«Der Mensch muss sich neu erfinden»

Soziologe Christoph Kucklick glaubt nicht an eine Auslöschung der Menschheit durch Maschinen. Aber er sieht grossen Identitätsstress auf uns zukommen.

«Künstliche Intelligenz könnte das Ende der Menschheit bedeuten»: Stephen Hawking. (Quelle: BBC/Youtube)


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Der Physiker Stephen Hawking warnte diese Woche, dass die künstliche Intelligenz der Maschinen die Intelligenz der Menschen überflügeln und uns den Garaus machen könnte. Teilen Sie die Prognose?
Nein. Es stimmt, dass die Maschinen rasch intelligenter werden und unser Leben künftig noch viel stärker beeinflussen werden. Wir werden uns mit ihnen arrangieren müssen, und sie werden unser Selbstbild verändern – auslöschen werden sie uns jedoch nicht. Hawkings Horrorvision ist ein Klassiker der Kulturkritik, aber das macht sie nicht richtiger.

In Ihrem neuen Buch vertreten Sie die These, dass die digitalen Technologien die Menschheit «granularisieren», dass sie also bislang verborgene Unterschiede zwischen den Menschen hervortreten lassen und das Gemeinsame pulverisieren. Ist das nun erfreulich oder nicht?
Wie so häufig, wenn ein fundamentaler Wandlungsprozess in Gang kommt: teils, teils. Diese neuartige Hochauflösung betrifft alle Lebensbereiche. Unsere Körper, die durch Sensoren vermessen werden und neue Formen des Medizinischen erzeugen. Das Sozialleben, das in den Sozialen Medien detailliert wie nie aufgeschlüsselt wird. Die Mobilität, die durch Angebote wie Car Sharing verändert wird. Und natürlich auch die Wirtschaft und die Politik.

Sie analysieren das Wahlkampfteam von Barack Obama, das 2012 auf eine Granularisierung der Wählerschaft setzte. Ein Vorbild für künftige Wahlkämpfe?
Ja, das ist Zukunft des Wählens. Viele haben vergessen, wie sehr Obamas Wiederwahl auf der Kippe stand. Doch die Demokraten hatten tiefe Daten über knapp 170 Millionen Wähler, die sie extrem geschickt auswerteten. Sie besassen bis zu 20 000 Datenpunkte pro Person und konnten so ihre Botschaften für einzelne Gruppen oder sogar einzelne Wähler massschneidern. Bis in winzige Nuancen der Wortwahl hinein haben sie unterschiedliche Botschaften für unterschiedliche Wähler gesendet. Kurz: Sie haben das Wahlvolk völlig neu aufgelöst. Auch in Deutschland und der Schweiz wird künftig die Granularisierung des Wahlkampfs darüber entscheiden, wie knappe Wahlen und Abstimmungen ausgehen. Es geht darüberhinaus aber auch um eine fundamentale Umwälzung der politischen Logik.

Wie meinen Sie das?
Unsere bisherigen Wahlkämpfe beruhten darauf, dass die Politiker nicht sonderlich viel über die Wähler wussten. Sie waren gezwungen, sehr pauschale Botschaften zu senden, die aber für alle Wähler ähnlich waren. Je mehr Politiker nun über ihre Wähler wissen, desto feinteiliger werden die Botschaften, oft sogar nur algorithmisch erzeugt. Die Unterstellung der Gleichheit zerbricht. Was bedeutet das für die Demokratie? Was heisst dann noch Gleichheit? Das sind Fragen, die in der granularen Gesellschaft aufkommen. Und für die uns noch Antworten fehlen.

Die Digitalisierung gefährdet Jobs. Sie prognostizieren, dass bald auch hochqualifizierte Berufe unter Druck geraten. Hierzulande werden Mädchen durch Probetage und Kurse dazu motiviert, sich zu Ingenieurinnen ausbilden zu lassen. Wird da just in die falsche Richtung gefördert?
Tatsächlich werden die intelligenten Maschinen auch Hochqualifizierte, die maschinell arbeiten, herausfordern, Chirurgen etwa oder Ingenieure. Ich erwarte eine gewaltige Umwälzung auf dem Arbeitsmarkt, wie wir sie zuletzt während der Industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt haben. Damals verschwanden nahezu 90 Prozent aller damaligen Jobs in der Landwirtschaft, die erste Arbeitskatastrophe der Menschheit. Derzeit erleben wir ein zweite. Aber ich gehe davon aus, dass wie damals auch heute ebenso viel neue Jobs entstehen wie alte verschwinden.

Sie glauben, dass wir Menschen dann ein intimeres Verhältnis zu Maschinen pflegen werden.
Wir werden umgeben von «anschmiegsamer Technologie», wie die Soziologieprofessorin Natasha Dow Schüll die Software-getriebenen Technologien treffend bezeichnet hat. Spiele, Fitnessprogramme, intelligente Maschinen reagieren enorm «sensibel» auf unser Tun, deswegen fügen sie sich auch so überraschend nahtlos in unseren Alltag ein. Wir werden nicht überflüssig gemacht durch die Maschinen, sondern gehen mit ihnen Kooperationen ein. Wir beginnen, mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie den Film «Her» sahen, der diese Prognose brillant in eine Erzählung umsetzte?
Ich war sehr beeindruckt, wie elegant Spike Jonze das Thema verarbeitet hat. Das Bemerkenswerte an diesem Film ist, dass er die Zukunft der Maschinenintelligenz nicht in Form des Terminators zeigt, der uns alle platt macht. Sondern als «verständnisvolle» Technologie, als Wunscherfüllungsmaschine. Was ja eine nicht minder verstörende Zukunftsvision ist.

Muss sich der Mensch neu erfinden?
Das muss er tatsächlich. Unser humanes Selbstbewusstsein stützt sich noch massgeblich auf unsere kognitiven Fähigkeiten, auf unsere «Rationalität»: Dies wird nicht mehr lange halten. Je stärker wir mit der ersten nennenswerten Intelligenzkonkurrenz der Menschheitsgeschichte, den digitalen Maschinen, und digitalen Berechnungen unser selbst konfrontiert werden, desto unberechenbarer, überraschender, irritierender werden wir uns aufführen. Der neue Mensch wird sich als Störenfried verstehen. Hoch entwickelte Sozialität, gesteigerte Irritierbarkeit, um in einer granularen Welt klarzukommen – das wird unser neues Kennzeichen: Wir sind die, die sich immer wieder neu erfinden können. Und das ist der Menschheit schon mehrfach geglückt: nach der Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Stets musste sich der Mensch ein grundlegend neues Bild von sich selbst zurechtlegen. Uns steht viel Identitätsstress ins Haus.

Erstellt: 05.12.2014, 16:44 Uhr

Christoph Kucklick (*1963) ist Chefredaktor des Magazins GEO und Soziologe. (Bild: PD)

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. 272 Seiten, 27.90 Franken. Berlin 2014.

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«Anschmiegsame Technologie»: Trailer zu «Her».

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