Der Fremde in uns allen

«Der Fremde» ist ein Jahrhundertbuch. Für jeden Leser wird der Roman zu einem Teil seines eigenen Lebens. Albert Camus, der morgen vor hundert Jahren geboren wurde, schrieb ihn 1942.

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Als hätten sich die Menschen von der Sonne losgerissen, so taumeln sie bei Albert Camus als einsame Planeten durch die Weite des Weltalls, wo ihnen nichts mehr Halt bietet, weder Gott noch Vernunft, weder Beruf noch Heirat. So aber sass auch Camus selbst, in einsamer Schönheit erstarrt, am Cafétisch vor dem Deux-Magots in Paris, umgurrt nur von den grässlichen Tauben mit ihrem ewigen Grau, etwas Schutz vor der kalten Einsamkeit im zerknitterten Regenmantel suchend, aber doch verloren im sinnentleerten Raum des Absurden; nur die Zigarette im Mund bot ihm flüchtigen Halt und eine zarte Glut.

So wurde Camus zur Ikone, so wurde «Der Fremde» zum Jahrhundertbuch – kaum ein Buch hämmerte sich mit seinen kurzen Sätzen so in mein Herz und Hirn. War nicht auch ich jener «Fremde»? Ein Jahrhundertbuch, weil es das Gefühl einer ganzen Generation, losgekettet ins Nichts zu rasen, auf den Punkt brachte und weil es bei seinem Erscheinen 1942, vor dem Hintergrund des entfesselten Mordens, für das Lebensgefühl einer Epoche eine bleibende Form fand.

Ein Jahrhundertbuch nicht nur in der Literaturgeschichte, sondern in den Jahrringen jedes Lesers, denn diese Epoche hat jeder einmal durchlebt: «Der Fremde» ist Teil unserer eigenen Biografie – schliesslich taumelte jeder einmal, den Freunden entfremdet und aus der Welt gefallen, durch dunkle Strassen grosser Städte, verloren unter einem mondlosen Himmel, sich nur an der kalten Schönheit der Einsamkeit sonnend, sich suhlend im Weltschmerz, ganz Pubertät, ganz schwarzer Pullover, sich selbst fremd geworden.

Zwischen zwei Schüssen

Siebzehn Bücher von und zu Camus türmen sich vor mir zur Mauer. Als könnte mir das Wissen Schutz und Halt geben. Doch im entscheidenden Moment bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, muss mich dem Nichts-Wissen stellen, dem Camus uns aussetzt. Die Bücher und all mein Wissen bilden nur eine Mauer des Absurden, die keinen Schutz vor dem Schreck und der Schönheit bietet, die unsere Augen blenden, wenn wir «Den Fremden» aufschlagen und die Buchstaben vor dem Weiss der Seiten tanzen und taumeln wie Camus’ Figuren auf den Stränden von Algerien.

Heiss ist es. Seit Stunden schon drückt die Sonne mit dem Gewicht ihres Lichts auf seinen Schädel. Gerade noch hatte er sich an der Seite von ein paar Freunden, nein: von flüchtigen Bekannten, am Strand mit Arabern geprügelt, gerade noch hatte er sich mit seiner Freundin, nein: einer flüchtigen Geliebten, in den Wellen des Meeres treiben lassen, ihr Haar gekost, das als Strandgut über ihr Gesicht hing, wie leblose Algen und doch voller Schönheit und mit der Lockung eines reinen Versprechens – finde hinein ins Leben! Aber nein, er, der Fremde, findet nicht ins Leben hinein.

Als seine Mutter starb, da konnte er nicht weinen, als seine Mutter starb, da wusste er nicht ihr Alter. Jetzt steht er vor dem Gericht, und der Richter fragt: Weshalb sind Sie damals, in der Hitze, nochmals an den Strand zurückgegangen bis zum Araber, weshalb haben Sie auf ihn geschossen? Eine banale Frage. Doch der Fremde kann keine Antwort geben: Hass war es nicht, als er, vom Meer und Salz ausgelaugt, den Araber tötete, den er ja gar nicht kannte, nein, kein Hass trieb ihn, kein Grund, nur die Hitze und das Flirren der Luft, die flirrende Leere seines eigenen Lebens vielleicht. Aber dann die Frage des Gerichts: Weshalb haben Sie dann ein paar Sekunden gewartet, bevor Sie nochmals auf ihn schossen, vier, fünf Mal?

Der Leser wird die Frage mit sich durchs Leben tragen und die Leere jener Ewigkeitssekunden zwischen den Schüssen mit anderen Bildern, eigenen Gedanken und Gefühlen füllen, denn dieses Geheimnis gibt der Fremde nicht preis. Vielleicht ist er sich in jenen Sekunden das einzige Mal selber begegnet, war sich für einen Blitzaugenblick nicht mehr fremd.

Heiss war das Licht der Sonne, verheissend die Lust mit der Geliebten, aber er, der Fremde, findet nie ins Jetzt seines Ich hinein, ausser in der blendenden Leerstelle, im gleissenden Weiss jener paar Sekunden, bevor er nochmals schiesst, und nochmals. Davor war sein Leben – nichts: Er lebte als kleiner Beamter und drehte seine Stunden im Mühlrad des Vergessens. Danach – nichts: Er sitzt im Gefängnis und wartet auf die Hinrichtung. Sein Leben ist also, wie der von Camus bewunderte Nietzsche gesagt hätte, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen. Im Hiatus liegen, blank und leer, die Sekunden, zwischen dem ersten Schuss, mit dem er tötet, und den weiteren Schüssen, mit denen er diese Tat bejaht. Als könnten sie ihn ins Jetzt hineinschiessen.

Eine sinnlose Tat. In einer sinnlosen Welt. Er bejaht den Mord mit seinen vier Schüssen, setzt sie wie ein Ausrufezeichen hinter die stille Abwesenheit von Sinn. Damit aber protestiert er auch, einmal wenigstens, gegen sein Leben, er revoltiert mit einer sinnlosen Geste gegen die Sinnlosigkeit. Darin lag für Camus die höchste Schönheit.

Auf seinem Schreibtisch stand, neben einem Foto des wahnsinnigen Nietzsche, immer das Bild des russischen Terroristen Kiljajew, der 1905 den Grossfürsten Sergei tötete – und danach die Begnadigung abwies, um diesen höchsten Moment seines Lebens, den Bombenanschlag, ganz rein in den Tod hinein zu retten. Dieser «sinnvolle» Mord bildet in Camus’ Theaterstück «Die Gerechten» (1950) das Gegenstück zum sinnlosen Mord aus «Der Fremde».

Paradoxerweise waren beide Morde ein Ja zum Leben. Erst im Gefängnis, kurz vor dem Tod, als die Rufe des Eisverkäufers und die Düfte der Nacht zum Fremden in die Zelle dringen und er merkt, dass die sinnlichen Eindrücke eines einzigen Tages genügen würden, um hundert Jahre im Kerker auszuhalten, erst da ahnt er etwas von der «zärtlichen Gleichgültigkeit» der Welt.

Diese schilderte Camus kurz davor in «Hochzeit des Lichts» (1938). Fast schon schwelgsüchtig feiert Camus die ausschweifende Schönheit der Natur, berauscht sich an Wermutbüschen, dem roten Ruf der Geranien und dem jähen Grün des Himmels, wenn sich die Nacht, rascher als sonst wo, über den algerischen Strand senkt, an dem sich, in wilder Nacktheit, Bein an Bein, Olivenbaum an Olivenbaum reiben.

Sekunden des Nichts

Was braucht es Gott und die Götter, wenn jeder Augenblick göttlich ist, wenn das Auge einen Blick auf die Küste wirft und aufs Meer, die sich gegenseitig kosen wie die Lippen von Liebenden, die Lippen einer Frau, die Camus begehrt und beglückt mit salzigen Küssen, nach Tänzen im Strandcafé. Dieses heidnische Fest des Augenblicks öffnet das Auge auch, schreckgeweitet, für das Absurde: Die Schönheit einer Landschaft, eines Strandes, ist immer auch «unmenschlich», sie löscht uns aus.

«Hochzeit des Lichts» und «Der Fremde» beleuchten von zwei entgegengesetzten Seiten die ekstatischen Momente, in denen man so sehr Ja zum Leben sagt, dass man auch den eigenen Tod bejaht. Jenes dionysische Ja von Nietzsche, wenn alle Lust die Ewigkeit will. Das heisst freilich nicht, dass der schöne Augenblick ewig verweilen soll, sondern dass das Ja zu jedem Jetzt ein Ja zur ewigen Wiederkunft aller Momente des Lebens ist, aller Momente des Schmerzes und der Verzweiflung, ein Ja zur ewigen Wiederkunft auch des eigenen Todes.

Ein ekstatisches Jetzt wie die Sekunden zwischen den Schüssen. Es sind jene weissen Sekunden des Nichts, die man, vielleicht, spürt, wenn man weiss: Ich zeuge jetzt ein Kind. Dieser Blitzaugenblick, wo man sich gegen die Sinnlosigkeit des Lebens auflehnt und ein Kind zeugt, wissend, dass auch dieses Kind am grossen Nichts, am Tod, am ewigen «Ohne-Sinn» nichts ändern wird.

Genauso wenig wie der sinnlose Mord und das sinnvolle Attentat. Poesie und Protest verdichten sich, so die radikale Sicht des frühen Camus, in Momenten mörderischer Schönheit, und einen dieser Momente setzte er, als unbeantwortete Frage, ins Zentrum seines Jahrhundertbuches: eine jener seltenen Stellen in der Literatur, auf die jeder nur für sich selbst eine Antwort finden kann, wenn er merkt, wie fremd er sich ist, und genau dann, voll paradoxer Wucht, mit sich selbst kollidiert, wenn er merkt, wie sein Alltags-Ich im Nichts des Normalen implodiert und, in stiller Ekstase, eine Ahnung jenes anderen Ich aufscheint, das ganz aufgeht im jähen Jetzt einer Ewigkeitssekunde.

Erstellt: 06.11.2013, 08:20 Uhr

Zum Autor

Stefan Zweifel ist Literaturkritiker und Leiter des «Literaturclubs» auf SRF. Am 19. 11. diskutiert er dort mit Rüdiger Safranski, Elke Heidenreich und Ivan Farron über Camus. Am 11. 12. spricht er mit Jean Ziegler im Schauspielhaus Zürich über «Menschen in der Revolte».

Drei neue Biografien

Iris Radisch von der «Zeit» setzt «Das Ideal der Einfachheit» in den Untertitel (Rowohlt). «Es gilt, einfach zu sein, wahr, keine Literatur», hatte Camus gefordert. Ihre elegant geschriebene Biografie geht chronologisch vor und wählt als Kapitelüberschriften Camus’ zehn liebste Wörter (die Mutter, der Sommer, der Schmerz usw.). Radisch konzentriert sich auf den Lebensweg des Autors. Für sie liegt die entscheidende Prägung in der ärmlichen, ja «vorzivilisatorischen» Herkunft aus dem «emotionalen Niemandsland» mit der analphabetischen, gleichgültigen und zugleich verklärten Mutter. Kritisch sieht sie sein Frauenbild, und auch manches Werk findet bei ihr wenig Gnade.

Stärker auf das Denken Camus’ konzentriert sich Martin Meyer von der NZZ (Hanser). Er setzt sich auch mit entlegeneren Texten intensiv auseinander (etwa der Abschlussarbeit in Philosophie). Für ihn ist Camus einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts, seine Freiheitsphilosophie vor dem Hintergrund des «Absurden» sei von anregender und provokativer Kraft. Anregend ist diese Biografie auch; allerdings durch den forcierten Stil nicht unbedingt ein Lesevergnügen. Grosse Aktualität bescheinigt Camus auch der französische Philosoph Michel Onfray (Knaus). Er stellt ihn in eine spezifisch französische Tradition, nach der Philosophie das richtige Leben lehren und im eigenen Leben auch Anwendung finden soll. Nach Onfray ist Camus ein Anti-Ideologe gewesen, ein Pragmatiker in der Politik, der für einen «libertären Kapitalismus ohne Ausbeutung» gewesen sei. (ebl)

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