Interview

«Das würde Albert Hofmann freuen»

Drogenaufklärung – oder Verherrlichung? Der Nachtschatten-Verlag wird 30 und feiert. Verleger Roger Liggenstofer im Gespräch.

Zwei LSD-Experten am Strand: Roger Liggenstorfer und Albert Hofmann in Griechenland.

Zwei LSD-Experten am Strand: Roger Liggenstorfer und Albert Hofmann in Griechenland. Bild: Nachtschatten-Verlag

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Es heisst, die Credit Suisse wollte nicht, dass in ihren Räumlichkeiten, dem Hotel Kronen in Solothurn, eine Ausstellung über LSD-Entdecker Albert Hofmann gezeigt wird. Stimmt das?
Wir bekamen den negativen Entscheid von der Wincasa als Immobilienverwalterin der CS. Sie haben offensichtlich Probleme mit diesem Thema. Und das, obwohl die Stadt Solothurn dieses Bestreben für das Jubiläum des Nachtschatten-Verlags unterstützte.

Wie deuten Sie dieses Nein?
Es zeigt, dass LSD nach wie vor ein Thema ist, das die Geister trennt. Offensichtlich macht es Angst. Doch ich will Drogen nicht verherrlichen, sondern Drogenmündigkeit vermitteln. Sowieso: Bundespräsident Leuenberger höchstpersönlich gratulierte LSD-Erfinder Albert Hofmann zum 100. Geburtstag und meinte, falls es den Rat der Weisen geben würde, müsste er dazugehören.

Sie kamen schon Anfang der 80er als Marktfahrer, der Hanfbücher verkaufte, mit dem Gesetz in Konflikt.
Eigentlich kann man es umdrehen. Ich wurde provoziert, nicht ich habe provoziert. Man wird doch nicht zu drei Wochen bedingt verurteilt, nur weil man Menschen über Hanf aufklären will. Jeder hat ein Anrecht darauf, Infos, die er möchte, zu erhalten.

Vielleicht sah man in Ihrer Arbeit etwas Missionarisches?
Missionarisch? Überhaupt nicht, im Gegenteil: Ich versuche aufzuklären, nicht zu verführen. Die, die wollen, sollen Infos bekommen.

Wer ist das genau?
Vom jugendlichen Konsumenten bis zum Erwachsenen, der den bewussten Umgang mit Drogen sucht. Solche, die in eine tiefere Kultur einsteigen wollen. Ihnen liefern wir Hintergrundinfos zu Drogen oder Psychedelischem mit schamanistischem Ursprung, die ihnen weiterhelfen sollen.

Als sie als Verleger anfingen, wurden Drogen verteufelt. Wie nehmen Sie ihren Stellenwert in der Gesellschaft heute wahr?
Was mich besonders freut: LSD wird in der psychiatrischen Forschung wieder vermehrt zugelassen. Es würde auch Hofmann freuen. Es war zeitlebens sein grosser Wunsch, dass LSD rehabilitiert wird. Weiter haben Fachleute, Juristen, aber auch viele ehemalige Staatsleute wie Kofi Annan oder Ruth Dreifuss die Einsicht erlangt, dass die Prohibition versagt hat. Bei den heutigen Politikern ist dies allerdings noch nicht angekommen. Das Drogenproblem ist kein Thema, womit man sich in der Politik profilieren kann. Es ist einfach nicht vertretbar, dass die Prohibition erhalten bleibt. Der Verfolgungsapparat und alles Drumherum sind eine Geldschleuder.

Sie fordern die Legalisierung?
Nein, aber wie beim Alkoholkonsum mit einem klar definierten Jugend- und Konsumentenschutz sowie eine Besteuerung und Deklarationspflicht über Inhaltsstoffe.

Zum 25-jährigen Jubiläum des Nachtschatten-Verlags wurde im heute geschlossenen Mystery-Park in Interlaken gefeiert, heute ist das Symposium im Landhaus in Solothurn. Sind Sie ruhiger geworden?
Nicht wirklich, aber im Mystery-Park stand das Feiern im Vordergrund, heute in Solothurn auch die Wissensvermittlung. Zudem wollte ich als Solothurner mal ein Heimspiel.

An Ihrem Symposium geht es auch um die Rolle des Internets in der Drogenaufklärung: Man habe heute eine «unvoreingenommene Betrachtung der Drogenkultur». Drohen nicht zu viele Infos?
Tatsächlich hat man heute sehr viel Infos. Umso wichtiger ist, dass man seriöse Anbieter hat, die all diese Infos filtern.

Sind Ihre Bücher im Digitalzeitalter überhaupt noch gefragt?
Wir stellen fest, dass besonders schön illustrierte, bibliophile Bücher gefragt sind. Man muss heute die digitalen Medien und Bücher als Ergänzung und nicht als Ausschluss sehen. Da ist eine Interaktion im Gange, die es auch als Verlag zu nutzen gilt.

Wenn jeder in seinem Leben eine psychedelische Erfahrung machte – würde die Welt anders aussehen?
Nicht zwingend, aber es könnte helfen. Nein, ernsthaft: Nur einfach eine psychedelische Erfahrung zu machen, ohne diese in den Alltag integrieren zu können, ist keine wirkliche Erfahrung. Man soll solche Erfahrungen richtig angehen, vor- und nachbereiten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.09.2014, 16:13 Uhr

Roger Liggenstorfer ist Inhaber des Nachtschatten-Verlags. In seiner verlegerischen Tätigkeit spezialisiert er sich auf Publikationen zur Drogenaufklärung. Liggenstorfer ist Mitglied des ECBS (Europäisches Collegium für Bewusstseinsstudien) und war Präsident von Eve und Rave (Schweiz).

Dieses Wochenende feiert der Verlag sein 30-jähriges Jubiläum mit einem mehrtägigen, öffentlichen Symposium in Solothurn.

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