«Der Comic kann mehr – auch punkto Ehrlichkeit»

Er gilt als der Vater der Comicreportage: Joe Sacco reist an die Krisenherde der Welt. Dort recherchiert, schreibt, zeichnet er.

Politik und Schicksal: Joe Sacco schildert hier die Strategie des israelischen Generalstabschefs Moshe Dayan.

Politik und Schicksal: Joe Sacco schildert hier die Strategie des israelischen Generalstabschefs Moshe Dayan. Bild: «Footnotes in Gaza»

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Tote Kinder, aufgereiht auf dem Boden. Hier ein aufgerissenes Bäuchlein, da ein abgerissenes Bein. Blut, Schreien, Weh überall: Krankenhaus Gorazde, April 1994. Die UNO-Schutzzone hat sich in einen der ungeschütztesten Orte der Welt verwandelt. «Die Patienten lagen in der Küche, im Kohlenkeller, in der Wäscherei. Was sollte ich tun, wenn zehn Patienten gleichzeitig darauf warteten, operiert zu werden?», fragt der Chirurg Alija Begovic später. Und der amerikanische Künstler Joe Sacco zeichnet Begovics Erinnerungen auf – und nach: Schwarz auf weiss, mit feinen, aber harten Strichen, widerständig und ohne Weichzeichner, mit Nähe und Distanz.

Was daraus entstanden ist, heisst Comicreportage, und Sacco ist Erschaffer und Genie dieser Form journalistischer Recherche, die nicht nur in der Comicszene Aufsehen erregt. «In einer Welt, in der Photoshop den Fotografen als Lügner entlarvt, kann man dem Künstler endlich gestatten, zu seiner ursprünglichen Funktion zurückzukehren – als Reporter», hält der grosse Art Spiegelman dazu fest. Und als Reporter wie als Bürger mit Zivilcourage zog Sacco Anfang der Neunzigerjahre los, um zu erfahren, was in Palästina wirklich passiert.

1996 gewann er dann den American Book Award für sein brillantes Reisebuch «Palästina», 2001 den Eisner Award für «Safe Area Gorazde» und heuer für seine «Footnotes in Gaza» – eine Recherche über Massaker an Palästinensern im Jahr 1956 und zugleich über das Leben im Gazastreifen heute – den Ridenhour Book Prize, der Werke auszeichnet, die nach der Wahrheit suchen, egal, wie unbequem sie ist.

Doch was ist die Wahrheit? Nicht nur Comicjournalisten wissen, dass sie in Reinform nicht zu haben ist. Sie recherchieren zwar ausführlich, und die Genese ihrer gezeichneten Reportagen ist nicht eine Sache von Tagen oder Monaten, sondern von Jahren; im Fall von «Gorazde» waren es vier. Aber sie schreiben von vornherein sich selbst und ihren persönlichen Blick in die Recherche mit ein – und auch den Effekt des «Observer’s Paradox»: die Reaktionen der Leute auf sie, die Berichterstatter. Da kommt es durchaus zu selbstironischen Brechungen und manchmal gar zu Galgenhumor. Bei Sacco etwa ist keiner sakrosankt, weder das Opfer noch der Journalist.

Schon das Medium der Zeichnung oder der Collage erlaubt keine 1:1-Wiedergabe, und Joe Sacco schafft mit seiner Entscheidung fürs Schwarzweiss-Expressive, für den knallharten Strich und die teilweise ironische Figurenzeichnung zusätzlich Abstand. Ganze Dissertationen befassen sich mittlerweile mit dieser Form des neuen «narrativen Journalismus», der «Non-Fiction Graphic Novel» – eine Contradictio in adjecto, die das Irritierende dieses Genres fasst, das langsam und nachhaltig ist, subjektiv und transparent: eine Slow-Food-Reportage für Auge und Kopf.

Herr Sacco, «Palästina» war bahnbrechend. Wie entstand es?
Als ich im Winter 1991/92 – die erste Intifada lag in den letzten Zügen – für zweieinhalb Monate in den besetzten Gebieten lebte, hatte ich mir noch keine Theorie, kein Konzept für mein Schaffen zurechtgelegt und dachte an eine Art Reisebericht mit Illustrationen. Jedenfalls musste ich einfach hin, selbst sehen, wie es dort zugeht. Ich musste handeln.

Warum?
Ich habe einen maltesischen Pass, keinen amerikanischen, unsere Familiengeschichte ist vom Krieg geprägt, was ich auch in «War Junkie» (1997) beschreibe. Ich hatte hohe journalistische Ideale, und während meines Journalismusstudiums realisierte ich, dass die Berichterstattung über den Nahostkonflikt in den USA, wo ich seit dem zwölften Lebensjahr daheim bin, sehr einseitig ist. Da werden alle Palästinenser pauschal als Terroristen verteufelt; und als US-Steuerzahler finanziere ich ihre Unterdrückung mit. Als das Massaker von Sabra und Shatila stattfand, 1982, war ich 21 – und mir wurde klar, dass die Medien logen. Das hat mich so wütend gemacht auf meine eigene Zunft! Sie reproduzierte Vorurteile, statt Fakten zu präsentieren: Meine eigenen Kollegen hatten mich betrogen! Also las ich Edward Saids «The Question of Palestine» und Noam Chomskys «Fateful Triangle»; diese Bücher und einen hohen Anspruch hatte ich im Gepäck nach Palästina.

Ihr Palästina-Buch ist allerdings auch nicht objektiv.
Stimmt. Aber ich tu auch nicht so, als ob. In den USA ist nun einmal der israelische Standpunkt dominant und wird als «objektiv» verkauft; selbst Obama kritisiert Israel nur sehr zurückhaltend – wie er ja überhaupt durch seine Schwäche enttäuscht, etwa bei der Health Care. Israel ist der amerikanische Arm im Mittleren Osten, die Israeli sind uns kulturell viel näher als die Araber, und das jüdische Volk hat schrecklich gelitten. Und für unsere verrückte Rechte – immerhin 20 Prozent der US-Bevölkerung – spielen das jüdische Volk und Israel eine wichtige Rolle in der «Endzeit». Sarah Palin beispielsweise trägt gern einen Anstecker mit israelischer Flagge. Ich dagegen möchte palästinensische Stimmen hörbar machen, sie ehrlich wiedergeben – ohne selbst Partei zu ergreifen. Ich bin parteiisch, indem ich ihre – oft ungehörten – Ansichten rapportiere; aber ich rapportiere ohne eigene Agenda. In «Palästina» zeige ich mich selbst auf Recherche und erzähle auch, wo ich meine Zweifel habe oder wo sich die Augenzeugen widersprechen. Der Leser bekommt eine ungeglättete Auslegeordnung.

So begründete ein privates Logbuch den Trend zur Comicreportage?
Na ja, irgendwie vielleicht schon – auch wenn es jeder, der seither Reportage-Comics geschaffen hat, anders macht: Emmanuel Guibert baut in seine Afghanistan-Reportage Fotos ein, Guy Deslisle findet einen völlig anderen Ton in «Pyongyang», Ted Rall verknüpft Cartoons, Fotos und lange Textpassagen; und es ist einfach absolut grandios, wie Josh Neufeld die Katrina-Katastrophe in New Orleans in Comicform fasst! Heute heisst das «Non-Fiction Graphic Novel», aber eigentlich ist es eine alte Tradition: Im 19. Jahrhundert schickten Magazine Illustratoren auf Reportagereise. Diese Form starb aus, und erst viel später hat Art Spiegelman mit seiner Vater-Biografie die Türen für neue Ansätze geöffnet.

Aber Sie selbst sind vom Cartoon ausgegangen?
Ich habe ja keine formale künstlerische Ausbildung, arbeitete vor meiner Recherche aber vor allem als Cartoonist, und das merkt man «Palästina» auch an. Der Zeichenstil erinnert an die Funnies, die ich davor gemacht habe, und das Buch ist viel episodischer, hat viel mehr Wiederholungen als «Gorazde», das optisch weniger karikaturesk wirkt – obwohl ich meinen Stil wohl nie komplett werde umkrempeln können. In «Palästina» steht mein wachsendes Verständnis der Situation im Zentrum. In «Gorazde» bin ich mehr Journalist, habe mich stärker zurückgenommen, obwohl ich auch hier reflektiere, was es für die Menschen bedeutet, wenn ich eingeflogen komme wie die Taube mit dem Ölzweig – wie sie ihre Reaktionen anpassen. Und auch nach Bosnien musste ich das, weil mich das Geschehen persönlich traf. Selbst die «Footnotes in Gaza», die auf historische Ereignisse Mitte der Fünfzigerjahre fokussieren und neben der Oral History auch Archivmaterial vorstellen, konfrontieren den Leser mit dem Leben im Gazastreifen heute und meinen persönlichen Erlebnissen.

Wieso sucht der Comic die Welt?
Während der Roman oft Nabelschau betreibt und sich in Innenansichten verliert, muss ein Comic in Bildern erzählen. Die Comickunst bietet sich fürs Dokumentarische an: Sie ist nach aussen orientiert, verbindet aber Non-Fiction mit Subjektivität. Kurz: Der Comic kann mehr – auch punkto Ehrlichkeit. Mittlerweile hat sich das herumgesprochen.

Hat diese Ehrlichkeit Ihnen auch Schwierigkeiten gebracht?
Ich glaube nicht, dass ich auf einer schwarzen Liste bin. Aber US-Buchhandlungen, die mich führen, bekamen gelegentlich Probleme. Trotzdem habe ich nie daran gedacht, die USA für immer zu verlassen, auch wenn ich lange weg war. An den «Footnotes» feilte ich zehn Monate lang in einem kleinen Ort in der Nähe von Bern: Die Schweiz ist wahnsinnig konservativ, aber es war toll, dort in Ruhe zu arbeiten. Meine Jahre in Europa haben mir beigebracht, in Nuancen zu denken und mit Ambivalenzen zu leben. Ich habe keine «nationale Identität» und glaube, dass der Nationalismus ein Grundübel unserer Gesellschaft ist. Aber Portland, Oregon, ist mein Zuhause.

Hatten Sie je Angst da draussen?
Selten. Aber ich bin eher der vorsichtige Typ. Ich habe zwar Schüsse gehört und wurde auch Zeuge, wie israelische Baumaschinen palästinensische Häuser zerstörten, aber ich war kaum je wirklich in Gefahr. Das ist der Vorteil und die Crux am Reporterdasein: Man kommt von aussen, man kann immer weggehen, man ist nicht gefangen in der Situation wie die, von denen man berichtet.

Es gibt unendlich viele Kriege, Katastrophen und Ungerechtigkeiten. Warum Palästina und Bosnien?
Mein Journalismus ist subjektiv. Ich recherchiere, wenn mich etwas mitnimmt, mich trifft wie ein Schlag in die Magengrube. Ein Thema, das mich jüngst beschäftigt hat, ist die afrikanische Auswanderung nach Europa über Malta. Dieser persönliche Zugang zur Welt und zum Beruf ist allerdings sehr belastend. Eigentlich brauche ich eine Pause. Das Unglück, das du zeichnest über all die Jahre, erschöpft dich – die Toten in Bosnien, die Massaker im Gazastreifen. Ich sollte zurück zu den Funnies . . .?(lacht)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2010, 08:54 Uhr

Titel von Joe Sacco:

Palästina. Aus dem Englischen von Waltraud Götting. Edition Moderne, Zürich 2009. 288 S., ca. 40 Fr. Bosnien. Aus dem Englischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2010. 230 S., ca. 37 Fr.Footnotes in Gaza. Metropolitan Books, New York. 418 S. Erscheint 2011 auf Deutsch unter dem Titel «Gaza», Edition Moderne, Zürich.Not in My Country – A Tale of Unwanted Immigrants. Im Internet: www.guardian.co.uk/world/interactive/2010/jul/17/joe-sacco-unwanted-immigrants.

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