«De Sade ist ein Langweiler dagegen»

Werner Fuld hat eine Geschichte der erotischen Literatur geschrieben. Er sagt, warum Pornografie früher häufig feministisch war – und nennt einen Roman, der ihn geschockt hat.

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«Fifty Shades of Grey» kommt bald in die Kinos, das Buch war der grosse Bestseller der letzten Jahre. Weshalb, weiss aber immer noch niemand. Sie vielleicht?
Das war simple Mund-zu-Mund-Propaganda, von einer lesenden Hausfrau zur nächsten. Der Roman spiegelt die weibliche Wunschvorstellung einer heilen Welt, die im Erotischen allein Irritationen birgt. Wenn die Frau den sexuellen Wünschen des Mannes entspricht, bekommt sie dafür ein materiell reiches Leben geschenkt: mit Eigenheim, luxuriösen Gegenständen und bestens versorgten Kindern.

Da war erotische Literatur von weiblichen Autoren früher aber ziemlich anders – feministisch nämlich.
In der Tat. Libertäre Bücher von Autorinnen wie Madame de Villedieu oder Félicité Choiseul-Meuse hatten eine grosse emanzipatorische Kraft. In ihren Romanen geht es letztlich um die Idee, dass Frauen selbstständig denkend durchs Leben gehen, aufgeklärt in Beziehungen zu Männern treten können – und dass sie frei darüber sprechen und schreiben.

Und wann wurde die erotische Literatur in die Schmuddelecke gedrängt?
Die unverhohlene aristokratische Vorliebe für Bücher, «die man mit einer Hand liest», kam bereits um 1800 in Verruf. Denn ab der Französischen Revolution begann die bürgerliche Prüderie zu dominieren, die den gesellschaftlichen Untergang des Adels auch auf dessen freizügigen Umgang mit Sexualität zurückführte. Erotische Literatur war von da an eine anonymisierte, gesellschaftlich geächtete Literatur, Autorinnen gab es kaum noch. Die Qualität sank rapide. Erst eine Erica Jong mit Büchern wie «Angst vorm Fliegen» nahm die erwähnte progressive Position wieder auf.

In welche literaturgeschichtliche Tradition lässt sich «Fifty Shades» einordnen?
«Fifty Shades» kann als reaktionäre weibliche Antwort auf Jong verstanden werden. E. L. James ist eine Repräsentantin der alten, männerzentrierten Erotikliteratur, der alten Prüderie. Dass diese noch immer vorherrscht, zeigt sich daran, dass «Fifty Shades» zu 90 Prozent auf dem E-Book gelesen wird, ohne gut sichtbares Cover also. Und viele andere stellen das Buch, nachdem sie es gelesen haben, sofort auf Ebay. Im eigenen Bücherregal möchte man es auf keinen Fall sehen. (lacht)

Viele Leserinnen meinten denn auch, sie fühlten sich nach oder schon während der Lektüre von «Fifty Shades» gelangweilt, genervt. Flaubert sagte, er komme sich nach der Lektüre des Louise-Colet-Romans «Lui» wie ein «finsterer Dummkopf» vor. Hat dieses Unbehagen damit zu tun, dass man seine ästhetischen Kriterien dem kurzfristigen Lustgewinn opfert?
Das ist bei diesen Büchern tatsächlich der Fall. Man wird konsequent unterfordert. Aber es gibt sie sehr wohl, die intellektuell anspruchsvolle Erotikliteratur.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel Robert-André de Nerciat, ein weit unterschätzter, stilistisch brillanter und die Exzesse der adeligen Gesellschaft exakt beobachtender Autor. Sein Roman «Les Aphrodites» ist für Kulturhistoriker ungemein lehrreich. Nerciat wurde Opfer der prüden Wende, sein Werk wurde von der übrigen Erotikliteratur mit in die Obskurität gezogen.

Wie erklären Sie sich das Phänomen Marquis de Sade? Warum ist er heute, im Gegensatz etwa zu seinem Zeitgenossen Nerciat, noch derart präsent?
Er ist ein Extremfall, de Sade verknüpft Sexualität mit Gewalt. Er sagte sich los von allen gesellschaftlichen Normen, ohne etwas Neues an ihre Stelle zu setzen. Das wirkt heute noch schockierender als im 18. Jahrhundert, weil damals die von de Sade beschriebenen, extremen Praktiken weit häufiger anzutreffen waren. Literarisch ist de Sade nur Mittelmass, weil er monoton aufs Neue dieselben Handlungen beschreibt. Wenn man ihn mit anderen Erotikautoren vergleicht, muss man sagen: Er ist ein Langweiler.

Wir reden über Franzosen, die deutschsprachige Literatur hingegen erscheint Ihnen als ausgesprochen lustfeindlich.
Als die erotische Literatur im romanischen Sprachraum aufblühte, waren die Bedingungen in Deutschland dafür nicht gegeben: Es gab noch gar keine einheitliche Sprache. Es herrschte Krieg in Nordeuropa, weshalb man von der Renaissance kaum profitieren, von einem Boccaccio nichts lernen konnte. Später war die rigide protestantische Kirche ein weiteres Hindernis. Übrigens: Ich habe keinen einzigen Schweizer Erotikroman gefunden während meiner Arbeit am Buch.

Warum nicht?
Das liegt wohl am französischen Einfluss, so vermute ich: Weil die erotische Literatur Frankreichs stark zirkulierte, gab es keinen Anlass, eigene derartige Literatur zu produzieren.

Welches war das übelste Machwerk, auf das Sie während Ihrer Recherche gestossen sind?
Das war die «Anti-Justine», ein fragmentarischer Roman von Nicolas-Edme Rétif. Als Gegenprojekt zu de Sades bekanntestem Werk «Justine» geplant, wuchs die Geschichte zu einem monströsen Text an, dessen Kopulationsszenen von einer singulären Grausamkeit sind. Rétif wollte de Sade bekämpfen – und übertraf ihn. Es ist ein sehr wüstes Stück Literatur geworden.

Erstellt: 26.09.2014, 13:32 Uhr

Werner Fuld (*1947) ist studierter Literaturhistoriker und arbeitete als Journalist für die FAZ und die «Zeit». Als Autor veröffentlichte er unter anderem Biografien Walter Benjamins und Wilhelm Raabes. (Bild: zvg)

Werner Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens. Berlin 2014. 544 S., 37.90 Fr.

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