Der Philosoph und sein Führer

Neue Dokumente aus dem Nachlass von Martin Heidegger belegen die unheimliche Nähe seiner Philosophie zum Nationalsozialismus – und jetzt auch zum Antisemitismus.

Der Philosoph, Professor und Rektor Martin Heidegger 1933 (mit einem NS-Abzeichen).

Der Philosoph, Professor und Rektor Martin Heidegger 1933 (mit einem NS-Abzeichen). Bild: AKG

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lange Zeit war es ruhig um Martin Heidegger. Man schien sich damit abgefunden zu haben, dass sich einer der grössten Philosophen des 20. Jahrhunderts in seinem Leben einmal schwer, aber nur kurz geirrt hatte. Das war im folgenreichen Jahr 1933, als er nicht nur in die NSDAP eintrat, sondern auch Rektor der Universität Freiburg im Breisgau wurde – mit allen Auflagen und Bedingungen, welche die neuen Machthaber an ein ­solches Amt stellten. Dass er schon 1934 von diesem hohen Posten zurücktrat, deutete ein Teil der Nachwelt als klares, mitunter gar mutiges Bekenntnis gegen den Nationalsozialismus. Der Fehltritt Martin Heideggers schien mit seiner Philosophie nichts oder bloss oberflächlich etwas zu tun zu haben. Dies ist, wie sich jetzt herausstellt, ein Irrtum!

Die nun aus dem Nachlass veröffentlichten «Überlegungen (Schwarze Hefte)» aus den Jahren 1931 bis 1941 zeigen Heidegger als einen Denker, der sich schon früh mit dem radikalen Gedankengut der Nationalsozialisten identifizierte – und dies auch lange über seine Rektoratszeit hinaus tat. Wenn er Anlass zu Kritik sah, dann hatte dies nicht mit der Ideologie an sich oder den Zielen zu tun, sondern mit den Mitteln, die dorthin führen. Mitunter waren die nazistischen Parolen, welche die Deutschen begierig aufnahmen, dem einsamen Denker auf dem Todtnauberg zu direkt und ordinär – zumal er selbst betont unbestimmt und vage formulierte. Die drei Bände der «Schwarzen Hefte», die so heissen, weil die Originale in schwarzes Wachstuch gebunden sind, sind eine Art Denktagebuch. Der definitive Charakter ist daraus ersichtlich, dass im Manuskript kaum Änderungen vorgenommen worden sind: Es handelt sich um Gedanken und Einsichten, die zu Ende geführt sind.

«Das Deutsche allein kann das Sein ursprünglich neu dichten und sagen.» Solche Sätze, die die neuen Germanen in eine direkte Verbindung stellen mit den Alten Griechen, bekommen Anfang der 30er-Jahre einen klaren politischen Dreh und können nicht bloss seinsgeschichtlich interpretiert werden, zumal Heidegger – wie viele der Zeitgenossen – hoffnungsvoll in die Zukunft blickte: «Die Welt ist im Umbau zu ihr selbst. Wir nähern uns wieder der Wahrheit und ihrer Wesentlichkeit.» Im Herbst 1932, als die Nazis unaufhaltsam der Macht entgegenstrebten, hält Heidegger fest: «Ein herrlich erwachender volklicher Wille steht hinein in ein grosses Weltdunkel.»

Mut zum Schicksal

Wer bisher im Unklaren war über den politischen Willen und die Absicht des Philosophen, den klärt eine Notiz von 1933 unter der Überschrift «Aus der Zeit des Rektorats» auf: «Die grosse Erfahrung und Beglückung, dass der Führer eine neue Wirklichkeit erweckt hat, die unserem Denken die rechte Bahn und Stosskraft gibt. Sonst wäre es bei aller Gründlichkeit doch in sich verloren geblieben und hätte nur schwer zur Wirkung hingefunden. Die literarische Existenz ist zu Ende.» Der Rest war Vorbereitung auf den Kampf gegen das «grosse Weltdunkel», und der Philosoph erkennt aphoristisch: «Der neue Mut zum Schicksal als Grundform der Wahrheit.»

Der unbedingte, schicksalhafte Ruf des «Eigentlichen», das im Ursprünglichen und Bodennahen zu Hause ist, und anderes, was in Heideggers Hauptwerk «Sein und Zeit» von 1927 fremdwortarm durchdekliniert wurde, wird man nach den 1200 Seiten der «Schwarzen Hefte» in einem anderen Licht – oder vielmehr Dunkel! – sehen: So etwa das gebetsmühlenhafte Reden (und Raunen) über das Sein, dessen Quellwasser aus dem archaischen «Seyn» sprudelt, die Metapher der Wahrheit als Lichtung im Wald, die krisengenährte Sehnsucht nach einer Wende und Abkehr vom Jetzt und der damit verbundene Drang, etwas längst Vergangenes, Verborgenes und Verschüttetes wieder zum Leben zu erwecken. Es scheint sich eine frühe These von Theodor W. Adorno zu bestätigen: «Heideggers Einordnung in den hitlerschen Führerstaat war kein Akt des Opportunismus, sondern folgte aus einer Philosophie, die Sein und Führer identifizierte.»

Martin Heidegger, der gerne mit der Auf- und Abwertung von Humanwerten kokettierte, würdigt selbst die Barbarei: «Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Grösse.» Das Denken wird in den Dienst des Politischen gestellt und beschwört so apodiktisch Zerstörerisches: «Jede Philosophie ist un-menschlich und ein verzehrendes Feuer.» Jede? Wieso? Natürlich steht in den «Schwarzen Heften» noch viel anderes drin, aber die Aufmerksamkeit richtet sich vor allen Dingen aufs Ideologische (was in diesem Fall der dauernden Verwedelung in Ordnung geht).

Kein Mitleid mit den Opfern

Beim umfangreicheren Rest, der kaum Beachtung findet, geht es vor allem um Hölderlin und Nietzsche, deren Texte für Heidegger von einer wahreren Existenzweise erzählen. Einsame Existenzen, die in den Wahnsinn getrieben wurden, weil sie mit dem Alltag nicht zurechtkamen – im Gegensatz zu Heidegger, der sich mit den Machthabern stets arrangierte. Später verschwieg er dies, und er zeigte auch keinerlei Mitleid mit den Opfern, die diese seine menschenfeindliche Ideologie gefordert hatte.

Die zweite Enthüllung ist neu, aber nicht sonderlich überraschend: Heidegger äussert sich, wenngleich nur auf ­wenigen Seiten, antisemitisch und stellt sich damit in eine Reihe mit dem Gros der Nationalsozialisten. Der Herausgeber der Hefte, der in Wuppertal lehrende Philosophieprofessor Peter Trawny, hat dazu ein schmales Buch, «Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung», verfasst. Er spricht von «seinsgeschichtlichem Antisemitismus», wenn Heidegger perfide schreibt: «Die Juden ‹leben› bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip, weshalb sie sich auch am heftigsten gegen die uneingeschränkte Anwendung zur Wehr setzen.» Trawny stellt die interessante Frage, ob der Philosoph damit wohl die Nürnberger Gesetze meine: «Die Nationalsozialisten wenden ‹uneingeschränkt› an, was lange vor ihnen die Juden schon praktizierten.»

Auf jeden Fall werden die Opfer, die «Juden und Schieber», wie es bei Heidegger heisst, auf billigste Art und Weise zu Tätern gestempelt. Im Unterschied zum Arischen, das tief im Erdreich wurzelt, sieht der Philosoph, der erstaunlich viele jüdische Anhänger und Verehrer hatte, im Judentum etwas Weltloses. Seine Kritik am Urbanen, Technischen und Rechnerischen ist auch ein Affekt gegen das Jüdische. Es fällt auf, wie konform und unselbstständig der Philosoph hier denkt: Er bedient sich bloss der kursierenden Klischees und verbrämt sie zu einem philosophisch geadelten Anti­semitismus.

Es ist Zeit für eine unbefangene Analyse

Man muss es mit aller Deutlichkeit ­sagen: Die Zeiten, als man die Philosophie Martin Heideggers säuberlich trennen konnte oder wollte von seinem Engagement für den menschenverachtenden Nazismus, sind mit der Veröffentlichung der «Schwarzen Hefte» ein für alle Mal vorbei. Ein grosser Teil der Sekundärliteratur, häufig in der Habachtstellung kritikloser Bewunderung verfasst, ist ab sofort Makulatur, und es ist nun an der Zeit für eine unbefangene Analyse seines Gesamtwerkes. Zu beantworten gilt es vor allen Dingen die Frage, was von Heidegger bleibt, wenn man seine – auch geistige – Verstrickung in den Nationalsozialismus, die er stets verleugnete, berücksichtigt.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch die eben erschienene Heidegger-Studie von Lutz Hachmeister. «Heideggers Testament. Der Philosoph, der ‹Spiegel› und die SS» zeigt vorbildlich, wie man am Einzelfall Allgemeingültiges herauspräparieren kann: Das Sachbuch geht vom grossen, 1966 geführten und zehn Jahre später veröffentlichten «Spiegel»-Interview mit dem ­Philosophen aus und zieht immer grössere Kreise, bis ein umfassendes Bild sowohl Heideggers als auch der Interviewer entsteht.

Rudolf Augstein und sein Begleiter Georg Wolff, Ressortleiter Geisteswissenschaften beim Hamburger Magazin, gehen dabei dem zurückgezogen im Schwarzwald lebenden Denker systematisch, wie Hachmeister nachweist, auf den Leim. Über Martin Heideggers Antisemitismus finden die beiden investigativen Journalisten nichts heraus. Dafür einigen sie sich darauf, die «Schwarzen» von der CDU hart anzugehen, was dem antibürgerlichen Reflex Heideggers genauso entgegenkam wie der Nähe Augsteins zur SPD. Und Georg Wolff? Dem war das Gedankengut des Philosophen schlicht so vertraut, dass er ihm nicht kritisch auf den Zahn fühlen konnte. Als ehemaliger SS-Hauptsturmführer und Geheimagent konnte er die Taktik des Interviewten nur zu gut verstehen – auch das gehört zur Geschichte des linken «Spiegels». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.03.2014, 06:58 Uhr

Herausgeber Peter Trawny und Heidegger-Biograph Rüdiger Safranski über Heideggers «Schwarze Hefte» (Video: 3Sat/YouTube)

Heidegger-Biograph Rüdiger Safranski über Heideggers «Schwarze Hefte» (Video: SWR/YouTube)

Literatur

Martin Heidegger: Gesamtausgabe. Bände 94 bis 96. Überlegungen II–XV (Schwarze Hefte 1931–1941).
Klostermann-Verlag, Frankfurt am Main 2014. Band 1: 536 S., 78 Fr.; Band 2:
455 S., 64 Fr. und Band 3: 285 S., 50 Fr.

Peter Trawny: Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Klostermann-Verlag, Frankfurt am Main 2014. 106 S., ca. 22 Fr.
Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der «Spiegel» und die SS. Propyläen-Verlag, Berlin 2014. 368 S.,
ca. 34 Fr.

Artikel zum Thema

Heidegger sah die Juden als Gefahr

Im März erscheinen postum die «Schwarzen Hefte» von Martin Heidegger. Bereits bekannt gewordene Stellen zeigen ihn als Antisemiten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die Leben in die Bude bringen

Tingler Die Liebe im 21. Jahrhundert

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schlangenfrauen: Kontorsionistinnen während einer Aufführung im Cirque de Soleil in Auckland. (14. Februar 2019)
(Bild: Hannah Peters/Getty Images) Mehr...