Sakrament.

Lesung: Donnerstag 19. Juli, 20 Uhr im Kulturlokal Ono, Bern.
Türe/Bar: 19:00 Uhr
Eintritt: Fr. 25.00 / 15.00
www.onobern.ch

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