Der Protokollant des Schreckens ist tot

Der Argentinier Ernesto Sabato ist 99-jährig gestorben. Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes. In Erinnerung wird er für die Aufarbeitung der Verbrechen der Militärdiktatur bleiben.

Eine moralische Autorität: Ernesto Sabato.

Eine moralische Autorität: Ernesto Sabato. Bild: Keystone

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Der argentinische Schriftsteller Ernesto Sabato ist am Morgen im Alter von 99 Jahren in seinem Haus bei Buenos Aires gestorben. Der Autor habe in den vergangenen Wochen an einer Bronchitis gelitten, der er angesichts seines hohen Alters und seiner allgemeinen Gebrechlichkeit nicht habe standhalten können, sagte seine Lebensgefährtin Elvira González Fraga.

«Ihm ging es schon seit längerem schlecht, aber auf eine gewisse Weise war sein Zustand stabil. Er hörte gerne Musik, wir haben ihm oft Musik angemacht, um ihn zu unterhalten», sagte González Fraga dem Radiosender Mitre. «Er hat ein gutes Leben gehabt, war sehr beliebt, hatte Matilde (Kusminsky Richter, seine gestorbene Frau), er hat Kinder».

Sabatos wichtigste Arbeit

Ernesto Sabato gilt als einer der wichtigsten argentinischen Schriftsteller der Gegenwart. In Erinnerung wird der grosse Skeptiker aber vor allem für einen nicht fiktiven Text über die Schrecken der Militärdiktatur bleiben. Der erste demokratische Präsident Raúl Alfonsín hatte Sabato 1983 zum Leiter der Untersuchungskommission Conadep ernannt. Ein Jahr später übergab Sabato «Nunca Más» (Nie wieder), das Protokoll des Schreckens und der Verbrechen der Diktatur zwischen 1976 und 1983.

Er wurde die Grundlage für den historischen Prozess gegen die Juntageneräle und zahlreiche, bis heute andauernde Verfahren gegen andere Militärs. Was in diesem Bericht an Gräueln aufgezeichnet ist, passt in gewisser Weise zu dem Leitmotiv Sabatos: Skepsis gegenüber allem und jedem.

Der tiefe Zweifel, ja die Verzweiflung an der Welt, hielten Sabato jedoch nicht davon ab, ein äusserst freundlicher und warmherziger Zeitgenosse zu sein. Kollegen, Freunde und Nachbarn beschreiben Sabato als hilfsbereit, bescheiden und jederzeit zugänglich. «Wir konnten immer ohne Voranmeldung bei ihm klingeln und wurden zu Tee und Gebäck hereingebeten», erinnert sich eine Lehrerin an ihre Besuche als junge Studentin bei dem Autor von Romanen wie «Der Tunnel» und «Über Helden und Gräber».

Moralisches Dilemma der Menschheit

Sabato kam am 24. Juni 1911 als zehntes von elf Kindern in der Stadt Rojas in der Provinz Buenos Aires zur Welt. Nach der Schule studierte er Physik, verliess die Universität jedoch schon bald, um sich der Literatur zu widmen, die ihn nicht mehr loslassen sollte. Seine Werke beschäftigen sich mit dem moralischen und metaphysischen Dilemma der Menschheit.

In den 1930er Jahren war er zunächst Kommunist, bekam jedoch bald Zweifel angesichts der Berichte über die Schrecken der Stalin- Diktatur in der Sowjetunion. Die kommunistische argentinische Partei, der er angehörte, wollte ihn deshalb auf einen zweijährigen Ideologiekurs nach Moskau schicken.

Von einen kommunistischen Kongress in Brüssel, den er auf dem Weg nach Moskau besuchte, setzte er sich jedoch aus Angst vor dem Stalinterror nach Paris ab. Über die Leninschule in Moskau, der er aus dem Weg ging, sagte er später: «Das war ein Ort, wo man entweder (von Zweifeln) geheilt wurde, oder im Gulag oder in einer psychiatrischen Anstalt landete».

Moralische Autorität

Der Schriftstellerkollege Mario Muchnik beschrieb Sabato als grossen Zweifler: «Er war ein Skeptiker. Einmal war ich bei ihm zu Hause und sagte, dass es draussen regnete. Er fuhr mich an: 'Woher weisst Du das?'»

Die Aufarbeitung der Verbrechen der Militärdiktatur und die Leitung der Conadep machten ihn zu einer moralischen Autorität des Landes. Als einige Junta-Generäle 1985 zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden, ging dies zu einem grossen Teil auf die Arbeit der Conadep zurück. (jak/sda)

Erstellt: 30.04.2011, 18:23 Uhr

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