Interview

«Das nächste Opfer der Verbotskultur ist der Alkohol»

Peter Richter hat ein süffiges Buch «Über das Trinken» geschrieben. Der Autor über den Ideal-Rausch, beschwipste Politiker und alkoholisierte Autofahrer.

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Herr Richter, haben Sie eine Flasche Alkohol in der Schublade Ihres Schreibtischs versteckt?
Keinen Tropfen, noch nicht einmal Zigaretten. Ich predige zwar den Wein, trinke selber aber Wasser. Generationen von Journalisten vor mir haben es umgekehrt gehalten.

Früher gingen Journalisten am Nachmittag zum Apéro und hatten eine Whiskyflasche in der Schublade. Heute schreiben sie nüchtern unter Zeitdruck. Ist Ihrer Ansicht nach dadurch auch der Stil nüchtern geworden?
Im Gegenteil, würde ich sagen: Je betrunkener die früher vom Lunch in die Redaktion zurückkamen, desto mehr haben die sich an so scheinseriösen Formulierungskrücken festgehalten wie «indes», «freilich» oder «... bleibt abzuwarten» – eben wie Betrunkene an der Laterne. Es ist ja dann eben leider doch nicht jeder ein Hemingway. Bei uns in der Redaktion lautet die Parole: Der Text ist die Party. Das Schreiben – und idealerweise dann auch das Lesen – sollte ein berauschendes Erlebnis sein. Wenn das gut gelingt, ist das allerdings schon ein Anlass, eine Flasche aufzumachen. Oder zwei.

Sie wollen mit Ihrem Buch «Über das Trinken» eine Begründung zum Trinken liefern. Sind Sie von einem Weinproduzenten oder einer Brauerei bezahlt?
Umgedreht wird ein Schuh daraus: In nichts habe ich persönlich in meinem Leben mehr Geld gesteckt als eben in Dinge, die Spass machen. Entsprechend gross ist mein Interesse, dass sie mir erhalten bleiben. Ich hoffe, mit diesem grundsoliden Wirtschaftsgedanken gerade in der Schweiz Verständnis für mein Anliegen zu finden: Hedonismus! Zwischen den Polen «Abstinenz» und «Alkoholismus» liegen ganze Kontinente der alkoholinduzierten Geselligkeit, Heiterkeit und klugen Schnapsideen. Es wäre für die Zivilisation eine Katastrophe, auf diesen Treibstoff verzichten zu müssen. Ich nehme Winzer und Brauer nicht als Industrielle wahr, die mir was zustecken sollten. Sondern als Kulturschaffende, denen wir sehr viel Schönes verdanken.

«Wer trinkt, hat in unserer Gesellschaft ein Problem», schreiben Sie einmal und ergänzen: «Wer nicht trinkt, aber auch.» Wie kommt man aus diesem Dilemma raus?
Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Vielleicht sollte man es daher – Hedonismus! – einfach als solches geniessen. Früher war der Trinkzwang ja noch viel erbarmungsloser. Wer mit den anderen nicht den Becher leerte, stellte sich ins gesellschaftliche Abseits, fertig. Wenn es mit der europäischen Fürsorge- und Verbotskultur so weitergeht, wird es in ein paar Jahrzehnten umgekehrt sein: Wer dann noch in aller Öffentlichkeit ein Bier trinkt, der wird mit empörten Blicken von den Nachbartischen zu rechnen haben. Kann ich mir jetzt zwar auch noch nicht vorstellen, aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass es mal verboten sein könnte, zum Trinken zu rauchen.

Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft den Alkoholkonsum dereinst genauso verbietet wie das Rauchen?
Davon bin ich überzeugt. Es wird wesentlich länger dauern. Aber das ist die logische Konsequenz aus den Tendenzen, die Sie heute schon beobachten können.

Sie plädieren für kontrolliertes Trinkverhalten und sprechen dabei von Trunkenheits-Management. Wie setzten Sie das konkret um?
Mein Ideal ist das Trinken als Sport. Nicht im Sinne von «Wer schafft am meisten», sondern im Sinne von Surfen: Das möglichst endlose Reiten einer Welle der guten Laune, ohne abzustürzen. Jeder kennt solche gelungenen Nächte. Wenn nicht, tut er mir leid. Man braucht natürlich die richtigen Leute dazu, die richtigen Getränke und die richtige Dosis.

Ein Kernsatz aus Ihrem Buch lautet: «Trinken sollte zum Rausch führen. Punkt.»
Ja, es geht um Rauschfähigkeit; die darf man sich aber nicht ruinieren, indem man zu oft und zu viel trinkt. Wer jeden Tag mit drei Promille heimwankt, der hat ja am Ende gar nichts mehr davon, ausser seinem Leberschaden. Der Trick ist, knapp und dialektisch zusammengefasst: Rauschtrinken gegen den Alkoholismus!

Sie vertreten im Buch die Ansicht, dass Alkohol die Welt friedlicher macht und nennen das Beispiel von Boris Jelzin. Aber war er nicht ein erbärmlicher Politiker?
Ich weiss nicht, ob der Welt auf der Achse der Abstinenzler – von Osama Bin Laden bis George W. Bush – so viel Erfreulicheres erwachsen ist. Ich behandle in meinem Buch die Rolle, die der Alkohol immer schon für die Diplomatie gespielt hat, von der Antike bis zu den G-8-Gipfeln. Jelzin ist nun ein Beispiel dafür, wie einem zwar schon beim Hinsehen angst und bange werden kann, aber trotzdem verbindet sich mit seinem Namen nun mal nicht der Ausbruch des Kalten Krieges, sondern sein Ende. Der Abzug der russischen Soldaten.

Sie sprechen ihm das Ende des Kalten Krieges zu. Sorgte dafür nicht eher sein nüchterner Vorgänger Michail Gorbatschow?
Ohne Jelzin wären sowohl Gorbatschow als auch die Perestroika weggeputscht worden, schon vergessen? Und man kann ja noch nicht mal sicher sagen, was die Generäle Gorbatschow übler genommen haben: Dass er ihnen ihr kommunistisches Weltreich nahm – oder ihre Wodkaflaschen.

Macht Alkohol die Welt nicht auch gefährlicher? Denken Sie nur an all die trunkenen Autofahrer.
Alles wird irgendwann gefährlich, auch das friedlichste. Denken Sie nur daran, was für Aggressionen Hippies auslösen können. So ist der Punk entstanden. Was das Autofahren betrifft: Die Promillegrenzen sinken ja ständig, gleichzeitig werden die Assistenzsysteme immer perfekter. Die Möglichkeiten, alkoholisiert Schaden anzurichten, werden abnehmen. Die Möglichkeiten, alkoholisiert überhaupt einen Motor zu starten, übrigens auch. Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Bis dahin gilt: Autofahren ist als Rausch eigener Güte zu begreifen; es sollte nicht mit anderen Rauschmitteln kombiniert werden. Nicht nur im Interesse der Sicherheit. Auch im Interesse des Genusses.

Dafür schreiben Sie von Alkohol als Treibstoff für gute Schriftsteller: Ist das nicht ein altes Klischee?
Es ist eine glückliche literaturhistorische, wenn auch medizinisch gewiss traurige Tatsache. Poe, Baudelaire, Hemingway, Faulkner, Fitzgerald – hätten Sie denen die Flasche wegnehmen wollen, jetzt mal so ganz im eigenen Interesse als Leser? Schon mal über Goethes Weinkonsum nachgelesen? Können Sie mir überhaupt einen guten Schriftsteller nennen, von dem sicher ist, dass er nicht zumindest gelegentlich trinkt, um in Fahrt zu kommen?

Haben Sie dieses Sachbuch unter Alkoholeinfluss geschrieben? Die beschwingten Sätze lassen es vermuten.
Ich kann leider nicht schreiben, wenn ich was getrunken habe, deswegen bin ich ja auch kein berühmter amerikanischer Schriftsteller, sondern nur ein kleiner Journalist aus Berlin. Der Schwung muss bei mir schon vom Schreiben selbst kommen. Einen Drink brauche ich manchmal eher, um am Ende wieder runterzukommen.

Was trinken Sie eigentlich am liebsten?
Einen Heida aus Visperterminen im Wallis natürlich! Das sag ich jetzt allein schon, weil ich den Namen so toll finde und weil ich mich bei den Schweizern einschmeicheln will. Ausserdem hat mir der deutsche Zoll für die eine Kiste damals so irrsinnig viel Geld abgenommen, das hat den Wert des Weines praktisch noch mal verdoppelt.

Erstellt: 31.03.2011, 12:34 Uhr

Trinkt am liebsten Heida aus Visperterminen: Der deutsche Autor Peter Richter.

Peter Richter

Peter Richter kam 1973 in Dresden zur Welt. Sein Studium der Kunstgeschichte in Hamburg und Madrid schloss er 2006 mit einer Doktorarbeit zum Thema «Der Plattenbau als Krisengebiet» ab. Heute betreut er im Feuilleton der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» die Bereiche Kunst und Architektur. Daneben veröffentlichte er mehrere Sachbücher sowie einen Roman. Seit 2009 tritt er im Rahmen der Late-Night-Show «Harald Schmidt» auf. Peter Richter lebt in Berlin.

In seinem neuen Buch befasst sich Peter Richter auf ebenso kluge wie amüsante Weise mit unserer Kultur, die in berauschenden Getränken schwimmt. In einer Gesellschaft, die Genussmitteln zunehmend kritisch gegenübersteht, plädiert er dafür, zu selbstbewusstem Lebensgenuss zu stehen – und sich den Rausch auf keinen Fall nehmen zu lassen.


Peter Richter: «Über das Trinken», Goldmann-Verlag

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