Der Sonnenkönig des Lago Maggiore

Max Emden machte die Brissago-Inseln im Lago Maggiore zu seinem Paradies auf Erden. Ein neues Buch zeichnet die schillernde Biografie des deutschen Kaufhaus-Königs nach.

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Mit ihrer prächtigen Villa im neoklassizistischen Stil und ihrem botanischen Garten sind die Brissago-Inseln im Lago Maggiore eine Touristenattraktion. Legenden umranken den einstigen Besitzer Max Emden (1874–1940), der 1927 die Inseln erwarb und zu seinem Paradies auf Erden machte. Von nackten Frauen und von Orgien im inseleigenen römischen Bad ist die Rede. Nun hat der Journalist Francesco Welti die erste Biografie des Inselherrn geschrieben.

Welti schildert darin, wie Max Emden nach seinem Studium der Chemie und Mineralogie 1904 in den Familienkonzern eintrat und in einem stark expandierenden Umfeld aus dem Handelsunternehmen seiner Familie ein Kaufhaus-Imperium machte: Mit dem 1905 eröffneten Oberpollinger in München und dem zwei Jahre darauf folgenden KaDeWe, dem Kaufhaus des Westens in Berlin, avancierte Emden innert kürzester Zeit zum Kaufhaus-König. Besonders werbewirksam waren die Einkäufe des Königs von Siam, der während einer Europareise mit seiner Entourage Waren im Wert von 250 000 Mark im KaDeWe gekauft haben soll.

Villa mit dreissig Zimmern

«Die Erde hat nicht Glück genug für alle», heisst es in einer zivilisationskritischen Schrift aus dem Jahre 1919, in der Emden erstaunlicherweise – wie Welti zu Recht bemerkt – gegen die Konsumlust anschrieb und die Rückkehr zu einem einfachen Leben im Einklang mit der Natur propagierte. Bis zur Machtübernahme Hitlers war der Glücksvorrat der Erde für Emden ausreichend: Ende 1926 und damit drei Jahre bevor die Weltwirtschaftskrise über Europa hereinbrach, machte er das Geschäft seines Lebens, als er 150 Filialen seines Warenhaus-Imperiums unter anderem an den aufstrebenden Karstadt-Konzern verkaufte.

Mit dem Verkauf begann Max Emden ein zweites Leben: Nach einer Affäre mit einer Unbekannten liess er sich scheiden und zog in die Schweiz, wo er im November 1927 die Brissago-Inseln von der exzentrischen Baronesse Antoinette de Saint-Léger kaufte, die mit amtlicher Bewilligung auf der Insel als einzige Bewohnerin für sich selbst ein Postamt betrieben und sich damit beschäftigt hatte, wie man aus Torf Alkohol gewinnen könnte, bis sie wegen Fehlinvestitionen und ihrer Prozessierwut ihr Vermögen verlor.

Mit dem Erwerb der Brissago-Inseln bot sich Emden, der sich in Hamburg in Publikationen kritisch zur Stadtentwicklung geäussert hatte, die Gelegenheit, ein abgeschlossenes Reich ganz nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. So liess er das alte Gebäude sprengen und eine Villa mit dreissig Zimmern und einem römischen Bad errichten. Von Landschaftsgärtnern liess er einen botanischen Garten anlegen, und über die Einfahrt der Bootsgarage setzte er sein Motto: «Auch Leben ist eine Kunst.»

Der Verlust des Vermögens

Keine Frage, Emden beherrschte die Lebenskunst: Braun gebrannt flitzte er mit seinem 120 PS starken Mahagoni-Boot über den See; zahlreiche junge Frauen besuchten den attraktiven Mittfünfziger auf seiner Insel. Obwohl also durchaus ein Lebemann, der sich gern mit jungen Frauen umgab und mit ihnen zusammen FKK machte, feierte Emden – wie Welti wiederholt in seinem Buch hervorhebt – auf seinen Inseln keine Orgien und lebte nach seiner Scheidung wieder monogam. Die neue Frau an seiner Seite hiess Sigrid Renata Jacobi und war gerade mal 17 Jahre alt, als sie Emden kennen lernte. Die Liaison mit der Tochter eines Konsuls, die vom Gymnasium flog, ein «verführerischer Wildfang» (Welti) und ein Unterhaltungstalent war und daher – nach dem Hanswurst aus den Stegreifkomödien – «Würstchen» genannt wurde, sollte trotz eines Altersunterschieds von mehr als dreissig Jahren bis zum Tod von Emden Bestand haben.

Mit der Machtübernahme Hitlers war es mit dem leichten, unbeschwerten Leben auf den Brissago-Inseln vorbei: Durch Eintreibung von angeblichen Steuerschulden, durch die «Arisierung» seiner Kaufhäuser unter anderem in Danzig und Potsdam, durch Zwangsverkäufe seines Privatbesitzes in Hamburg und anderen Schikanen verlor Emden grosse Teile seines Vermögens.

In einem aufreibenden Kampf versuchte er seinen Besitz zu retten und wurde dabei von den Schweizer Behörden weitgehend im Stich gelassen, da es sich bei Emden, der bereits mit 19 Jahren evangelisch-lutherisch getauft worden war und 1934 einen Schweizer Pass erhalten hatte, «um die Interessen eines Nichtariers» handle. Zermürbt von diesen Vorgängen starb der herzkranke Max Emden am 26. Juni 1940. «Er wollte so gerne schön leben. Und hatte alles dafür, nur nicht das furchtlose Herz. Man braucht ein starkes Herz, um ohne Wurzeln zu leben», notierte sich Erich Maria Remarque in seinem Tagebuch, als er vom Tod seines Tessiner Bekannten erfuhr.

Überflüssige Nebengeschichte

Der Kampf um Max Emdens Vermögen beschäftigt seine Nachkommen noch bis heute. Nach den Restitutionsverfahren um die Immobilien geht es heute insbesondere um die Kunstsammlung des einstigen Inselherrn, aus der nach der Machtübernahme Hitlers mehrere Bilder auf den Markt gelangten. Unter den Käufern war auch der Zürcher Industrielle Emil G. Bührle, der aus Emdens Sammlung Monets «Mohnfeld bei Vétheuil» erwarb, ein Bild, das 2008 bei dem spektakulären Zürcher Raub aus dem Bührle-Museum gestohlen wurde, später aber wieder auftauchte.

Ob Emden dieses und andere Bilder unter Zwang verkaufte, wurde zuletzt vom deutschen Bundesamt für offene Vermögensfragen bestritten, das den Verkauf von Canalettos «Zwingergraben in Dresden» zu beurteilen hatte. Dieses Bild gelangte über einen Mittelsmann aus Emdens Sammlung in den Besitz Hitlers und hing – von den Amerikanern an die Bundesrepublik übergeben – seit 1961 in einem Speisezimmer der Villa Hammerschmidt, des damaligen Amtssitzes des deutschen Bundespräsidenten.

Ärgerlich an der nun vorliegenden Biografie «Der Kaufhaus-König und die Schöne im Tessin» ist, dass Francesco Welti das hochinteressante Leben Max Emdens mit einer völlig überflüssigen fiktiven Rahmengeschichte umgibt. Darin erzählt er von einem pensionierten Gemeindekanzlisten, der sich an einem historisch grundierten Krimi über die dunkle Vergangenheit eines Kunstsammlers versucht – und dabei scheitert.

Noch ärgerlicher ist, dass Welti einen prätentiösen Stil pflegt, dass er ausgehend von Aktenmaterial der Bundesanwaltschaft sich im Schreiben von szenischen Dialogen versucht («Wo drückt der Schuh», soll Emden vom zuständigen Juristen gefragt worden sein) und dass er die Chronologie von Emdens Leben aufbricht und in einer wirren Dramaturgie neu zusammensetzt. Unschön auch, dass sich in dem Buch unzählige Redundanzen und zahlreiche Druckfehler finden und dass die wenigen Fussnoten schon bald nicht mehr mit den Anmerkungen übereinstimmen: Dies alles erschwert den neugierigen Blick auf Max Emden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2010, 08:54 Uhr

Infobox

Francesco Welti: Der Kaufhaus-König und die Schöne im Tessin. Max Emden und die Brissago-Inseln. Huber, Frauenfeld 2010. 312 S., ca. 44 Fr.

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