Der Mann, der sich selbst erforschte

Der englische Neurologe Oliver Sacks ist unheilbar krank. Nun legt er eine Autobiografie vor, die tiefe Erkenntnisse mit den für ihn so typischen sympathischen Albernheiten kombiniert.

Oliver Sacks, brillanter Neurochirurg und Schriftsteller. Foto: Grazia Neri (LUZphoto/fotogloria)

Oliver Sacks, brillanter Neurochirurg und Schriftsteller. Foto: Grazia Neri (LUZphoto/fotogloria)

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Der junge Motorradfahrer auf dem Foto sieht aus wie ein klassischer Lederschwuler. Stünde da auf dem Buchumschlag nicht «Oliver Sacks: On the Move. Mein Leben», man würde nicht glauben, dass dies derselbe Mann sein soll wie der tapsige sympathische Graubart, der im Januar 2002 in Zürichs psychiatrischer Klinik Burghölzli sein Buch «Uncle Tungsten» vorgestellt hatte. Darin war es um die traumatisierende Kindheit des 1933 in London geborenen Sacks gegangen. So schilderte er, wie seine Mutter, eine brillante Chirurgin, auf die Idee verfiel, den 14-jährigen Oliver das Bein eines toten Mädchens sezieren zu lassen: damit er begreife, was für ein Wunder­werk der menschliche Körper sei. Die Freude an den Feinheiten der Anatomie, schrieb Sacks, sei überschattet worden vom Grauen des Sezierens, und er habe sich gefragt, ob er je den Leib eines lebenden Menschen würde lieben können.

Man kann verstehen, dass der junge Oliver flüchten wollte; und davon, wie er sich aus London in die USA absetzt und dort zum bekanntesten Neurologen der Welt wird, handelt «On the Move». Der Titel stammt aus einem Gedicht des Lyrikers Thom Gunn, der öfter über die Wonnen des Motorradfahrens schrieb und mit dem sich Sacks 1960 in Kalifornien anfreundete. Der junge Mediziner führt in San Francisco ein Doppelleben: «Am Tag war ich der freundliche, weiss bekittelte Dr. Oliver Sacks», heisst es in der nicht immer inspirierten Übersetzung von Hainer Kober, «aber bei Nacht tauschte ich den weissen Kittel mit der Lederkluft und glitt anonym und wolfsartig auf meinem stählernen Reittier aus dem Krankenhaus hinaus.» Wird Sacks von seinen Medizinerkollegen Oliver ­genannt, heisst er bei Thom Gunn und seinen Bikerfreunden Wolf, was sein zweiter Vorname ist.

1965 zieht er von Kalifornien nach New York, wo sich bald einmal herausstellt, dass nicht Forschung das Richtige für ihn ist, sondern die praktische Arbeit mit Patienten in einer Kopfschmerz­klinik. Sacks, der selbst an Migräne leidet, beschliesst, ein Buch über das Thema zu schreiben – worauf sein Vorgesetzter ihn entlässt. Wie sich später herausstellt, hatte der Mann unter seinem Namen in Fachzeitschriften Aufsätze von Oliver Sacks publiziert.

Die Schlafkranken erwachen

1966 stellt Sacks fest, dass sich in einem Krankenhaus für chronische Fälle etwa achtzig Patienten befinden, die Anfang der Zwanzigerjahre von der Europäischen Schlafkrankheit befallen worden waren. Sie hatten zwar überlebt, doch nun vegetieren sie dahin in starren Haltungen wie Parkinsonkranke. Daraus erwachen sie manchmal kurz, zum Beispiel bringt Musik sie zum Tanzen, obschon sie nicht gehen können, und zum Singen, obschon sie nicht sprechen können. Er verabreicht ihnen ein Medikament, das gegen Parkinson entwickelt worden ist, die Patienten erwachen aus ihrem jahrzehntelangen Schlaf, entwickeln aber auch die absonderlichsten Symptome. Darüber veröffentlicht Sacks 1973 das Buch «Awakenings». Es wird von Literaturkritikern gefeiert, in den Fachzeitschriften dagegen erscheint nichts dazu.

Dieses Phänomen ist eine Abart des Harry-Potter-Syndroms, der Reaktion: «Was so viele Leute toll finden, kann einfach nicht gut sein.» Und es wird noch schlimmer, als Sacks 1985 «The Man Who Mistook His Wife for a Hat» publiziert: 24 Schilderungen von Patienten mit merkwürdigen neurologischen Problemen. Der Mann in der Titelgeschichte etwa, ein Sänger und Musiklehrer, hat die Fähigkeit verloren, organische Formen wahrzunehmen, und so kommt es dazu, dass er beim Versuch, sich den Hut aufzusetzen, stattdessen den Kopf seiner Frau ergreift. Der englische Komponist Michael Nyman macht aus der Geschichte eine Oper, und der Regisseur Peter Brook schafft aufgrund des Buch den bewegenden Theaterabend «L’homme qui . . .»

Weil Sacks schriftstellerisch begabt ist und über seine Patienten so einfühlsam schreibt wie ein Romancier, nehmen ihn viele seiner Kollegen als Neurologen nicht mehr ernst. Das ist ein Fehler, denn Sacks ist ein unabhängiger Geist, der sich von Konventionen nicht beeindrucken lässt und dadurch immer wieder Entdeckungen macht. So beschäftigt er sich in den Achtzigerjahren mit einem Maler, der nach einem Unfall komplett farbenblind geworden ist, und gelangt zu neuen Erkenntnissen darüber, wie wir im Hirn das konstruieren, was wir als Wirklichkeit empfinden.

Im Dezember 2005 wurde in Sacks’ rechtem Auge ein Melanom entdeckt. Es wurde bestrahlt, mehrfach gelasert, und in den ersten 18 Monaten seiner Behandlung veränderte sich die Sehfähigkeit im betroffenen Auge fast täglich von fast blind bis fast normal. «Das wäre kaum auszuhalten (und ich für meine Umgebung noch schwerer zu ertragen) gewesen, hätten mich nicht einige der visuellen Phänomene fasziniert», schreibt Sacks. «Mir war, als würde ich eine ganze Welt seltsamer Phänomene entdecken, wobei ich mir sagte, dass alle Patienten mit Augenproblemen wie den meinen wahrscheinlich einige der gleichen Wahrnehmungsphänomene erlebten. Wenn ich also meine eigenen Erfahrungen ­niederschrieb, schrieb ich auch für sie.»

Neue Stufen der Erkenntnis

Am 19. Februar 2015 machte Sacks in der «New York Times» publik, der Augentumor habe gestreut, er habe mittlerweile nur noch Monate zu leben. Die wolle er auf die «reichste, tiefste, produktivste Weise verbringen», die ihm noch möglich sei. Er wolle «neue Stufen von Erkenntnissen und Einsichten erreichen», aber es müsse auch Platz geben «für Spass und manche Albernheiten».

Damit hat Oliver Sacks auf den Punkt gebracht, was seine Bücher so grossartig macht: Einerseits strotzen sie vor Erkenntnissen, aber der Mann hat auch einen wunderbaren Sinn für Humor. So beschreibt er in «On the Move», wie sein wohlmeinender Bruder und dessen Frau ihn in Paris zu einer freundlichen Prostituierten bringen, um ihn von seiner sexuellen Schüchternheit zu kurieren. Die beiden – Sacks ist schwul – trinken zusammen Tee und ­essen Petits Fours.

Es gelingt Sacks aber auch, mit wenigen Worten Menschen so zu beschreiben, dass sofort ein plastisches Bild entsteht. Dies gilt für seinen schizophrenen Bruder Michael, den Lyriker W. H. Auden oder die Schauspieler Robert DeNiro und Robin Williams, die bei der Verfilmung von «Awakenings» mitwirkten. Am meisten freilich erfahren wir über den Menschen Oliver Sacks und seinen Weg vom schönen jungen Motorradfahrer zum bärenartigen Graubart, der Hunderttausenden von Menschen einen Zugang zur Welt der Neurologie eröffnet hat.

Erstellt: 17.06.2015, 17:56 Uhr

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Oliver Sacks: On the Move. Mein Leben. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt, Hamburg 2015. 448 S., ca. 33 Fr.

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