«Das schöne Ende finden für den Kapitalismus»

Der Roman «Manetti lesen» von P.M. ist ein unterhaltsamer Rückblick auf 40 Jahre linke Politik und Diskussion. Im Gespräch gibt er Auskunft über sein Engagement und wie es weitergehen könnte.

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Herr Meier, wer ist Roberto Manetti?
Der ideale Gesprächspartner, der uns in den letzten 40 Jahren gefehlt hat. Man redet ja von den 40 verlorenen Jahren. Roberto Manetti, ein Zürcher italienischer Herkunft, hat das beobachtet und sehr einfühlsam und klarsichtig beschrieben.

Und der Ich-Erzähler?
Den kenne ich auch, aber das bin nicht ich! Der ist ein bisschen verloren – er weiss ja nicht mal, wie er heisst. Er ist so ein Zürcher Intellektueller, der in der Stadt herumschwebt und an allen Vernissagen dabei ist. Ich bin aber nicht sicher, ob er wirklich zu dieser Szene gehört, der er sich zugehörig fühlt.

Richtet sich das Buch speziell an die Zürcher Szene – oder an alle?
An alle. Es ist nicht zufällig in einem Hamburger Verlag herausgekommen. Die Leute von Edition Nautilus waren sofort der Meinung, dass es dieses Buch braucht, für Hamburg genauso wie für Berlin oder Zürich. Zürich ist nur das Beispiel in diesem Buch. So eine Szene, wie wir sie hier haben, gibt es eigentlich überall.

Was ist das Ziel des Buches?
Ich glaube nicht, dass ein Buch ein Ziel haben kann. Ich wollte mich vor allem unterhalten, als ich es geschrieben habe. Und ich wollte Bücher, die ich gelesen habe – wie die meisten lese ich viel mehr, als ich schreibe – in einem bestimmten Zusammenhang anschauen. Das merkt man im Buch, es geht eigentlich um Bücher, es ist fast ein Buchrezensionsbuch. Ich wollte mir diese Zeit nehmen und einen Raum finden, und es ist jetzt ein Buch geworden.

Wie hängt dieses Buch mit Ihren früheren Werken wie «bolo’bolo» zusammen?
Diese Zusammenhänge sind natürlich durch den Autor gegeben. Ich kann nicht abstrahieren von dem, was ich im Allgemeinen politisch wichtig finde. Bei mir gibt es nicht Literatur und Politik, das könnte ich nicht unterscheiden. Und ich kann auch nicht abstrahieren von dem, was ich früher erzählt habe, und was ich jetzt erzähle. Ich hoffe, es hat eine Entwicklung drin, aber das kann ich selber nicht beurteilen.

Apropos Entwicklung: Hat sich in den letzten 40 Jahren etwas geändert?
Es muss sich etwas geändert haben. Es ist natürlich schwierig, 40 Jahre zu überschauen – da müsste man jetzt eben den Roberto Manetti zur Hand haben! (lacht) Was sich sicher geändert hat, ist, dass das Grundvertrauen ins Wirtschaftssystem weg ist. Das ist neu. Aber die Fähigkeit, eine Alternative zu finden, ist trotzdem nicht da. Ich vergleiche diese Situation gerne mit den letzten Jahrzehnten des Ancien Régime vor der Französischen Revolution, als sogar Adelige mit Bürgern darüber geredet haben, dass demnächst alles anders wird. Heute ist das ähnlich, alle sagen, jetzt ist Schluss. Den guten Schluss zu finden, ohne sich unnötig die Köpfe einzuschlagen, ist jetzt das Thema, auch des Buches. Da ist ein Vorschlag drin, der durchaus ernst gemeint ist.

Glauben Sie, Literatur kann etwas ausrichten?
Ich bin da sehr skeptisch. Ich habe schon viele Bücher geschrieben, und ich bezweifle, ob die etwas bewirkt haben. Man kann aber auch bezweifeln, ob zum Beispiel die Politik der SP etwas bewirkt hat. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Literatur besonders wirksam wäre – aber ganz ohne Wirkung ist sie sicher nicht.

Muss man seine Ideen auch umsetzen, wie Sie das zum Beispiel in den Kraftwerk-Siedlungen getan haben?
Ich bin ein Fan von Wohngenossenschaften. Dafür habe ich mich immer eingesetzt. Diese Szene entwickelt sich in Zürich ziemlich gut. Mit der Kalkbreite und dem Hunziker-Areal gibt es zwei neue Grossprojekte. Die Produktion muss aber noch mehr reinkommen. Bei Kraftwerk 4 sind 20 Prozent des Raumes für die Produktion reserviert, das ist sehr mutig für eine Wohngenossenschaft, das hat noch niemand probiert. Wohngenossenschaften haben sich immer auf ihr risikoloses Kerngeschäft konzentriert und Wohnungen gebaut. Aber Gewerbe ist ein Risiko, und es ist wichtig, dass man das eingeht. Im Buch sind solche Sachen ja auch beschrieben, und das ist mein politisches Betätigungsfeld.

Was können Ideen bewirken?
Ideen sind die Samen, die aufgehen, wenn die Bedingungen stimmen, und sonst bleiben sie im Boden. Sie sind eine kognitive Reserve, und wenn die Zeit richtig ist, finden die richtigen Leute auch die richtigen Ideen. Ich glaube aber nicht, dass Ideen von sich aus Änderungen bewirken können. Die Veränderung, da bin ich sehr materialistisch, liegt in den Umständen.

Ist das gleichzeitig erscheinende Büchlein «Kartoffeln und Computer» als Ergänzung zum Roman gedacht?
Nein, es ist nicht als Ergänzung gedacht, es erscheint aus Zufall gleichzeitig. Ein Roman ist ein Roman, und ich fände es schade, wenn sich die Leute damit nicht gut unterhalten würden. Politik ist aber ein anderes Format, das nicht zu lustig werden sollte. Das behandle ich in «Kartoffeln und Computer», in dem ein neuer Zugang drin ist, der von der Occupy-Bewegung und Leuten wie David Graeber inspiriert ist. Es geht darum, ein schönes Ende für den Kapitalismus zu finden, und zwar über «commons», also Gemeingüter. Man geht davon aus, dass es eigentlich genug für alle auf dem Planeten hat, und man ein System finden muss, um es gerecht zu verteilen. So kommt man schnell auf die Genossenschaften, die den Vorteil haben, dass sie weder staatlich noch privat sind.

Erstellt: 03.09.2012, 15:23 Uhr

P. M., «MANETTI LESEN oder VOM GUTEN LEBEN», Edition Nautilus, 285 Seiten, ISBN 978-3-89401-761-3, CHF 29.90.

MANETTI LESEN

P.M.

Der Schriftsteller P.M. alias Paul Meier lebt in Zürich. Er hat seit den 1980er-Jahren zahlreiche Bücher veröffentlicht. Am einflussreichsten wurde seine Utopie «bolo'bolo», in dem P.M. konkrete Vorstellungen einer zukünftigen Gesellschaft und ein neues Vokabular entwickelt. Das Buch hatte sechs Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Daneben engagierte er sich in verschiedenen linken Bewegungen und in Wohngenossenschaften.

Im August 2012 erscheint bei Edition Nautilus nicht nur sein neuer Roman «Manetti lesen oder Vom guten Leben», sondern auch das Büchlein «Kartoffeln und Computer. Märkte durch Gemeinschaften ersetzen».

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