Der Held ist das Geld

Die «Verlorenen Illusionen» von Balzac sind ein genialer Schmöker und eine scharfsinnige Analyse darüber, wie das Geld den Geist korrumpiert. Eine Neuübersetzung des Klassikers ist jetzt erschienen.

Honoré de Balzac musste sein ganzes Leben lang Schulden abtragen (Porträt aus dem 19. Jahrhundert). Foto: Leemage (imgages.de)

Honoré de Balzac musste sein ganzes Leben lang Schulden abtragen (Porträt aus dem 19. Jahrhundert). Foto: Leemage (imgages.de)

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Balzac wolle im Breiten gelesen sein, hat Hugo von Hofmannsthal in seiner schönen Hommage gesagt. Ja, breit ist es, das Werk im Bücherregal – 91 Romane und Erzählungen umfasst Balzacs «Menschliche Komödie», eine ganze Welt. Wer kann das alles lesen? Man muss wählen, sich entscheiden. Also für die «Verlorenen ­Illusionen», einen der schönsten Romane, gerade in einer schönen Edition des Hanser-Verlags neu übersetzt.

Auch er verlangt mit seinen über 800 Textseiten von den Lesern viel Zeit und Ausdauer, aber was gibt er ihnen dafür? Ein grosses Drama von Aufstieg, Fall und moralischer Verderbnis eines begabten jungen Mannes, drei Liebesgeschichten, eine Galerie unvergesslicher Haupt- und Nebenfiguren, Milieustudien vom Hochadel über die Journalisten- und Literatenszene bis hin zur Boheme – und vor allem einen tiefen Einblick in den gesellschaftlichen Prozess des Kapitalismus, der sich alles unterwirft, auch das, was man ihm entziehen zu können meint: den Geist, das Herz.

Der erste wie der dritte Teil spielt in den 1820er-Jahren in der Provinzstadt Angoulême, der mittlere in Paris. Wie oft bei Balzac haben wir einen jungen Mann, der in die Hauptstadt strebt und ganz nach oben will. Aber wie? In der Revolutionsepoche hätte er als feuriger Redner, unter Napoleon als tollkühner Soldat reüssieren können. Die Restauration aber hat gesellschaftlich wieder festere Zwischenböden eingezogen. Lucien ist Apothekerssohn, also gesellschaftlich eine Null. Aber er ist «überirdisch schön», mit blonden Locken und griechischem Profil; und er ist ein Dichter. Madame de Bargeton, die «premiere dame» von Angoulême, nimmt ihn unter ihre Fittiche; beide machen sich ein bisschen vor, sie seien ineinander verliebt, und gehen nach einem kleinen Skandal fort, nach Paris!

Ein neuer Journalismus

Dort verlieren sie schnell die Illusionen übereinander und über Luciens Chancen. Der Geist, im Aufklärungsjahrhundert noch das Entreebillett in die elegantesten Salons, ist zur Ware geworden. Entsagungsvoll in ungeheizten Mansarden an seiner Kunst feilen, wie es die Freunde vom «Cénacle» um Daniel d’Arthez tun, das will der ehrgeizige Jüngling nicht. Lieber lässt er sich in die Welt des Journalismus hineinziehen.

Der blüht gerade zum ersten Mal richtig auf: Es sind die Jahre der billigen Massenblätter, die ihre neue Macht fühlen, ausüben und missbrauchen. Sie «machen» Theaterstars und Schriftsteller, stürzen Minister und erpressen Mächtige durch Dossiers mit belastenden ­Dokumenten. Wird genug bezahlt, unterbleibt die Blossstellung, wird aus einem Verriss eine Eloge, erlebt die Premiere einen rauschenden Erfolg. Alles ist käuflich, und alles muss gekauft werden. «Eine Zeitung ist nicht mehr dazu da, aufzuklären, sondern den Ansichten zu schmeicheln» – den Ansichten dessen, der am meisten zahlt.

Immer wieder hat man Balzacs Porträt einer durch und durch korrupten Branche mit heutigen Zuständen vergleichen wollen. Natürlich sind diese anders; aber unter Kostendruck stehen die Zeitungen heute auch, und nun ist es der zahlende Abonnent, Kioskkunde oder User, dem sie schmeicheln zu müssen glauben; genauer: seinen Interessen, die leicht mit einem schnellen Reiz-Reaktions-Kauf-oder-Klick-Muster zu verwechseln sind. Lucien erlebt dies noch unmittelbarer und brutal: «Der Ruhm kostet zwölftausend Franc für Artikel und tausend Ecus für Diners.» Die hat Lucien aber nicht, und so wird sein «historischer Roman im Stil Walter Scotts», auf den er so viel gesetzt hat, verramscht, und auch seine Journalistenkarriere geht schnell zu Ende.

Balzac kannte das Milieu, das er beschreibt, durch und durch; nämlich als mehrfach gescheiterter Geschäftsmann (mit einer Druckerei, einer Letterngiesserei, einer Zeitschrift). Hoch verschuldet, spürte er das Würgeeisen der Wucherzinsen sein Leben lang um den Hals. Den Schuldenberg mit der Feder abzutragen, war ein heroisches, aber aussichtsloses Unterfangen. Diesem Berg verdanken wir aber die «Menschliche Komödie», deren Seiten er sich Nacht für Nacht abrang, die längst verkauft und deren Erlös längst ausgegeben waren.

In bürokratischen Details

Den Würgegriff der Schulden spürt in diesem Roman David Séchard, Luciens bester Freund und vollkommenes Gegenbild. David führt in Angoulême die Druckerei seines Vaters weiter, eines Geizhalses von monströsem Ausmass, und lässt sich die Erfindung, die er gemacht hat – Papier herzustellen mit einem Bruchteil der Kosten – von diabolisch raffinierten Konkurrenten abluchsen. In diesem dritten Teil lässt sich Balzac von seiner finsteren Begeisterung für die Raffinessen ökonomisch-juristischer Folterinstrumente derart überwältigen, dass er ganze Anwaltsrechnungen abdruckt. Der Satz «90 von 100 Lesern werden die folgenden Details so faszinierend finden wie die aufregendsten Neuigkeiten» wirkt unfreiwillig komisch, wenn sich diese Details erneut um Rechtshändel, Anwaltshonorare, Wechselretourrechnungen und Stempelgebühren drehen.

Jawohl, Balzac geht der Sinn für (literarische) Ökonomie und dramaturgische Balance ab. Aber er hat erfasst und gestaltet wie noch kein Autor vor ihm: dass es die «Verhältnisse» sind, mit Brecht zu sprechen, die das Schicksal der Personen bestimmen, und nicht ihr Charakter, wie kräftig Balzac sie auch konturiert, wie farbig er sie ausmalt. Der Autor war Monarchist – mit Adels­tick, das «de» stand ihm gar nicht zu. Sein Werk sah politisch weiter und schärfer, war klüger als er selbst.

Das haben Generationen materialistischer und marxistischer Autoren bemerkt, von Marx und Engels über Lukács und Adorno bis hin zu Thomas Piketty. «Der gesellschaftliche Prozess ist die eigentliche Handlung», schreibt Georg Lukács über die «Verlorenen Illusionen», und der eigentliche Held ist das Geld, ein Agent unablässiger Umwandlung, die den einen nach oben, den anderen nach unten befördert. «Raubmorde auf der Strasse: karitative Akte gegen manche Finanztransaktionen», stellt Balzac fest, hundert Jahre vor Brechts Satz über die Banken und genauso illusionslos.

Balzac war kein Stilist wie Flaubert, seine Seiten sind schnell, manchmal hastig geschrieben. Heutige Leser dürfen sich die Freiheit nehmen, ihr eigenes Lesetempo gelegentlich zu beschleunigen (und auch einmal einen Absatz zu überspringen). Loskommen aber wird kaum einer von diesem Buch. Schon des unglaublichen Netzes an Intrigen wegen, das Balzac auswirft – in dieser Kunst ist er ein Meister aller Klassen und Zeiten. Auch die Macher von «House of Cards» und von ähnlichen Fernseh­serien übertreffen ihn nicht. Und womöglich verdanken sie ihm mehr, als ihnen bewusst ist.

Fehler in der Übersetzung

Also mal TV und Tablet ausschalten und Balzac lesen. In der neuen Ausgabe? Die ist tatsächlich schön anzusehen (und anzufassen), enthält informative Anmerkungen und sogar ein technisches Glossar. Melanie Walz ist eine erfahrene und kundige Übersetzerin. Ihre deutsche Fassung liest sich flüssig und mühelos, oft auch elegant. Prüft man sie allerdings eingehender, fallen einem doch manche Fehler, Missgriffe und Ungenauigkeiten auf. Damit es nicht beim Pauschalurteil bleibt, nur ein Beispiel: Luciens Schwester Eve ist bei Balzac «une grande brune, aux cheveux noirs». Melanie Walz übersetzt «gross und brünett mit schwarzen Haaren».

Ein Widerspruch, dem keine balzacsche Schlampigkeit zugrunde liegt. Der Autor meint mit «brune» vielmehr, dass Eve einem eher dunklen Typus angehört. Muss man hier den klassischen Satz bemühen, dieser Honoré de Balzac sei so stark, dass er auch schlechte Übersetzungen übersteht? Nein, denn dies ist keine schlechte Übersetzung. Aber ein bisschen sorgfältiger könnte sie schon sein.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Roman. Hg. und aus dem Französischen von Melanie Walz. Hanser, München 2014. 960 S., ca. 60 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2014, 17:45 Uhr

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