Der «Neger» mit der Schreibmaschine

James Baldwin war in den 50er-Jahren als Schwarzer im Walliser Badeort Leukerbad eine Sensation. Er reflektierte dort über Rassismus und vollendete sein Romandebüt.

Auf 1400 Metern über Meer entstand einer der besten englischsprachigen Romane: James Baldwins «Gehe hin und verkünde es vom Berge». Foto: Pressenia, Keystone

Auf 1400 Metern über Meer entstand einer der besten englischsprachigen Romane: James Baldwins «Gehe hin und verkünde es vom Berge». Foto: Pressenia, Keystone

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Er fuhr auf Besuch für zwei Wochen. Das war im Sommer 1951. Danach wollte James Baldwin nie mehr wiederkehren in dieses Kaff mitten in einem Postkartenpanorama, wo es keine Anregungen für ihn gab, nur die misstrauisch-sensationshungrigen Blicke der Erwachsenen und die Angstlustschreie der Kinder – «Neger!, Neger!» –, wenn sie ihn auf der Strasse sahen. Doch im Winter nach diesem Sommer des Missvergnügens zog Baldwin trotzdem mit Sack und Pack, seinem Plattenspieler und seinen zwei Lieblingsplatten von Bluessängerin Bessie Smith für ein paar Monate ins Leu-kerbader Familienchalet seiner grossen Liebe Lucien Happersberger. Eine Retraite, die der Autor im nächsten Winter wiederholte – und das gerade deshalb, weil die Ödnis im 600-Seelen-Nest im Winter noch öder und weisser war.

Es gab an der aquatischen Pilgerstätte – im «minderen Lourdes», wie Baldwin den Ort mit den heissen Quellen nannte – kein Kino und kein Theater, keine Bank und keine Bibliothek, ein einziges grösseres Auto und eine einzige Schreibmaschine. «Meine», konstatiert der ­Afroamerikaner trocken im Essay «Stranger in the Village» (1953). Dort macht er klar, was das heisst: Schwarzsein in den USA – im Unterschied zum Schwarzsein in Europa, und sei Europa ein abgelegener Weiler, bewohnt von ­ignoranten Dörflern.

Wie der Roman zum Titel kam

Die Schreibmaschine also «war eine Erfindung, welche die Nachbarsfrau noch nie gesehen hatte», ebenso wenig wie einen «Neger». Baldwin hatte sich nicht vorstellen können, Mitte des 20. Jahrhunderts tatsächlich irgendwo als nie da gewesenes Spektakel, als Wunder durchzugehen; in Leukerbad jedoch wurde er eines Schlechteren belehrt. «Ich wusste, dass sie es nicht unfreundlich meinten», betont Baldwin. Allerdings habe er sich dies jedes Mal in Erinnerung rufen müssen, wenn er das Haus verliess; wenn sie ihm durchs drahtige Haar fuhren, als sei er ein Tier im Streichelzoo. Denn in ihm brodelte ein unbändiger Zorn.

Aber, so vermutete der damals psychisch kränkelnde, finanziell angeschlagene Autor: Er brauchte genau diesen ursprünglichen, reinen Rassismus. Als solchen betrachtete er das Verhalten der Dörfler; kombiniert mit der ablenkungslosen, reinen Leere Leukerbads entstand da die rechte Atmosphäre, um – endlich! – mit dem ersten Roman zurande zu kommen. Nach fast einem Jahrzehnt Ringen vollendete der 1924 in Harlem geborene Autor in Leukerbad «Go Tell It on the Mountain» («Gehe hin und verkünde es vom Berge»). Heute zählt der 1953 publizierte, semiautobiografische Roman zu den besten englischsprachigen Romanen überhaupt.

Und das Buch erhielt auf 1400 Metern über Meer nicht bloss seinen letzten Schliff, sondern seinen Titel. Als der New Yorker Predigersohn mit Happersberger auf Bergtour war, glitt er aus; Happersberger reichte ihm geistesgegenwärtig die rettende Hand. Durch den hochalpinen, quasireligiösen Moment von Todesangst und Erlösung soll Baldwin die Titelidee gekommen sein: Das erzählte zumindest Happersberger, den die Baldwin-Legenden mal als Filou taxieren, mal als Künstler und immer als emotionales Erdbeben für den Schriftsteller.

Innerer Tumult

Baldwin hatte Amerika 1948 mit einem One-Way-Ticket verlassen, da er «vermeiden wollte, nur ein ‹Negro› zu werden; oder nur ein ‹Negro-Schriftsteller›». Er fühlte sich in den USA gefangen – als Schwarzer, Schwuler und Schriftsteller, der noch nichts Grosses vorgelegt hat. Und er fürchtete die Wut, die in ihm kochte: Die gleiche Rage hatte einen Freund in den Suizid getrieben. So war Baldwin nach Paris geflohen, wo er 1950 auf den 17-jährigen Happersberger traf.

In Leukerbad nun tut sich für Baldwin ein tiefer Abgrund zwischen den «unschuldigen» Dorfkindern und den amerikanischen City-Kids auf, die in seiner Kindheit «Nigger!» schrien: hier Staunen, da Verachtung. Leukerbad zeige ihm: Einst seien die Amerikaner unzufriedene Europäer gewesen, Leukerbader, und die schwarzen Menschen auf dem Markt für sie – gar keine Menschen. Sondern seltsame, praktische Tiere. Nach dem ersten Erstaunen hätten sie die Entmenschlichung dann zur Rechtfertigungsrethorik umgebaut und die Schwarzen dabei ihrer Vergangenheit beraubt. Den Sinn fürs eigene Erbe dagegen bewahrten sie. Noch der primitivste Leukerbader sei in einer Weise, die Baldwin für immer verschlossen bleibe, mit Shakespeare, Michelangelo, Rembrandt und Racine verwandt.

Der «American Negro» aber sei durch die «Entfremdung von seiner Vergangenheit» zur neuen Identität gekommen – und in den USA eben dadurch kein Fremder mehr. «Die Menschen sind in der Geschichte eingeschlossen, die Geschichte in den Menschen», sagt Baldwin. In ihr habe der Afroamerikaner seine Menschlichkeit erkämpft und der weisse Amerikaner seine Naivität verloren. In den USA führe kein Weg zurück zum unschuldig sensationslustigen Blick. Das «Negro Problem» habe der Gesellschaft die Geburt einer neuen Welt beschert, einer, die nie mehr weiss sein wird. Am Ende nicht mal in Leukerbad.

Dies ist der letzte Beitrag der TA-Serie «Inspiration Schweiz». Im November erscheint im Limmat-Verlag Zürich das Buch zur Serie.

Erstellt: 05.10.2016, 21:00 Uhr

Der Romancier und Essayist Teju Cole wurde 1975 in den USA geboren und wuchs in Nigeria auf. Sein Roman «Open City» und
seine Artikel über Rassismus fanden breite Beachtung.

Auf den Spuren James Baldwins

Teju Cole besuchte 60 Jahre nach Baldwin Leukerbad. Er reflektiert über das, was sich verändert hat. Und was nicht.


Der amerikanisch-nigerianische Autor Teju Cole war Writer-in-Residence in Zürich 2013 und ist Autor des viel gerühmten New-York-Romans «Open City», der die langsame Akklimatisation eines Nigerianers in N.?Y. schildert. Nun hat Cole Baldwins Bericht «Stranger in the Village» als Folie genommen, auf der er die eigene Fremdheit reflektiert. Auf Baldwins Spuren reist er selbst nach Leukerbad. Und erzählt 2014, in «Black Body: Rereading James Baldwin’s ‹Stranger in the Village›», ebenfalls von verstohlenen Blicken auf seine schwarze Haut.

Doch anders als Baldwin kennt er solche Blicke bereits – aus New York, Indien, überhaupt von «überall ausserhalb Afrikas». Teju Cole ist im heute mondänen Leukerbad ein Ausländer unter vielen, ein Schwarzer unter nicht wenigen. Fremdenhass mag da in der DNA sitzen, aber Beyoncé oder Hip-Hopper Meek Hill sind ebenso Teil des Berglerlebens. Und noch etwas sei neu, notiert Cole: Man kenne inzwischen die kulturellen Leistungen Schwarzafrikas. Die Karikatur vom kulturlosen Eingeborenen, der dumm «die Eroberer ankommen sieht» – eine Karikatur, die Baldwin quälte –, hat keine Macht mehr.

Cole selbst schleudert jeden Euro­zentrismus auf den Müll. Es gebe keine Welt, in der er etwa die Schönheit der Yoruba-Poesie gegen Shakespeare-Sonette tauschen würde. Er sei glücklich, dass ihm das eine wie das andere gehöre. «Diese sorglose Selbstsicherheit ist eine Dividende des Kampfes früherer Generationen.» Cole hakt da ein, wo Baldwin aufgehört hat: bei der Erkenntnis, dass das «interrassische Drama» in den USA einen neuen schwarzen Menschen schuf; und eine neue schwarz-weisse Welt. In Letzterem folgt Cole Baldwin nicht. Denn die Fantasie vom Wegwerf-Schwarzen sei bis heute omnipräsent. Und wer auf dem Zustand der Unschuld beharre, wo die Unschuld tot sei, verwandle sich in ein Monster – ­zitiert Cole aus «Stranger», bevor er ­resümiert: Von Polizei über Politik bis Rechtsprechung werde schwarzes Leben in den USA als entbehrlich gehandelt. Schwarze sterben gewaltsam, und es «gibt eine lebhafte Zurschaustellung von Unschuld, wo keine Unschuld übrig ist». Die Monster gehen um. (ked)

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