Hintergrund

Denker des Unmöglichen

Er war einer der grossen Philosophen des 20. Jahrhunderts, doch eine Biografie über Jacques Derrida fehlte lange Zeit. Benoît Peeters füllt die Lücke nun auf überzeugende Weise.

Jacques Derrida: «Wenn ich Dich meine Liebe rufe (...), rufe ich dann Dich oder meine Liebe?»

Jacques Derrida: «Wenn ich Dich meine Liebe rufe (...), rufe ich dann Dich oder meine Liebe?» Bild: Jaako Avikainen/Keystone

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Jacques Derrida, 2004 im Alter von 74 Jahren an Krebs gestorben, war einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er hinterliess mehr als achtzig Bücher und das Denken der Dekonstruktion, das weit über die Philosophie in die Literaturwissenschaft, die Architektur, das Recht, die Theologie, den Feminismus und die Queer Studies hineinwirkte. Einmal befragt, was er in einem Dokumentarfilm über Hegel oder Heidegger sehen möchte, antwortete Derrida: «Ich würde sie gern über ihr Sexualleben sprechen hören.»

Denn das komme in ihren Werken nicht zur Sprache. «Ich sage nicht, dass man einen Porno über Hegel oder Heidegger drehen sollte. Ich will sie darüber reden hören, welche Rolle die Liebe in ihrem Leben spielt.» Nun erscheint die erste grosse Biografie über Derrida. Benoît Peeters konnte dafür erstmals die über die USA und Europa verstreuten Nachlässe des Philosophen einsehen. So erfahren wir nun einiges über die Entwicklung seines Denkens – und über die Liebe, die Obsessionen, die Freunde, die Feinde und die Frauen, die in Derridas Leben eine Rolle spielten.

Aus Freunden werden Feinde

Peeters erzählt in seiner Biografie strikt chronologisch das Leben eines rastlosen Menschen, der übertourig lebte und seine Vortragstourneen im «Rhythmus eines Rockstars» absolvierte – und ähnlichen Erfolg hatte: Von der englischen Übersetzung der «Grammatologie», einem ungeheuer komplexen Werk, verkaufte er 100 000 Exemplare. Die Derrida-Biografie ist auch ein Buch über einen besessenen Schreiber, der «Fetisch-Autoren» wie Antonin Artaud und James Joyce huldigte und der zwanghaft alles aufhob, auch die kleinsten Zettelchen, die ihm Freunde wie Pierre Bourdieu oder Etienne Balibar an die Tür hefteten.

Die Freunde! Sie spielten in Derridas Leben eine zentrale Rolle, was nicht zuletzt sein Buch über die «Politik der Freundschaft» belegt. Wie es sich für einen Denker seines Ranges gehört, liest sich seine Biografie wie ein Who’s who. So vermisst Peeters – dies ist eine wesentliche Leistung des Buches – denn auch das intellektuelle Feld der Nachkriegszeit. Nicht selten aber wurden aus Freunden Feinde, was Peeters an dem Zerwürfnis mit Michel Foucault zeigt, das mit Derridas Bemerkungen zu Foucaults «Geschichte des Wahnsinns» begann. Zum Erzfeind avancierte Jacques Lacan, einer der wichtigsten Erneuerer der Psychoanalyse. In Peeters’ Biografie erscheint er als der ewige Neider, der nicht davor zurückschreckte, eine Anekdote über Derridas Sohn für einen seiner Vorträge auszuschlachten. Das liess Derrida nicht auf sich sitzen: In einem intellektuellen Kastrationsakt dekonstruierte er den Primat des Phallus in Lacans Denken mit dem Begriff des Phallogozentrismus – worauf Lacan in einem öffentlichen Vortrag das Gerücht streute, Derrida sei in «Analyse».

Die Biografie dokumentiert auch die verpasste Begegnung mit Martin Heidegger, der wichtigsten Inspirationsquelle neben Husserl für Derrida. In Gesprächen zeigte Heidegger wiederholt Interesse am Werk des 41 Jahre jüngeren Franzosen. Besonders interessiert war Heidegger an der «différance», einer Wortschöpfung Derridas, die dem französischen Wort für Differenz ein «a» einpflanzt, das man bei der Aussprache nicht hört. Mit der «différance» bezeichnete Derrida – stark verkürzt – die generative Lücke im entgrenzten Spiel der Differenzen, in dem jede Bedeutung einer Aussage sich in einem anderen Kontext verändern kann.

Tausend Briefe an die Geliebte

Peeters betont, seine Biografie wolle keine Einführung in Derridas Denken sein. Doch er stellt die Hauptwerke vor, Bücher wie «Glas», «Die Postkarte» oder «Marx’ Gespenster». Er erklärt ihre Entstehung und liefert damit sehr wohl eine Einführung in das dekonstruktive Denken, das den metaphysischen Überbleibseln wie der Präsenz oder dem Logozentrismus den Kampf ansagt. Bei Derrida-Lesern werden Peeters’ Ausführungen eine Sehnsucht nach den Texten wecken, etwa nach der «Postkarte», einem literarisch-philosophischen Ausnahmewerk, in dem sich Derrida einem Denkdialog mit der Liebe (an sich) hingibt: «Wenn ich Dich meine Liebe rufe, meine Liebe, rufe ich dann Dich oder meine Liebe? Ich weiss nicht, ob die Frage wohlgeformt ist, sie macht mir Furcht.»

Derridas Denken wurde schon früh von den feministischen Philosophinnen entdeckt. Es erlaubt, so Peeters, «die weibliche Sexualität in anderen Begriffen zu denken als denen, die von der Ökonomie der phallischen Macht und der freudschen Tradition vorgegeben wurden». Eine nicht unwichtige Rolle in dieser Hinsicht spielte gemäss Peeters die Liebesbeziehung Derridas mit der Philosophin Sylviane Agacinski, der späteren Frau von Premierminister Lionel Jospin. Die Affäre ging nach zwölf Jahren zu Ende, als Agacinski 1984 ein Kind von Derrida bekam. Für den Philosophen, so der Biograf, war die Vaterschaft «zu wichtig, als dass er sich bereit erklären könnte, sie nur halb zu leben».

Alle weiteren Bemühungen, mehr über die Beziehung zu Agacinski zu erfahren und die rund tausend Briefe zu lesen, die Derrida seiner Geliebten schrieb, scheiterten. Darüber berichtet Peeters in «Trois ans avec Derrida», einem Tagebuch, das er parallel zur Arbeit an der Biografie führte. Dieses leicht lesbare Buch, das bisher erst auf Französisch erschienen ist, ist ein einzigartiges Dokument, in dem man die Entstehung einer Biografie mitverfolgen kann: Peeters berichtet, wie er sich mit Derridas Freunden trifft, wie ihn das Auftauchen eines Konkurrenten im Wettstreit um die erste Biografie beunruhigt und wie ihm die Eitelkeit der Derridianer allmählich auf die Nerven geht.

Dokumentiert sind im Journal auch alle Versuche, mit Sylviane Agacinski in Kontakt zu treten, wobei früh klar wird, dass sie zu keinem Gespräch bereit ist. Peeters blieb also nichts anderes übrig, als dem kryptischen Dialog zwischen den beiden in ihren Publikationen nachzuspüren und ihre öffentliche Auseinandersetzung zu dokumentieren. Diese eskalierte, als Derrida 2002 erklärte, er habe «aus Verstimmung über sämtliche Kandidaten», zu denen Jospin gehörte, zum ersten Mal nicht an der Präsidentschaftswahl teilgenommen.

Die Wende in den 80ern

Agacinski trieb dies offensichtlich zur Weissglut: In einem Buch, das unmittelbar nach den Wahlen erschien, verspottete sie Derrida als kantisch inspirierten Idealisten, weil dieser sich mit seinem Nachdenken über die «unbedingte Gastfreundschaft» für die Sans-Papiers starkmachte. «Das Unbedingte», so Agacinski, «entspricht im Allgemeinen dem Gefallen der schönen Seelen am Absoluten und Reinen. Doch es weigert sich, die Wirklichkeit, wie sie ist, zu denken.»

Peeters’ Biografie ist nicht zuletzt ein Buch über den politischen Derrida, der sich seit den 80er-Jahren um eine neue Ethik, ein neues Denken des Politischen und der Gerechtigkeit bemühte. Das war eine Wende – vom intellektuellen Glasperlenspiel hin zu politischen Fragen. Derrida beschäftigte sich nun mit einer neuen Internationalen, einer kommenden Demokratie oder der unbedingten Gastfreundschaft, die unmöglich zu sein scheint. Das Unmögliche ist, so Derrida, aber «nicht nichts». «Es ist sogar das, was per definitionem eintrifft.» Das Unmögliche ist das, was möglich werden kann: «Ich gebe zu, dass das ziemlich schwierig zu denken ist, aber genau damit beschäftigt sich dieser Gedanke.»

Benoît Peeters kann dieses Nachdenken dem Leser nicht abnehmen. Seine Biografie lädt aber ein, sich mit Derridas Denken zu beschäftigen. Angesichts des um sich greifenden Biologismus, der die Geschlechter zu naturalisieren versucht, und der Phalanx der Pragmatiker, die alles von vornherein für unmöglich erklären, ist es notwendiger denn je. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2013, 08:00 Uhr

Peeters, Benoît / Brühmann, Horst, «Jacques Derrida. Eine Biographie.», Suhrkamp Verlag, 935 Seiten, ISBN 978-3-518-42340-0, CHF 59.00.


französische Ausgabe:
Benoît Peeters: Trois ans avec Derrida. Les carnets d’un biographe. Flammarion, Paris 2010. 248 S., ca. 34 Fr.

Jacques Derrida. Eine Biographie.

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