Online-Experiment

Das ist unsere Geschichte!

Die erste Poesie-Session auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet ist Geschichte. Lesen Sie hier die Story, die Dichter Jürg Halter live und online geschrieben hat!

Der lesende Dichter, durch die Redaktionsräume streifend. (Video: Linus Schöpfer)

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Oh, wie ist das schön hier!!

Hier möchte ich bleiben und mit der Ewigkeit aus dem Spannteppich steigen oder doch eher mit dem Staub in ihm versinken?

Oder soll ich es doch lieber lassen mit dem Reimen? Aber wieso überhaupt eine Geschichte beginnen? Wurde doch ALLES schon erzählt. Na, ja. Ich bin ein unbeschriebenes Blatt und weiss von nichts. Also, weiter im Takt.

Oh, wie ist das schön hier!! Habe ich das schon erwähnt? Sitzen wir nicht alle vor einem Bildschirm und stellen uns vor, wir spazierten auf dessen Rückseite unter blauem Himmel über eine grüne Wiese und hätten uns nichts zu beweisen, als dass wir im Stande sind, aufs Eleganteste Blumen zu pflücken und mit den Amseln friedlich zu zwitschern? Oh, ich stelle fest, ich habe den roten Faden, den ich von Anfang an nicht hatte, bereits verloren. Schreiben sei ein intimer, einsamer Prozess, heisst es doch. Ich schreibe hier auf der Redaktion des Tages-Anzeigers also unter idealen Bedingungen ...

Ich sitze hier inmitten des Gegenwartsrauschens, beobachtet von einer erwartungsvollen Mineralwasserflasche. Ich überlege mir, ob all die Gegenstände, die uns ständig umgeben, ständig über uns nachdenken? – Ich träume von der Flucht nach vorne.

Plötzlich stehen Fatima und Matthyas neben mir. Sie sagen, ich soll mit ihnen mitgehen, sie hätten den Anfang des Regenbogens gefunden. «Da könnte ja jeder kommen!» entgegne ich und: «Doch, ja! Ich will! Lass es uns wagen! Wir gründen eine neue Kolonie über den Wolken! Miss Weltfrieden übernehme das Patronat!»

Doch nein, ich bin hier verpflichtet. Ich muss bleiben. Weltliteratur ist ein grosses Wort. Ist aber nicht in jedem Kioskarztroman die Welt zu finden? – Jetzt aber fertig mit dem Geplänkel. Nun zur Geschichte: Es ist die Geschichte über uns.

Wer sind wir? Von News zu News hetzend, als könnten wir uns jemals eine Übersicht verschaffen. Jetzt gerade: Massaker an Batman-Premiere in den USA. Jetzt gerade: Ein Sack voll Reis kippt in China um. Jetzt gerade flüstert ein Banker einem Berater im Swinger-Club zu : «Ich will nicht zynisch werden.»

Wir haben Angst vor der Stille, weil die Stille uns vorführt. Vorführt als das, was wir sind: Überforderte, Uneinsichtige, Gegenwartssüchtige, die nur so lange ihre eigenen Privilegien nicht beschnitten werden, gute Menschen sind. – Aber ist unter bestimmten Umständen nicht jeder Mensch zu allem im Stande? Was sind Augenzeugen? Wir sehen immer nur das, was wir sehen. Wir sehen nie das Ganze. Wir sind alle schlechte Zeugen. Und was ist ein Blutüberströmter? Gibt es noch blutfreie Stellen an ihm zu erkennen? Und was sind wir im Angesicht eines Blutüberströmten? Und was fühlen wir, wenn wir lesen: «Laut mehreren Augenzeugen wurden auch Kinder – in einem Fall gar ein Baby – verletzt oder getötet.»

Wenn wir die immer gleichen Sätze gebrauchen, ist das, weil wir so in sie vertrauen? Oder weil wir uns fürchten genauer hinzusehen und nach Wendungen zu suchen, die uns selbst treffen würden, weil wir von ihnen selber am meisten überrascht wären? Und weil wir dann unseren eigenen Formulierungen verletztlich gegenüberstehen würden? Formulierungen gegenüberstehen? Was für eine unglückliche Formulierung! - Wir scheitern immer an der Sprache. Doch dürfen wir nicht vor ihr resignieren. Sonst können wir unsere Gehirne gleich ganz auslagern. Und wer glaubt, eine Sprache zu beherrschen, hat den Verstand sowieso schon geopfert. Wem geopfert? Lasst mich kurz überlegen. Pinkelpause.

Pinkelpause erfolgreich beendet. Was für ein intimes Bekenntnis! Ich hätte nie gedacht, dass ich mein Privatleben auf diesem Weg und dermassen preisgebe: Ich besitze eine Blase!

Bin ich nun der Charlotte Roche der Schweiz? Nein, danke. Darauf kann ich verzichten. Ich bleibe lieber halterig. – Ach, ja, zurück zur Frage: «Und wer glaubt, eine Sprache zu beherrschen, hat den Verstand sowieso schon geopfert. Wem geopfert?» – «Der Wahrheit» ist die Antwort. Dies ist mir vorhin eingefallen, als ich die Unvollkommenheit, die ich bin und stolzlos repräsentiere, im Toiletten-Spiegel betrachtete.

Wir sind also immer noch hier. Heimat ist zum Beispiel dort, wo unsere Unaufmerksamkeit zu Hause ist. Wir sind zerstreut, das heisst durchlässig. Und wenn wir fokussiert sind, dann sind wir undurchlässig und verpassen mehr als wenn wir zerstreut sind und ... Je länger wir über uns nachdenken, je schwerer oder leichtsinnger werden wir. Das ist also unsere Geschichte ohne Anfang und Ende. Und ob wir nun über Parkett, Stein oder Spannteppich gehen, spielt am Ende des Tages keine Rolle mehr. Denn dann schweben wir über unseren Betten in einem gemeinsamen Traum dahin. Was ist aber unser gemeinsamer Traum?

Unser Traum ist es, dass wir vergessen, woher wir kommen und uns keine Gedanken machen, wohin wir gehen. Unser Traum ist es, dass wir vergessen, dass wir geboren wurden und dass wir sterben werden. Unser Traum ist es, dass wir auf einer Insel leben, auf der niemand etwas besitzt, weil alle alles besitzen. Wir hätten keinen Begriff von Besitz. Unser Traum ist es, dass wir niemandem etwas schuldig sind. Wir hätten keinen Begriff von Schuld. Unser Traum ist die totale Gegenwart. Nur hier und jetzt fühlen und sein. Wir haben das Denken verloren. Und können es nicht vermissen. Weder können wir uns erinnern, noch machen wir uns Sorgen darüber, was sein wird. Und so wiederholen wir den Moment, weil es keine Erinnerung gibt, gibt es auch keine Wiederholung und sind wunschlos. Und wenn wir aufwachen lesen wir auf tagesanzeiger.ch Sätze wie dieser: «Der Mann habe sich von der Tür um sich schiessend die Treppe nach oben gearbeitet.»

Und plötzlich stellen wir fest: Die Zeit ist bald um. Unser Experiment verlangt nach einem Schluss. Und so muss ich auch für diese Geschichte ein Ende finden. Doch wie enden, wo kein Anfang war? Was meinen Sie?

«Oh, wie war das schön hier!!» zwitschert der Vogel, der unter meinem Hut nistet. Und ich zwitschere zurück: «Wohl, war! Aber das nächste mal, schreibst du hier gleich selbst!» Und gemeinsam nehmen wir auf dem Fenstersims Platz. Und ein Redaktor ruft: «Nein, nicht!» Und ich zurück: «Ich bin so frei!» Und fliege los, steige hoch in den grauen Himmel über Zürich, wo unsere Geschichte ihre Fortsetzung finden wird. Bestimmt. Ein anderes mal. Und der Vogel jubiliert: «Adieu! Adieu! Du dunkle, schöne, traurige, weite, enge, unvollkommene, heisere, sanfte, ewige, leichtsinnige, unfassbare, endliche Welt!» Und ich zum Vogel: «Nun ist aber gut.»

Erstellt: 20.07.2012, 13:27 Uhr

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Das Live-Poesie-Experiment beginnt

Das Live-Poesie-Experiment beginnt Erster Autor: Jürg Halter

Online-Experiment Live-Poesie

Jeden Freitag lädt Tagesanzeiger.ch/ Newsnet einen Poeten in die Redaktion ein, der während zwei Stunden an einer Geschichte schreibt. Das Spezielle daran: Die Geschichte entsteht vor den Augen der Leser, live und online – die Arbeit des Autors kann in Echtzeit nachvollzogen werden.

Bei der Premiere hat die Kulturredaktion von Tagesanzeiger.ch/Newsnet Jürg Halter einen Startsatz vorgegeben. Nun gilt das Stafettenprinzip: Halter setzt seinem Nachfolger den ersten Satz. Jener Satz wird dem Starter aber erst unmittelbar vor der Online-Schaltung bekannt gegeben, um den Live-Charakter zu wahren.

Nächste Woche lesen Sie Live-Poesie von Andri Perl, wie Halter sowohl Rapper als auch Schriftsteller.

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