Der Tod ist ein blaues Tal

Wie Kinder geschickt an Grenzerfahrungen herangeführt werden, zeigen verschiedene neue Bücher. Einige Autoren tun dies radikal, andere sehr einfühlsam.

Der Tod war da – und jetzt fangen die Menschen an, Häuser zu bauen. «Als der Tod zu uns kam» von Rotraut Susanne Berner und Jürg Schubiger.

Der Tod war da – und jetzt fangen die Menschen an, Häuser zu bauen. «Als der Tod zu uns kam» von Rotraut Susanne Berner und Jürg Schubiger. Bild: PD

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Wenn Erwachsene für Kinder schreiben, tun sie das aus drei möglichen Motiven heraus. Weil sie den lieben Kleinen die Welt erklären wollen, en gros und en détail, weil sie wollen, dass die Kinder Spass am Lesen bekommen, oder weil sie darin eine Möglichkeit sehen, an die Grenzen zu gehen. Die Chance also, Tabuthemen wie den Tod aufzugreifen und das Leben und die Gesellschaft von den Rändern aus zu betrachten.

Pubertät als Grenzerfahrung statt Übergangsphase

Per Olov Enquist, der grosse alte Schwede, und die in Kanada lebende Amerikanerin Polly Horvath tun das in ihren Kinderbüchern so radikal, dass einem herkömmliche Werte und Normen nur so um die Ohren fliegen. So unterschiedlich ihre Sprache, ihr Humor und ihre Erzählweise auch sein mögen, inszenieren doch beide die Kindheit weniger als Übergangsphase denn als ständige Grenzerfahrung. Während die Eltern den Kindern beizubringen versuchen, dass sie erstens arbeiten, zweitens am Wochenende ausschlafen und drittens ihre Ruhe haben müssen, bewegen sich die jungen Protagonisten mit offenen Augen und Herzen durch den ständigen Ausnahmezustand, als der das Leben ihnen entgegenkommt.

Jane, die Heldin in Polly Horvaths neuem Roman «Unser Haus am Meer», wächst geborgen in einer etwas schrägen Familie auf, mit einer liebevollen Mutter, einer Dichterin und grossartigen Köchin, die über alles redet mit ihren Kindern, nur nicht über die Frage, wer ihr Vater ist. So schöpft Jane bei jedem männlichen Wesen in ihrer Umgebung Verdacht und verrenkt sich fast die Hirnwindungen vor lauter Nachdenken. Die anderen Bewohner ihres Dorfes scheinen richtig verrückt: Pastorin Nellie zum Beispiel stiftet das Mädchen dazu an, einen Heissluftballon zu klauen, um die Bibeln endlich einmal so zu verteilen, wie es sich gehört, nämlich von oben.

Nonsens und Melancholie

Polly Horvaths unerreicht schräge Fantasie und ihr dunkel-makabrer Humor machen ihre Bücher unverwechselbar. Denn unter all der Lebensfreude und der Lust am Nonsens schwingt eine tiefe Melancholie mit, die aus dem Wissen um die Zerbrechlichkeit des Lebens kommt, das die Figuren nicht verdrängen, sondern dem sie mit einer geradezu grotesken Hingabe an die Gegenwart tapfer entgegentreten.

Um Tod und Leben geht es in Per Olov Enquists «Grossvater und die Schmuggler», und zwar handfest. Hauptfigur ist Marcus, der Junge, der in «Grossvater und die Wölfe», dem ersten Band von Enquists Serie, mit einem Fahrrad auf eine Tanne fahren wollte. Zum Glück hat er einen Grossvater, der ihn versteht, weil er selbst eine Dichternatur ist. Bei der Expedition zum Dreihöhlenberg im ersten Buch brach sich der Alte damals das Bein – konnte sich aber voll und ganz auf seinen Enkel verlassen. Und auf die kluge Hündin Mischa.

Drei Jahre später, im zweiten Band, ist Mischa so altersschwach, dass man nichts mehr für sie tun kann, als ihr die erlösende Spritze zu geben, auf dass sie «hinauf zu dem blauen Tal mit Preiselbeeren und Wasserfällen» steige, wie die Dichternaturen es ausdrücken. Das Bein des Grossvaters ist längst wieder heil, doch jetzt hat er es auf dem Herzen. Die Kinder sind gewachsen; Marcus hat verbotenerweise Stanley Kubricks Horrorfilm «The Shining» gesehen und übt sich nun in «Shining», in Gedankenübertragung, mit Grossvaters jungem Hund Pelle.

Schwere Fahrt zum Tierarzt

Das Buch richtet sich an etwas ältere Kinder; ab zehn hat man mehr von den Sprachspielen, selbstironischen Grossvatersprüchen und erzählerischen Finessen. Eine der eindrücklichsten Stellen ist die schwere Fahrt zum Tierarzt, die letzte Reise der treuen Hündin Mischa. «Wer kommt mit zum Tierarzt?», hatte der Grossvater gefragt. «Es ist hart mitzukommen, aber ich will, dass einer von euch es tut.»

Marcus überwindet sich und geht mit. Im Auto plappert er wild drauflos, um das schmerzhafte Ziehen im Bauch zu vergessen. Dabei verwickelt er den Grossvater in ein Gespräch über Sterbehilfe und zieht die Schlussfolgerung, die für ihn ganz logisch auf der Hand liegt: «Wenn du halb blind wirst und noch tüdeliger, als du manchmal sein kannst, sollen wir dir dann auch helfen zu sterben?» Da wird der Grossvater dann doch ungehalten – und vergisst seine eigenen Spielregeln. Zum Beispiel, dass man argumentieren und nicht laut werden soll, wenn man jemanden von seiner Meinung überzeugen will. Doch warum ein Hund eingeschläfert werden muss und ein Mensch nicht – dazu fällt ihm kein gutes Argument ein ausser: «Herrgott!»

Grossvater und Enkel machen gemeinsam eine Grenzerfahrung, von der Enquist ganz ohne Beschönigung erzählt. Und ohne Angst, dass es wehtun könnte. Am Ende stehen keine Antworten, dafür neue Fragen und der Trost, dass junge Hunde geboren werden – und dass das Erzählen weitergeht, grenzenlos.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2011, 20:47 Uhr

Jugendbücher

Polly Horvath: Unser Haus am Meer. Aus dem Amerikanischen von Christiane Buchner. Bloomsbury, Berlin 2011. 250 S., ca. 26 Fr. (ab 9 Jahren).
Per Olov Enquist: Grossvater und die Schmuggler. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Hanser, München 2011. 158 S., ca. 20 Fr. (ab 10 Jahren).

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