«Der IS ist eine Truppe von Losern»

Naif Al-Mutawa hat 2006 den ersten islamisch inspirierten Superhelden-Comic geschaffen – und sich damit Morddrohungen von IS wie Christen eingehandelt. Heute gibts «The 99» fast überall.

«The 99», die Superhelden aus dem Geist des Islam, kämpfen rund um den Globus für das Gute.

«The 99», die Superhelden aus dem Geist des Islam, kämpfen rund um den Globus für das Gute. Bild: Naif Al-Mutawa

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Der Anschlag auf «Charlie Hebdo» ist ein Schock für die ganze Welt.
Auch für die muslimische! Was da passierte, hat mit Religion rein gar nichts zu tun, auch wenn die Täter behaupteten, im Namen Allahs zu handeln. Wenn man sich in der Welt umschaut, stösst man überall auf Gewalt, Grausamkeit und Unmenschlichkeit; unsere Religionen aber wollen Frieden und Toleranz stiften. Es ist sehr schmerzlich für mich, zu sehen, wie junge Menschen aus ideologischen und politischen Gründen zu solchem Irrsinn verführt werden. Sie zerstören das Leben der anderen und ihr eigenes.

Wieso lösen Bilder so eine Wut aus? Das Bilderverbot stammt aus der judäo-christlichen Tradition, hatte dort aber nicht diese Wirkung.
Dass die christliche Kirche durchaus eine gewalttätige Geschichte hat und auch der Bildersturm eben ein Sturm war, ist keine neue Erkenntnis. Die Kulturen befinden sich allerdings auf unterschiedlichem Entwicklungsstand: Das muss man offen so sagen. Ein Grund dafür liegt im Abkoppeln des Korans von der Gegenwartskultur. Als die christlichen Priester übers Kirchenlatein einen praktisch exklusiven Zugang zur Heiligen Schrift und zu zeitgenössischem Wissen hatten, war die europäische Gesellschaft auch autokratisch und hierarchisch. Mit der Lutherbibel in Deutschland und mit der englischen Übersetzung, die zur Zeit der Trennung der englischen Kirche von Rom entstand und später in der King-James-Bible ihre populäre Form bekam, machte man in Europa wichtige Schritte hin zu einem weniger extremen, weniger diktatorischen Denken. Wir dagegen haben den Koran mit tausend Regeln umzirkelt, nie recht fürs Volk übersetzt, nie für die Gegenwart geöffnet – und so wurde die Entwicklung eines besseren Koranverständnisses gleich miteingekerkert.

Und offenbar haben Sie mit Ihren Comics diese Regeln gebrochen.
Das bestreite ich! Ich habe meine Firma wie meine Kunst regelkonform gestaltet und vorab von einem Scharia-Gremium absegnen lassen. Ich nenne meine Comics zudem nicht «islamisch», sondern «vom Islam inspiriert». «The 99» bezieht sich auf die 99 Attribute Allahs; aber die 99 Jugendlichen, um die es geht, sind nicht explizit Muslime. Es sind Menschen mit Schwächen und Stärken; sie kommen aus allen Weltgegenden, beten nie, stehen für Werte wie Mitgefühl, Verständnis, Grossmut und Toleranz: humanistische Werte, die in allen drei monotheistischen Weltreligionen zählen.

Kam es daher zu den speziellen Crossover-Ausgaben mit Batman, Superman und Wonder Woman?
Dass DC Comics sich darauf eingelassen hat, ist phänomenal! Und dass diese US-Helden Seite an Seite mit «The 99» kämpfen, spricht für sich. Die Serie wird überall ausgestrahlt, von China bis in die USA; in Europa aber nur im katholischen Irland und in der Türkei.

Wieso wird selbst ein Superhero-Comic als Blasphemie betrachtet?
Na ja, in Kuwait war in meiner Kindheit auch «Animal Farm» verboten, weil ein Schwein auf dem Cover war – also nicht wegen des Inhalts. Die, die eine Fatwa aussprechen, haben das Werk gar nicht unbedingt gesehen. Sie urteilen quasi im Potenzialis: Bestimmte Fehler erzwingen bestimmte Urteile. Ich denke, dass «The 99» aufgrund von Fehlinformationen an den Pranger gestellt wurde. Die saudische Fatwa wollte die Sendung verbieten, ich selbst wurde nicht bedroht. Es ist nicht ohne Ironie, dass ich Morddrohungen von rechtsradikalen Amerikanern erhielt, weil meine Serie das Land muslimisch unterwandere, und andererseits in Kuwait wegen Respektlosigkeit gegenüber Allah und Häresie angeklagt bin. Es gab auch mal eine Fatwa gegen Pokémon: Das ist Willkür; der wahre Geist des Islam weht woanders. Dass ungesunde Auslegungen Heiliger Schriften auch in anderen Religionen existieren, lässt sich etwa in Amerika zur Genüge beobachten, bei manchen Christen oder ultraorthodoxen Juden.

Fürchten Sie den Prozess in Kuwait?
Nein, ich habe nichts Illegales getan und vertraue dem System. Ich lasse mich nicht einschüchtern; auch nicht von Morddrohungen des IS. Neulich hielt ich bei den Saudis Vorträge, trotz Fatwa, und erlebte dort mehr Offenheit, als sich das von aussen ahnen lässt! So erzählte mir ein Bub, sein religiöser Lehrer habe ihm verboten, «The 99» zu schauen. Er habe die Serie aber gar nicht gekannt. Nach dem Verbot zog er sie sich sofort rein und ist jetzt ein Fan. Gibts eine bessere Werbung? Das gilt auch für Paris: Neben seiner Unmenschlichkeit war der Anschlag auf «Charlie Hebdo» furchtbar dumm. Nun hat die ganze Welt die Bilder gesehen, die man vom Erdboden verschwinden lassen wollte. Ich mag die Mohammed-Karikaturen ja auch nicht. Aber wenn ich etwas nicht mag, kaufe ich es nicht. Das ist viel effektiver.

Warum zieht diese Logik des Marktes bei den Islamisten nicht?
Einzelne verstörte, fehlgeleitete Personen repräsentieren nicht eine Weltreligion mit 1,6 Milliarden Gläubigen. Auch eine Gruppe wie der IS nicht. Der IS ist eine Truppe von Losern, Versagern. Die Wut ist aus der Not und Perspektivlosigkeit heraus geboren. Armut und eine geringe Bildung stehen meist am Anfang einer Extremistenbiografie.

Aber etliche Länder mit einer ­strikten Scharia-Gesetzgebung zählen nicht zu den ärmsten.
Die Religion ist wunderschön, die Politik ist schmutzig. Wenn beides sich vermischt, kommt nichts Gutes dabei heraus. Wenn im Vatikanstaat Öl gefunden worden wäre, hätte sich die Religion des   Die-andere-Wange-Hinhaltens dort ­sicher auch nicht durchgesetzt.

Aber die Terroristen berufen sich auf den Koran.
Und Marc Chapman, der John Lennon erschoss, berief sich auf «The Catcher in the Rye». Was du aus einer Lektüre machst, hängt von dir und deiner Prägung ab. Hasser werden immer hassen. Wer von Kindheit an in depravierten Umständen lebte, hat generell eine eingeschränkte Lesart der Dinge. Das kann ich auch als Psychologe nur bestätigen. Ich wollte für meine Kinder positive islamisch inspirierte Rollenmodelle schaffen. Dass Serien Selbstbild und Aussenwahrnehmung einer Gruppe stark prägen, hat Mitte der Achtziger die Bill-Cosby-Show bewiesen – egal, was man heute von Cosby halten mag. Man wirft mir vor, ich würde der Religion schaden – dabei will ich mit meinem Werk eine sanfte Seite des Islam zeigen, sowohl dem Westen als auch nach innen. Ich glaube, ein wenig ist das auch gelungen.

Erstellt: 11.01.2015, 19:44 Uhr

Naif Al-Mutawa Der Sunnit aus Kuwait (* 1971) lebt mit seiner saudischen Frau und Kindern teils in New York. Er ist Psychologe, Unesco-geehrter Autor und führt ein Comic- und Filmunternehmen.

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