Das rote Schaf der Familie

Englischer, exzentrischer als die Familie Mitford konnte man nicht sein. Das zeigt die komische Autobiografie von Jessica, der Kommunistin der Familie.

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So was würde man dem Schöpfer von «Downton Abbey» nie durchgehen lassen, zu unwahrscheinlich klingen diese Lebensläufe: Ein Lord hat sechs Töchter und einen Sohn. Die 1910 geborene Diana heiratet den englischen Faschisten Oswald Mosley und wird während des Zweiten Weltkriegs ins Gefängnis gesteckt. Unity Valkyrie, 1913 gezeugt im kanadischen Goldgräberkaff Swastika, was auf Deutsch «Hakenkreuz» heisst, begeistert sich für Hitler und freundet sich mit diesem an. Als England 1939 Deutschland den Krieg erklärt, schiesst sich die in München lebende Unity im Englischen Garten eine Pistolenkugel in den Kopf. Sie lebt danach noch neun Jahre. Ihre Lieblingsschwester, Jessica, geboren 1917, wird Kommunistin.

Doch wir greifen vor. Mit 53 Jahren Verspätung ist Jessicas Autobiografie endlich auf Deutsch erschienen. Es ist eine der vergnüglichsten überhaupt. Jessica wurde als fünfte Tochter von David Freeman Mitford, Lord Redesdale, und seiner Frau Sydney geboren. Wie bei vielen Adligen üblich schickte man die Töchter nicht in eine Schule, sondern liess sie von Hauslehrerinnen erziehen.

Andere Kinder lernten die Mitford-Sprösslinge so nicht kennen, sodass sie zu ihrer Unterhaltung die Hauslehrerinnen quälten, eigene Spiele und Sprachen erfanden wie das Honnische. Daher rührt auch der Titel von Jessicas Autobiografie «Hons and Rebels» (1960). Das mochte der Berenberg-Verlag den deutschsprachigen Lesern aber nicht zumuten, und so heisst das Buch nun «Hunnen und Rebellen».

Durchbrennen mit dem Cousin

Darin beschreibt Jessica Mitford, wie sie 1955 ins Haus der Mutter zurückkehrt. Da sind sie immer noch, die Hakenkreuze und die Hammer-und-Sichel-Embleme, welche Unity und sie als Kinder mit einem Diamantring in eine Fensterscheibe geritzt hatten. Adel/Faschismus/ Kommunismus – in diesem Spannungsfeld spielte sich Jessicas Leben ab. Doch dominierend war für sie die Langeweile. Schon mit zwölf richtete sie auf einer Bank ein Konto ein, um eines Tages durchbrennen zu können.

Mit Begeisterung las sie später in der Zeitung, dass ihr Cousin zweiten Grades, Esmond Romilly, ein Neffe von Winston Churchill, mit 15 aus dem Internat geflüchtet war. Danach zog er in den Spanischen Bürgerkrieg und kämpfte auf der Seite der Linken. Als er aus Krankheitsgründen nach England zurückkehrte, lernte ihn Jessica endlich kennen. 1937, Jessica war 19, Esmond 18, brannten die beiden miteinander durch. Sie kamen bis Spanien, wo sie sich als Kriegsberichterstatter über Wasser hielten, mussten dann doch nach England zurückkehren und wanderten 1939 in die USA aus.

Es ist das grosse Verdienst von Joachim Kalka, dass dieses wunderbare Buch nun endlich auf Deutsch vorliegt. Die Übersetzung ist sorgfältig, die Anmerkungen sind hilfreich. Doch zuweilen hätte man sich etwas mehr Kühnheit und Fantasie gewünscht. So geht vieles von Mitfords Sprachwitz verloren: «An avuncular network» klingt nun mal komischer als «ein Netzwerk von Verwandten». Und wenn Vater Mitford Gäste als «sewers» beschimpft, übersetzt Kalka korrekt mit «Kloaken». Doch hat Mutter Mitford ihren Töchtern später erklärt, sie hätten da etwas missverstanden: Der Vater habe nicht «sewer» gebrüllt, sondern «sua», das tamilische Wort für «Schwein», das er aufgelesen hatte, als er sich einst auf Ceylon als Teepflanzer versucht hatte.

PS: J. K. Rowling, die Schöpferin von Harry Potter, hat vor Begeisterung für die Autorin von «Hons and Rebels» ihre älteste Tochter Jessica genannt.

Erstellt: 07.01.2014, 08:33 Uhr

Jessica Mitford: Hunnen und Rebellen. Meine Familie und das 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort und Anmerkungen von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2013. 336 S., 34.90 Fr.

Mit 53 Jahren Verspätung ist ihre Biografie auf Deutsch erschienen: Jessica Mitford (1917-1996). (Bild: Twitter.com)

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