Das schönste Weihnachtsgeschenk …

… ist, na klar, ein Buch. Das findet auch die Kulturredaktion und empfiehlt deshalb Bücher, die im Laufe des Jahres besonders gefallen haben.

Man sieht es gleich: Diese Rentiere warten auf einen Stapel Bücher. Foto: Vladimir Melnikov (iStock)

Man sieht es gleich: Diese Rentiere warten auf einen Stapel Bücher. Foto: Vladimir Melnikov (iStock)

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Sachbuch
Eine Geschichte des neuen Amerika

Tammy, die Industriearbeiterin. Jeff, der Lobbyist in Washington. Oder Dean, der Betreiber einer Raststätte, der auf biologische Treibstoffe umstellt. Anhand der mühevollen Geschichte dieser und anderer Menschen erzählt George Packer in diesem grandiosen Sachbuch die letzten 40 Jahre der USA: Zusammenbruch der Industrie, Immobilienblase, Aufstieg der Neoliberalen und der Tea Party. Und es ergibt sich das Bild dessen, was Packer die «Abwicklung» nennt – den Rückbau finanzwirtschaftlicher ­Regulierung und die Entstehung einer neuen Schicht von Superreichen, während der Mittelstand mit der Finanzkrise von 2008 an den Abgrund gerät.
Christoph Fellmann

George Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika. S. Fischer, Frankfurt 2014. 512 S., ca. 38 Fr.


Erzählung
Als Schlangen und Krokodile Russland verwüsteten

Michail Bulgakow ist Autor des Jahrhundertromans «Der Meister und Margarita», aber auch einer grotesken Science-Fiction-Satire, die, als sich Stalins Schatten schon über die junge Sowjetunion zu legen begann, sich über Planwirtschaft, Parteibonzen und Neureiche ­lustig macht. Ein Biologieprofessor hat Strahlen entdeckt, die Amöben und Frösche ins Riesenhafte wachsen lässt. Durch eine Verwechslung werden aber Krokodil- und Schlangeneier bestrahlt, monströse Wesen schlüpfen und verwüsten Russland. Bulgakow nimmt die Hybris der Gentechnik vorweg, aber, gespenstischerweise, auch den Anruf Stalins, der dem Verfemten wieder ein Amt verschaffte. Die rasante Übersetzung von Alexander Nitzberg erlaubt eine Neu- oder Wiederentdeckung dieser schrägen und tiefgründigen Erzählung.
Martin Ebel

Michail Bulgakow: Die verfluchten Eier. Galiani, Berlin 2014. 140 S., ca. 25 Fr.


Sachbuch
Was Messer und Löffel über das Kochen erzählen

Die Kulinarikautorin Bee Wilson erzählt die Kulturgeschichte des Essens. Nicht über Nahrungsmittel und grosse Köche. Vielmehr fokussiert sie auf Esswerkzeuge wie Kochlöffel, Schneid- und Messgeräte. Man erfährt etwa, dass englische Köche am Ende des 17. Jahrhunderts Fleischspiesse über dem Feuer mit Gänsen in Rotation hielten – weil Hunde dann «wegzurennen und sich zu verstecken pflegten». Die Lektüre ist voller solcher Anekdoten: Wussten Sie, dass heute viele Engländer im Supermarkt keinen Reis kaufen, weil sie beim Abmessen der Reis- und Wassermenge unsicher sind? Oder dass es im 19. Jahrhundert als letzter Schrei galt, die Suppe mit einer Gabel «auszulöffeln»?
Daniel Böniger

Bee Wilson: Am Beispiel der Gabel. Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge. Insel, Berlin 2014. 373 S., ca. 36 Fr.


Sachbuch
Wie sich unsere Demokratien erneuern können

Wir haben uns behaglich eingerichtet in der Nichtkrise. Sollten die Griechen, Deutschen und Amerikaner nicht besser unsere direkte Demokratie erlernen? Das Buch von Helmut Willke kommt da zur rechten Zeit. Der Soziologe zeigt, wie die Demokratien – Schweiz inklusive – heute paralysiert vor ihren grossen globalen (Umweltschutz, Finanzkrisen) und nationalen Problemen stehen (Demografie, Verschuldung). Willke will keine Revolution, sondern denkt darüber nach, wie sich unsere Demokratien erneuern könnten.
Linus Schöpfer

Helmut Willke: Demokratie in Zeiten der Konfusion. Suhrkamp, Berlin 2014. 175 S., ca. 23 Fr.


Roman
Neues vom Horror-King: Der Böse fährt Mercedes

Schon wieder ein neuer Roman von Stephen King? Ja, doch hier kommen für einmal keine besessenen Oldtimer, Killer-Clowns oder Ausserirdische vor. Ein Repräsentant des Bösen fehlt aber nicht. Der junge Brady Hartsfield braust mit einem Mercedes S 600 in eine Menschenmenge vor dem Arbeitslosenamt. Auf seine Spur setzen sich ein pensionierter Polizist, ein genialer schwarzer Siebzehnjähriger und eine verhaltensgestörte Mittvierzigerin. Über diese Figuren gelingt King, was er der Horror-Konkurrenz schon immer voraushatte: die Beschreibung der wahren Monster der US-Gesellschaft – Krankheit, Sucht, Armut und Entfremdung.
Philippe Zweifel

Stephen King: Mr. Mercedes. Aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt. Heyne, München 2014. 592 S., ca. 27 Fr.


Sachbuch
Den Kunstwerken der Schweiz hinterherwandern

Also was denn nun: Raus an die frische Luft oder doch lieber ab unter die Kuscheldecke? – Beides! Mit den originellen Wanderführern von Ruth und Konrad Richter gelangt man an all jene Orte, die Künstler wie Ferdinand Hodler, Cuno Amiet und Paul Klee inspirierten. Der erste Band (erschienen 2010) galt dem Berner Oberland, der zweite ist nun dem Kanton Graubünden gewidmet. Auf über 400 robusten Seiten (da darfs auch ruhig mal draufregnen) mit tollen Foto-Gemälde-Gegenüberstellungen, stimmungsvollen Texten und jeder Menge praktischer Angaben kann man sich locker eine Saison lang leiten lassen – vor Ort oder auch mal nur gedanklich, von der Couch aus.
Paulina Szczesniak

Wandern wie gemalt: Graubünden. Ruth Michel Richter und Konrad Richter. Rotpunktverlag 2014. 429 S., ca. 44 Fr.


Sachbuch
Sound der Zeit: Wie die letzten 125 Jahre geklungen haben

Ein bisschen geht es auch um Musik in diesem Buch, nämlich um politische Lieder, Berieselungs-Muzak oder Michael Jackson. Aber die spannendsten Beiträge widmen sich den nicht musikalischen Klangkulissen, vor denen sich das Leben seit 1889 abgespielt hat – also all jenen spezifischen oder unscheinbaren Geräuschen, die den Alltag präg(t)en. Das Spektrum reicht von der Kulturgeschichte des Fonografen bis zum «Toooor»-Schrei in Sportreportagen. Vom Fliegeralarm bis zum Klingelton. Von Thomas Manns BBC-Reden bis zum «Ho Ho Ho Chi Minh». Vom Eisenbahngeratter bis zum Klacken der Stöckelschuhe. Und nach dem Lesen geht man mit offeneren Ohren durch die Welt.
Susanne Kübler

Gerhard Paul und Ralph Schock (Hg.): Sound der Zeit: Geräusche, Töne, Stimmen – 1889 bis heute. Wallstein, Göttingen 2014. 607 S., ca. 37 Fr.


Roman
Die Einheit von Denken und Trinken am Stammtisch

Im Werk von Thomas Kapielski schwirrt der Kalauer «Je dickens, destojewski!» schon länger herum, nun hat er es zum Titel seines ersten richtigen Romans gebracht. Dieser verfügt über einen regelrechten Helden namens Ernst L. Wuboldt («Wu») und spielt an den Stammtischen zwischen Bamberg und Spandau, wo das Personal die Einheit von Denken und Trinken herstellt und gelegentlich der Bedienung auf die Oberweite schielt. Die typischen Kapielski-Betrachtungen über Verhaltenselend, Hegel und Jonathan Meese verbinden sich mit barock ausgeschmückter Sprache sowie dem Spiel mit Literaturtheorie – inklusive Mord. Es ist eben ein «Volumenroman», schon durch seine schiere literarische Masse. Dabei ganz leicht, da Broschur!
Pascal Blum

Thomas Kapielski: Je dickens, destojewski! Ein Volumenroman. Suhrkamp, Berlin 2014. 458 S., ca. 29 Fr.


Sachbuch
Wie die Hummel merkt, wo noch etwas zu holen ist

Als Dave Goulson jung war, pflasterten Tierleichen seinen Weg. Es gab kaum eine Spezies, die der spätere Biologe nicht mit Messer und Pinzette auseinandergenommen hätte. Heute ist er Englands führender Hummelforscher und ein populärer Sachbuchautor dazu. «Warum haben Hummeln Stinkefüsse?», fragt er unter anderem. Die Antwort: damit sie anhand der Spuren auf der Blüte erkennen, ob hier schon eine Kollegin war oder ob noch etwas zu holen ist. Mit britisch-trockenem Humor und vielen persönlichen Erlebnissen gespickt, ist das Buch eine Liebeserklärung an die pelzige Königin der Lüfte und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Bewahrung der Natur.
Ulrike Hark

Dave Goulson: Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel. Hanser, München 2014. 320 S., ca. 30 Fr.


Roman
Die Dämonen des schwarzen Heimkehrers

«Sag, wem gehört dieses Haus? / Meins ist es nicht», lauten die leitmotivischen Verse von «Heimkehr». Nicht daheim sein in der Heimat: Das ist eine Urerfahrung der Schwarzen in den USA, und Nobelpreisträgerin Toni Morrison hat sie immer wieder in ihre prallen Romane hineingemeisselt. Hier erzählt sie dicht, aber im typischen grossartigen Groove aus poetischem Sirren und knallharten Szenen, vom Veteranenschicksal Franks. Traumatisiert ist der junge Schwarze aus dem Koreakrieg ins Amerika der Fünf­ziger zurückgekehrt, und er würde wohl seinen Dämonen erliegen – müsste er nicht Cee, seine geschundene Schwester, vor den Dämonen der prüden und rassistischen Gesellschaft retten.
Alexandra Kedves

Toni Morrison: Heimkehr. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Piltz. Rowohlt, Reinbek 2014. 160 S., ca. 29 Fr.


Erzählungen
Einsichten in die menschlichen Abgründe

«Niemand auf der Welt empfindet neue Dinge so stark wie die Kinder.» Und niemand beschrieb diese Gefühle eindringlicher als Isaak Babel (1894–1940). Wer seine autobiografische Erzählung «Mein Taubenschlag» liest, wird daran nicht zweifeln. Der russische Schriftsteller, ein hervorragender Stilist, verstand es, die Dinge subtil und empathisch, aber auch nüchtern und kalt zu beschreiben. Die Metaphern, die er verwendet, vergisst man nicht mehr: «Die Worte zersplitterten in meinem Mund wie ausgetrocknete Holzscheite.» Wer mehr davon lesen will, dem sei der hübsch gestaltete Band mit sämtlichen Erzählungen von Isaak Babel ans Herz gelegt. Die perfekt übersetzten Geschichten werden manche Winternacht mit Einsichten in die Abgründe des Menschen bereichern.
Guido Kalberer

Isaak Babel: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl-Hanser-Verlag, München 2014. 860 S., ca. 60 Fr.

Erstellt: 13.12.2014, 00:13 Uhr

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