Sein Feind war der «Tages-Anzeiger»

In den Zürcher Redaktionen war Karl Lüönd lang so salonfähig wie ein Wildschwein. Heute gilt er als grosser alter Mann des Journalismus. Nun erscheint sein Buch über die eigene Branche.

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Er ist ein Profi. Nichts Journalistisches ist ihm fremd. Und trotzdem, als Karl Lüönd 2007 die grösste Ehrung erhielt, die man in der Branche bekommen kann – den Zürcher Journalistenpreis für sein Lebenswerk –, hielten viele die Entscheidung für zweifelhaft. Nicht zuletzt der Geehrte selbst. Nach seiner Rede fiel der trockene Satz: «Ich fürchte, jetzt versucht man es mit Kastration durch Bekränzung.»

In der Tat wäre wenige Jahre zuvor kein Mensch auf die Idee gekommen, Karl Lüönd für irgendetwas zu ehren. Lüönd war fast zwanzig Jahre lang Chef der «Züri Woche», einer Gratiszeitung, die alles tat, um urbane oder linke Leser zu empören. Sie feierte das Gewerbe. Sie publizierte eine schreckliche Kolumne des ehemaligen Stadtpräsidenten Sigi Widmer, die Lüönd ins Blatt genommen hatte, «um Intellektuelle zu ärgern». Dazu schoss sie in Lüönds Leitartikeln Breitseite um Breitseite gegen den linken Stadtrat.

Salonfähig wie ein Wildschwein

Kurz: Das einzig weniger Coole war damals höchstens Chefredaktor Lüönd selbst. Er wog über hundert Kilo, rauchte Zigarren und trug einen Vollbart. Und als Hobby ging er auf die Jagd. In den Zürcher Redaktionen galt er als so salonfähig wie ein Wildschwein.

Heute, 2010, gilt der gleiche Mann mit 65 Jahren als grosser alter Mann im Schweizer Journalismus. Seine Reputation ist unbestritten: von links bis rechts, vom Textsoldaten bis in die Teppichetage. Dieser Respekt drückt sich nicht in Worten aus, sondern in der Währung, die zählt: Franken. Redaktionen bestellen Artikel, Verleger Beratung, Journalistenschulen Kurse, Firmen ganze Firmengeschichten.

Furztrockene Einzeiler

Woher dieser Wandel vom Paria zur Respektperson? Wer Karl Lüönd danach fragt, bekommt eine charakteristische Antwort, einen Satz: «Es gibt das Menschenrecht auf Veränderung.» Und später: «Man soll nie mit der Dummheit der Menschen rechnen. Aber immer mit ihrer Vergesslichkeit.»

Es sind diese Art Sätze, die typisch Lüönd sind: der furztrockene Mix aus Bauernregel und Naturgesetz. Dadurch wirkt Lüönd, reglos, mit hängenden Schultern, nicht uneinschüchternd.

Tatsächlich ist es nicht leicht herauszufinden, wer er ist. Seit einer Magenverkleinerung ist er fast die Hälfte leichter als früher. Kleidung und Bart sind ein einziges Achselzucken gegen jeden Stil. Sein Bauernhaus in Tolhusen liegt in einem Weiler, wo sich Bauern und Hunde gute Nacht sagen. Doch innen wohnt der antiurbane Lüönd wie in einem New Yorker Loft: leicht, hell, mit ein paar wenigen, präzis gesetzten Möbeln, grosser Bibliothek und riesigen, David-Hockney-kühlen Bildern. Ein Autodidakt: aussen Bauer, innen Bibliothek.

Aber sonst? Fragt man in Zürich, kennt ihn jeder. Nur kennt ihn niemand genauer. Kennt niemand wenigstens jemanden, der ihn genauer kennen könnte. «Ich kenne keinen, der wirklich mit ihm befreundet ist», sagt jeder. «Vielleicht jemand bei den Jägern.» Der Lüönd, den man kennt, ist der Berufsmensch.

Erstes Honorar: 20 Franken

Als sein erster Artikel erschien, war er 15: eine Kritik einer Schulaufführung von «Schneewittchen» im «Urner Wochenblatt». Lüönds Honorar betrug 20 Franken. Das Geld (nicht der Artikel) trug ihm den Respekt seines Vaters ein, eines Arbeiters in der Munitionsfabrik Altdorf, «ruhig, etwas verbittert, weil er zu funktionieren hatte».

Lüönd fing an, die Schule mit Artikeln zu finanzieren: ein von Benediktinern geführtes Gymnasium. Ziel war, Priester zu erziehen. Doch die Mönche verloren den Kampf. «Ich habe von den Pfaffen eine Überdosis erhalten», sagt Lüönd. «Würde ich beten, dann so: Möge Gott, falls es ihn gibt, meiner Seele gnädig sein, falls ich eine habe. Amen.»

Nach der Matur stieg er ein und jagte «jedem Autounfall, jeder angezündeten Scheune, jedem schönen Mord» hinterher. 1968 bekam er von der Revolte vor lauter Journalismus nichts mit. Stattdessen wurde er als Mitarbeiter des Luzerner FDP-Blattes «bei Freisinnigen herumgereicht». Lüönd wurde bürgerlich.

Schamlos, wie es der Markt will

Als später ein Magazin fragte: «Haben Sie wegen der unregelmässigen Arbeitszeit je Krach in der Liebe gehabt?», antwortete Lüönd kaltblütig: «Sogar eine Scheidung. So what!» Damals war er knapp 30. Und nach der Scheidung bekam er ein unmoralisches Angebot: von Ringier. In Luzern war man enttäuscht, einen seriösen jungen Mann an die Gosse zu verlieren. Der «Blick» galt noch nicht als gesellschaftsfähig. Doch es wurden fröhliche Jahre. Lüönd lernte das Gebräu aus Empörung und Spass, Politik und Busen, Verbrechen und Büsi zu mixen – «schamlos nach den Erfordernissen des Marktes».

Und er lernte das «Witwenschütteln»: «Es ist einfacher, als du denkst. Du brauchst etwa ein Foto von einem Opfer. Du gehst also zu den Angehörigen und erklärst ihnen, dass die Zeitung auf jeden Fall ein Bild bringen wird. Und dass es ein besseres Andenken wäre, wenn es ein schönes Bild wäre. Und nicht ein verwackeltes. Man kriegt dann selten die Tür vor der Nase zugeknallt. Die meisten sind sogar froh um deine Fragen. Denn die meisten Leute in Extremsituationen reden gern.»

1980 fragten Walter Frey und Beat Curti ihn, ob er den Gratisanzeiger «Züri Leu» leiten wollte. Lüönd wollte. Doch zwei Jahre später kaufte der «Tages-Anzeiger» die Gratiskonkurrenz auf. Geplant war der Kauf als Todeskuss: um das Blatt einzustellen. Aber der Käufer machte einen Fehler. Er wartete damit zwei Monate. In Zürich waren gerade Wahlen und die Inseratenlage saftig. Man wollte die Todeskandidatin ein letztes Mal melken.

«Züri Woche» aus dem Boden gestampft

Das sollte sich rächen. Die zwei Monate waren genug, um eine neue Zeitung, die «Züri Woche», mit gleicher Crew aus dem Boden zu stampfen. Der «Tages-Anzeiger» war darauf Feind Nummer eins, Lüönds Zeitung attackierte alles Linke, Popkulturelle und Bürokratische. Was die «Züri Woche» nie attackierte, waren Ausländer oder Gruppen wie Drögeler am Platzspitz. «Ich könnte trotz gewisser Sympathie nie in die SVP», sagte Lüönd. «Ich bin kein Ausländerfeind. Die Schweiz besteht aus lauter Minderheiten. Und deshalb funktioniert sie.»

In den Achtzigerjahren, nach den Jugendunruhen, standen sich Linke und Bürgerliche mit Hass gegenüber. Wenn die SP-Stadträtin Ursula Koch Lüönd einen Brief schickte, dann ohne Anrede.

Die Feindschaft begann finster. 1986, kurz vor Kochs Amtsantritt, titelte die «Züri Woche» «Wen haut die rote Köchin als Erstes in die Pfanne?» und nannte als Entlassungskandidaten den Chefbeamten Günter Tschanun. Der erschien mit einer Pistole im Amt und schoss auf fünf Untergebene. Vier starben. Lüönd wurde von Politik, Presse und Intellektuellen (Adolf Muschg) als Auslöser des Amoklaufs angegriffen. Zu Unrecht, wie sich später im Prozess herausstellte. Für Lüönd war es «interessant»: «Es tut jedem Journalisten gut, auch einmal auf der anderen Seite des Prangers zu stehen.»

Ideologie als Sauce

Befragt nach ihrem Chef, erinnern sich einige seiner Stellvertreter (die alle Karriere machten wie Felix E. Müller, Sacha Wigdorovits oder Andreas Durisch) an einen sehr dicken, fast unerschütterlichen Mann in einem ewigen Nebel von Zigarren, Zigaretten und Pfeife, der als einer der meistgehassten Leute der Stadt an der Feindschaft, die ihm in Zürich entgegengebracht wurde ...

... litt? «Er ist eigentlich ein eher sensibler Mann und sicher kein Dummkopf – und nur ein Dummkopf möchte nicht gemocht werden», wie einer sagt.

... es wegsteckte? «Er hat Angriffe immer cool abgeheftet», wie ein anderer sagt. «Lüönd ist ein Stoiker. Und war damals eine Kampfsau.»

... irritiert war, wie er selber sagt: «Ich hatte nie Feinde, nur Gegner. Ausserdem galten die Angriffe ja nicht mir, sondern dem Verleger Walti Frey.»

Und Lüönds Fazit aus 20 Jahren Lokalpolitik? «Ich habe etwas kapiert, wozu ich lange gebraucht habe: Es gibt – gerade wenn einem die politische Richtung vielleicht sympathisch ist – in der Politik nur ganz selten Überzeugungstäter. Menschen handeln nach ihren Interessen. Egoismus kommt zuerst. Die Ideologie kommt als Sauce danach. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, hat Marx gesagt. Zu Recht.»

«War es enttäuschend, das bei politischen Freunden festzustellen?»

«Warum enttäuschend?», fragt Lüönd. «Das ist ein Fakt. Ich bin höchstens enttäuscht, dass ich es nicht früher gemerkt habe.»

Fest steht: Mit Sicherheit ist Lüönd eines nicht, sentimental. 1999 wurde die «Züri Woche» eingestellt. Die Pendlerzeitungen hatten gesiegt. Als die Zeitung einging, die fast 20 Jahre lang Lüönds Kind war, teilte er das seinem Nachfolger Roger Cahn so mit: «Du, wir müssen jetzt dem todkranken Tier den Gnadenschuss geben.»

Seitdem arbeitet er weiterhin rund um die Uhr. «Ich bin geizig mit meiner Zeit. Ich bin Workaholic.» Lüönd schreibt vor allem Bücher, Auftragswerke für Firmen: Porträts über Kuoni, das Kinderspital, den Erfinder Walter Reist, Gottlieb Duttweiler, (Lüönd hat die freisinnig-konservative Schwäche für Patrons), den Ringier-Verlag, die Pharma-Branche.

Furchtloser Blick für Fakten

Zu Interessenkollisionen sagt Lüönd den trockenen Satz: «Man kann mich mieten, aber nicht kaufen.»
Ich frage: «Bist du eigentlich ein einsamer Mensch?»
«Ich bin nicht ungern allein.»
«Und würdest du sagen, eher ein melancholischer Mensch?»
«Sag mal, was willst du auf solche Fragen hören?»
«Nun, es gibt Indizien. Du sagst Dinge wie: Die Menschen sind immer Egoisten. Oder Sätze wie: Alte Jäger töten weniger gern – wahrscheinlich, weil sie selbst bald daran glauben müssen ...»
«Das sind nur Fakten, oder? Lass die Psychoanalyse.»

Vielleicht ist Lüönd deshalb als einer der wenigen Journalisten in Würde gealtert: wegen des furchtlosen Blicks, der die Fakten sieht, ohne Rücksicht auf Loyalitäten und Wünsche. Sein Stil (etwa in dem neuen Buch über die eigene Branche) ist nüchtern bis zur Grausamkeit: der eines Mannes, der sich entschlossen hat, nichts zu fürchten, solang er sich vor Illusionen fürchtet.

Nach dem Gespräch setzt Lüönd einen scheusslichen Hut auf, packt sein Gewehr in ein Futteral und steckt sieben Patronen ein. («Immer eine ungerade Zahl, der Aberglaube der Jäger.») Vor ihm liegt ein verregnetes Jagdwochenende im Elsass, das wie jedes Jagdwochenende praktisch ausschliesslich aus Warten bestehen wird.

Lüönd stellt das Zeug in den Wagen. Und sagt: «Du sitzt auf dem Hochsitz, es ist saukalt, du wartest, nichts passiert und du fragst dich, warum tust du dir das an?»

«Ja, warum?», frage ich.

Karl Lüönd lacht. «Frag nicht so saublöd!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2010, 07:53 Uhr

«Es tut jedem Journalisten gut, auch einmal auf der anderen Seite des Prangers zu stehen»: Karl Lüönd. (Sabina Bobst)

Buch

Karl Lüönd: Die Macht und die Ehrlichkeit. Rüegger-Verlag. 28 Fr.
Buchvernissage: Heute Montag, 17.30, Restaurant Metropol, Fraumünsterstr. 12, Zürich.

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