Rezension

Der Kapitalismus als Raubkatze

Die britische Autorin Marina Lewycka hat einen Roman über die Finanzkrise geschrieben, in dem sie die Instabilitäten des Systems ebenso erklärt wie die Lebenslügen der Hippies, die es ermöglicht haben.

Anonyme Banker und Bankerinnen werden in Lewyckas neuem Roman fassbar.

Anonyme Banker und Bankerinnen werden in Lewyckas neuem Roman fassbar.

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Zahlreiche Sachbücher haben bereits versucht zu erklären, wie die Finanzkrise seit 2008 das Gefüge der globalen Hochfinanz zerrüttet und die internationale Geldpolitik sowie den sogenannten Kasino-Kapitalismus unmöglich gemacht hat. Das ist lehrreich. Trotzdem werden die Probleme für den Laien kaum je wirklich fassbar. Besser gelingt das der Literatur, weil sie nicht übergeordnete Systeme erklärt, sondern von Menschen erzählt, ihren Leidenschaften und Schwächen, ihren Träumen, ihrem Alltag.

Finanzanalyst mit Hippie-Vergangenheit

Bestsellerautor Robert Harris versuchte es mit seinem Thriller «Angst», in dem ein lernfähiges Computerprogramm sich selbstständig macht. Die britische Autorin und Exil-Ukrainerin Marina Lewycka dagegen wählte für ihren Roman «Die Werte der modernen Welt» die Form der Komödie. Lewycka gilt in England als ebenso humoristische wie politische Autorin, ein Ruf, dem sie mit ihrem neusten Roman gerecht wird.

Die Ausgangslage ist folgende: Serge, aufgewachsen in der Hippiekommune seiner bewegten Eltern, schmeisst sein Mathematikstudium in Cambridge, um als Analyst in London mit seinen intimen Kenntnissen von Fibonacci-Folgen und Gauss’schen Kurven richtig viel Geld zu verdienen. Dass er dabei darauf wettet, dass die ganze Immobilienblase früher oder später platzen, dem Finanzplatz die faulen Papiere um die Ohren fliegen und die Steuerzahler die Rechnung begleichen werden müssen, ist ihm dabei egal. Denn er hat nur Augen für die schöne Maroushka, eine kaltblütige Karrieristin aus dem ehemaligen Ostblock. Sorgen macht ihm höchstens, dass seine Hippie-Eltern von seinem Treiben erfahren könnten.

Hippies gegen Yuppies

Doch die haben in der Zwischenzeit genug mit sich zu tun. Denn die beiden, die sich 1968 auf einem Protestmarsch kennengelernt haben und fast ein ganzes Jahrzehnt freie Liebe und radikale Politik praktizierten, haben sich auf die alten Tage hin doch noch zur Heirat durchgerungen. Unter anderem, um die Adoptiv-Tochter Oolie-Anna, die ein Down-Syndrom hat, bei sich behalten zu können. Dazu müssen sie ihre Kinder informieren – neben Serge ist das die ältere Tochter Clara, eine Lehrerin an einer Grundschule für sozial Benachteiligte, die noch immer nicht den traumatischen Tod ihres Hamsters und diverser Kaninchen überwunden hat, die im Garten der Kommune lebten.

Dass bei Lewycka der Raubtierkapitalismus durch eine nahezu lächerlich attraktive Immigrantin verkörpert wird, ist eine treffende Metapher für die Leidenschaften, die das Finanzsystem so instabil machen. Dazu lässt die Autorin Hippies gegen Yuppies antreten, gewinnorientiertes Streben gegen soziale Verantwortung, das Alter gegen die Jugend – schwerwiegende Themen, die sie mit Leichtigkeit und Witz abhandelt, auch wenn darunter die durchaus ernsten Bruchlinien der gegenwärtigen Krise zu erkennen sind. Dass sie dabei konsequent die Perspektive wechselt und jede mit derselben emotionalen Intensität erforscht, ist der grosse Gewinn dieses Romans – auch wenn sie die Glaubwürdigkeit zuweilen der Komik opfert. Wer noch immer nicht verstanden hat, wie es zur grossen Finanzkrise kommen konnte und warum der Fehler systemimmanent sein muss, der findet in diesem vergnüglichen Roman die richtigen Antworten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.04.2013, 11:12 Uhr

Marina Lewycka: Die Werte der modernen Welt - unter Berücksichtigung diverser Kleintiere. DTV, 220 Seiten.

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