Porträt

Der Dolmetscher zwischen den Geschlechtern

Der Mann, für den die Männer vom Mars sind und die Frauen von der Venus, hat ein neues Buch geschrieben: Diesmal widmet sich John Gray den Frauen im Berufsleben.

John Gray Der 62-jährige US-Autor ist Paar- und Familientherapeut. Mit «Männer sind vom Mars, Frauen sind von der Venus» wurde er weltberühmt.

John Gray Der 62-jährige US-Autor ist Paar- und Familientherapeut. Mit «Männer sind vom Mars, Frauen sind von der Venus» wurde er weltberühmt.

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Mit einem Mal interessieren sich ja ganz viele für jene, die lange als eine Art kuriose Randgruppe abgetan wurden: für die Frauen. In Deutschland, so schrieb der «Spiegel» letzte Woche, bemühen sich die grossen Parteien momentan um niemanden so sehr wie eben um die Frauen – nicht, weil man sich besonders für ihre Anliegen interessieren würde, sondern aus mathematischer Notwendigkeit: Zur Bundestagswahl am 22. September werden knapp 32 Millionen Frauen wahlberechtigt sein, aber nur 30 Millionen Männer. Und weil man auch weiss, dass Barack Obama dank der weiblichen Stimmen gewonnen hat, gilt es bei dieser Bevölkerungsgruppe unbedingt zu punkten – sie zu vernachlässigen, kann man sich nicht mehr leisten.

Während die Politik eine Charmeoffensive startet, bewegt sich in der Berufswelt wenig bis gar nichts. Dort kann man es sich noch leisten, ohne Frauen auszukommen; Firmen geraten regelmässig in Erklärungsnot, wenn sie trotz der vielen bestens ausgebildeten Frauen auf dem Arbeitsmarkt den penibel kleinen Prozentsatz an weiblichen Führungskräften erläutern sollen.

Alles so schön biologisch

Aber jetzt kommt einer daher und will wissen, wo das Problem liegt: John Gray, dessen Buch «Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus» sich 50 Millionen Mal verkaufte, in 50 Sprachen übersetzt wurde und ihn zum Multimillionär machte. Er traf 1992 den Nerv der Zeit, und seine bonsaipsychologische Abhandlung über die angeblich so grossen Unterschiede zwischen den Geschlechtern lancierte einen fatalen Trend.

Es folgte Buch um Buch, alle hatten eines gemeinsam: Sie zementierten Klischees. Selbst die Hirnforschung wurde bemüht, um zu beweisen, dass Männer und Frauen völlig verschiedene Wesen seien, da konnten Fachzeitschriften noch lange Sturm laufen und erklären, die genannten Experimente und Befunde seien weder seriös noch eindeutig genug – es passte zu gut, dass Frauen aufgrund ihrer Biologie nun mal einfach emotional-umsorgender sein sollten und Männer rational-kompetitiver.

21 Jahre später sieht John Gray die Welt immer noch so. In seinem neuen Buch «Work with Me» erklärt er der Welt, dass Frauen nur deshalb untervertreten seien an den Schaltstellen der Macht, weil sie anders kommunizieren würden, ja, weil sie eine völlig andere Sprache als die Männer sprächen. Und weil die Berufswelt nun mal männlich geprägt sei, würden die Frauen die männlichen Codes nicht verstehen oder missinterpretieren, was dann zu Frustration führe und im schlimmsten Fall dazu, dass sie resignierten oder dem Berufsleben den Rücken kehrten.

John Gray fungiert deshalb als Übersetzer und tritt an, die seiner Ansicht nach gängigsten Missverständnisse zwischen den Geschlechtern am Arbeitsplatz zu klären: ¬ Es ist nicht so, dass sich Männer ändern müssen, wenn sie mit Frauen zusammenarbeiten – Männer sollten einfach besser zuhören und emotionaler sein und kommunikativer. ¬ Es ist nicht so, dass Männer die Arbeit der Frauen gering schätzten – sie loben einfach das Ergebnis, während Frauen den Weg zum Ergebnis gewürdigt wissen wollen. ¬ Es ist nicht so, dass Männer Frauen ausschliessen würden – sie sind es einfach gewohnt, unter sich zu sein und keine Rücksicht nehmen zu müssen. ¬ Es ist nicht so, dass Männer Frauen mit Samthandschuhen anfassen müssten. Allerdings schon ein bisschen, weil Frauen so wahnsinnig sensibel sind und Kritik allerhöchstens dann ertragen, wenn sie verklausuliert formuliert wird. ¬ Es ist nicht so, dass Frauen zu viele Fragen stellten – sie signalisieren damit einfach ihr Interesse, weil sie nun mal eine Wohlfühlatmosphäre brauchen. ¬ Es ist nicht so, dass Männer Frauen nicht zuhörten – sie fokussieren einfach stärker auf ein Problem, während es den Frauen Sicherheit gibt, laut zu denken. ¬ Es ist nicht so, dass Frauen zu emotional wären. Sie müssen einfach ihre Gefühle mitteilen, weil sie sonst unglücklich werden. ¬ Es ist nicht so, dass Männer unsensibel wären – sie gehen Probleme einfach zielgerichteter an und verlieren sich nicht in Details.

Kleinigkeiten sind entscheidend

Der Schlüsselbegriff, den Gray gerne anführt – und der eigentlich eine Erfindung seiner Co-Autorin Barbara Annis ist –, lautet Gender Intelligence, also Geschlechter-Intelligenz. Gemeint ist die Klugheit zu erkennen, dass Frauen und Männer zwar nicht gleich sind, was aber nicht bedeutet, dass ein Geschlecht überlegen ist, sondern halt eben: anders. Dieser Punkt ist entscheidend, zumal in der Berufswelt die Männersprache dominiert und sich Frauen dieser anzupassen haben. Frauen wird heute immer noch ernsthaft empfohlen, die Männerspiele mitzuspielen, ansonsten sie nicht als gleichwertig akzeptiert würden: «Auch wenn viele Frauen das lächerlich finden: Sie sollten das grösste Büro, den dicksten Dienstwagen und den Parkplatz direkt vor dem Eingang beanspruchen. Wenn jemand auf dem Parkplatz steht: sofort abschleppen lassen, Revier verteidigen», riet letztes Jahr ein Berater, der für Frauen Aggressionsseminarien veranstaltet, in der «Süddeutschen Zeitung».

Frauen haben also nebst all der anderen Hürden zusätzlich eine Anpassungsleistung zu vollbringen, aber selbst dann sind die Spiesse nicht gleich lang: Facebook-Chefin Sheryl Sandberg sorgte mit ihrem Buch «Lean In» nicht nur weltweit für Aufsehen, weil sie darin den Frauen um die Ohren haut, sie sollten nicht schon beim ersten Gedanken an eine Mutterschaft sämtliche beruflichen Ambitionen begraben. Sondern auch, weil sie aufzeigte, dass sich Frauen mitunter in einem Teufelskreis befinden: Agieren sie wie Männer, nimmt man ihnen übel, zu aggressiv, sprich zu wenig weiblich zu sind. Agieren sie klassisch weiblich, legt man ihnen das als Schwäche aus, weil männliche Eigenschaften als richtig und erstrebenswert gelten.

Die Geschlechter-Intelligenz wäre ein vielversprechender Ansatz, diesem Teufelskreis zu entkommen. Bloss tut Gray genau das Gegenteil: Er beschreibt Frauen als Wesen, die pausenlos gehätschelt und gepflegt werden müssen, die recht eigentliche Emotionsbündel sind, allenthalben drohen Tränen und Ausbrüche, weil sie halt nicht anders können. Männer wiederum meinen es nicht böse, sie verstehen es einfach nicht besser. Dass er selbst rein gar nichts von der Gender Intelligence verinnerlicht hat, zeigte sich, als er gegenüber der englischen «Sunday Times» erklärte, der Erfolg von Sheryl Sandberg liesse sich nur mit einem ausserordentlich hohen Testosteronwert erklären. Womit er das männlichste aller Hormone zum Prinzip macht und letztlich sagt: Ohne Männlichkeit kein beruflicher Erfolg, sorry, Ladys. Oder eben: Das Weibliche an sich ist eine ungenügende Voraussetzung für eine Karriere.

Ohnehin liegt der Verdacht nahe, dass Gray sich für das Thema im Grunde gar nicht interessiert. Der Journalist der «Sunday Times» beschreibt, wie er Gray nach einem Begriff im Buch fragt und dieser nicht weiss, wovon die Rede ist. Auch von der Debatte, die Anne-Marie Slaughter letztes Jahr mit ihrem Artikel «Why Women Still Can’t Have It All» losgetreten hatte und in dem sie beschrieb, weshalb sie ihren Kindern zuliebe ihre Karriere aufgab, hat er noch nie etwas gehört. Aber das mit den Frauen in der Berufswelt ist eine Welle, auf der es sich grad so schön mitsurfen lässt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2013, 08:19 Uhr

Gray, John, «Männer sind anders. Frauen auch», Goldmann, 317 Seiten, ISBN 978-3-442-12487-9, CHF CHF 14.90.

Männer sind anders. Frauen auch

Buch

Barbara Annis & John Gray: Work with Me – The 8 Blind Spots Between Men and Women in Business. Palgrave Macmillan, New York 2013. 260 S., ca. 42 Fr.

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