Der Liebeserklärer der Nation

Ein Engländer schreibt ein Buch über die Schweiz und produziert damit einen Bestseller. Diccon Bewes’ «Swiss Watching» kommt zum rechten Zeitpunkt aus der rechten Feder. Heute Abend liest er in Zürich.

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Ein bisschen verklemmt, aber nur am Anfang: So beschreibt Diccon Bewes die Schweizerleute. «Schweizerleute»: Auch so eine Formulierung von Bewes. Der 43-jährige Brite lebt seit fünf Jahren in Bern und spricht fliessend Hochdeutsch. Sein Vokabular ist versüsst mit – wenigen – unkorrekten Ausdrucksweisen. Er sitzt in der English-Book-Abteilung der Berner Buchhandlung Stauffacher, die er leitet, und plaudert ungeniert über sich (und seinen Freund, den Hauptgrund, warum er in der Schweiz gelandet ist), über die Schweiz – und, natürlich, über sein Buch.

Es heisst «Swiss Watching» und ziert, seit es vor wenigen Wochen erschienen ist, die Sachbuch-Bestsellerlisten verschiedener Schweizer Buchläden. «So etwas haben wir mit einem Buch eines Ausländers über die Schweiz noch nie erlebt», sagt Julia Wieler von Orell Füssli – The Bookshop. Nicht bloss englischsprachige Touristen kaufen es, sondern auch Eingeborene. Die in New York lebende, weltweit gelesene Schweizer Bloggerin «Swissmiss», Tina Roth Eisenberg, schätzt Diccon Bewes ebenso wie jener in der Schweiz wohnhafte Brite, der gleich 17 «Swiss Watching» erstand, um seine Freunde zu beschenken.

Scherz, Info und rote Schuhe

Was ist der Reiz dieser 310 Seiten über die Schweiz? Es ist kein Reiseführer, kein Witzband über den Charakter des Schweizers und keine Abhandlung über die Geschichte, Geografie, Politik, den aktuellen Alltag und die verbreiteten Klischees. «Swiss Watching» ist vielmehr eine süffige Mischung aus all dem, eine Art Lehrbuch light über Land und Leute. Der Autor stützt sich auf ausgewiesene Quellen und offizielle Statistiken, schreibt indes in lockerem Stil und würzt das Ganze mit Essenzen aus dem Daily Life eines Ex-Pats.

Dass kein Volk auf Erden so fleissig recycelt (aber sonntags nicht darf ), nirgendwo so viele rote Schuhe anzutreffen sind, der Kaugummi-Konsum pro Kopf so hoch ist wie in den USA und selbst bei Marronitüten ein Leerfach für den Abfall konzipiert wurde – solche Beobachtungen mögen teilweise abgestanden wirken, erhalten aber durch Bewes’ Interpretation eine interessante Schärfe. Der Mut des Autors, den Lesenden zu sagen, wie es nun wirklich sei, erfrischt oder löst jedenfalls ein Lächeln aus.

Die perfekte Heidi

Dabei gelingt es ihm nicht wirklich, die Stereotypen so zu durchbrechen, wie er das möchte. Er bilanziert, die Schweizer seien «konservativ, zurückhaltend und nett», und stellt die Kunstfigur Heidi als perfekte Personifizierung der Nation hin. Diese nicht sehr überraschenden Aussagen verzeiht man ihm allerdings – und amüsiert sich über die Fauxpas, die er als Fremder begangen hat und nun plastisch schildert. Des Schreibers grösster Trumpf: Er würzt das Ganze mit einer Portion – man bedient sich gerne dieses Klischees – britischem Humor.

Der blitzt auch im Gespräch auf. Bewes, äusserlich eher Student als Globetrotter, erzählt, wie er in der Bundeshauptstadt dreimal wöchentlich schwimmen gehe und als «Englishman» die ihm bekannten Gesichter grüsse. «Und weisst du was? Die grüssen auch tatsächlich zurück, so nach drei Jahren.» Als einst ein Kunde ein Buch mit einer Tausendernote bezahlen wollte, überlegte Abteilungsleiter Diccon Bewes nervös, ob er gleich die Polizei benachrichtigen solle.

Auf der Volkskultur-Welle

Der Mann ist stolz auf sein Buch, auf seinen Erfolg. Und gleichzeitig ist es ihm peinlich, dass sein Gesicht derzeit auf Postern die potenzielle Kundschaft anlächelt. Bis Mitte November wird er 14 Veranstaltungen im ganzen Land bestreiten, und das hat nicht etwa sein Verlag, sondern er selbst organisiert.

Zehn Jahre lang arbeitete er als Marketingmanager für Lonely Planet, einige Jahre jettete er als Reisejournalist um die Welt – und jetzt steht sein Baby in Büchergestellen. Es ist nicht zu übersehen: weisses Kreuz auf rotem Hintergrund. Nicht das originellste Cover, aber ein auffälliges. Bewes, ganz Marketingmensch, weiss, wie wichtig es ist, dass ein Buch bereits optisch eine Botschaft transportiert und sich von anderen abhebt. In seinem Fall funktioniert das, kein Zweifel: Es geht um die Schweiz.

Das passt. In Zeiten, da Schwingerfeste zu Megathemen wiedererwachen, Volksmusik boomt und Eltern ihre Knirpse ungehemmt in T-Shirts mit Schweizer Kreuz herumrennen lassen, schämt sich nicht, wer mit Bewes’ Buch über die Nation ertappt wird. Gleichzeitig ist «Swiss Watching» ein Pflästerli für das ramponierte Image der Schweiz: Ein Ausländer legt eine Liebeserklärung vor. Nicht indem er die Bankgeheimnis- und Nazigoldaffäre beschönigt oder den Ausgang der Minarett-Initiative totschweigt, sondern indem er auf solche Themen eingeht, sie allerdings differenziert behandelt und stets eine wohlwollende Haltung gegenüber seiner «neuen Heimat» durchschimmern lässt.

Ein angenehmes Gefühl

Und so kommts, dass man das (eigene) Land am Schluss lieber hat als vor der Lektüre – und sei es bloss, weil man durch die englische Sprache das angenehme Gefühl der exotischen Aussensicht geniesst. Wobei man dann beim Autor zu Hause die zum Recycling parat gestellten Heidi-Milch-PET-Flaschen im Migros-Sack liegen sieht und denkt, dass Bewes selbst schon mehr Schweizer sei, als er sich bewusst ist. Sozusagen die Umkehrung dessen, was er im Buch schreibt: dass die Lesenden nach der Lektüre mehr über die Schweizer wissen als die meisten Schweizer über sich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2010, 07:25 Uhr

Der Schweizermenschenfreund: Autor Diccon Bewes (Béatrice Devènes)

Lesungen

Zürich: 3. September, 20.15 Uhr, Orell Füssli Bookshop, Bahnhofstrasse 70.

Bern: 8. September, 20 Uhr, Stauffacher, Neuengasse 25-37.

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