Interview

«Der Trick funktioniert»

Am Donnerstag beginnt das grösste Schweizer Literaturfestival «Zürich liest». OK-Mitglied Sebastian Inhauser über die Konkurrenz zu Basel und Lesungen im Zeitalter von SMS und Twitter.

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Herr Inhauser, «Zürich liest» heisst das viertägige Festival, das am Donnerstag beginnt. Liest Zürich an den restlichen 361 Tagen denn nicht?
Natürlich wird auch an den restlichen Tagen des Jahres gelesen, aber wir wollen mit «Zürich liest» ein Signal setzen für das gemeinsame Wahrnehmen von Literatur.

Aber das Lesen ist doch eine einsame Tätigkeit.
Ein Literaturfestival ist nicht der Ort, an dem die Besucher in einer Ecke sitzen und das Buch lesen, über das vorne der Autor referiert. An einer Lesung kommt man mit Gleichgesinnten zusammen und kann sich mit ihnen über den gehörten Text unterhalten. Hier entsteht ein Gemeinsamkeitsgefühl, wie man es sonst als Leser nicht hat.

Und als Köder gibt der Veranstalter noch ein Glas Wein aus.
Ja, aber der Trick funktioniert. Die Leute unterhalten sich angeregt beim Apéro und tauschen zum Beispiel Buchtipps aus.

Wird der Autor so nicht zur Nebensache?
Nein, denn das Publikum setzt sich auch mit dem Autor als Menschen auseinander. Und er teasert seine Bücher an, damit die Leser sie kaufen und später in der stillen Kammer lesen.

Also ist «Zürich liest» eine grosse Werbeveranstaltung.
Als Werbeveranstaltung würden wir unser Festival nie und nimmer bezeichnen. Es ist schlicht und ergreifend ein Fest rund ums Buch, für die Autoren und ihre Leser.

Ein Fest für die Autoren? Für die scheint es oft mehr eine Pflichtübung zu sein, sind sie doch selber meist nicht die besten Vorleser.
Doch beim Literaturfestival «Zürich liest» werden Sie kaum die klassische Frontallesung erleben.

Das stimmt: Ilija Trojanow wird seinen Roman in einer musikalischen Inszenierung präsentieren, Beat Sterchi & Guy Krneta werden im Tram eine Performance darbieten: Welche Entwicklungen sind in der literarischen Vermittlung noch denkbar?
Dem sind keine Grenzen gesetzt. Am liebsten hätte ich Piccards berühmtes U-Boot in den Zürichsee geholt und dort drin den «Schwarm» von Frank Schätzing vorlesen lassen. Je nachdem, wo ein Buch spielt, kann man sich die verrücktesten Performances vorstellen.

Ist das nicht zu viel Zirkus?
Wir sind in einem Umfeld, in dem viele Festivals um das Publikum buhlen. Da müssen wir mit allen Mitteln für das Buch kämpfen.

Wird denn zu wenig gelesen?
Wenn Sie einen Buchhändler fragen, wird natürlich immer zu wenig gelesen.

Oder das Falsche?
Wenn sich jemand geistig über SMS, Twitter und Facebook ernährt, dann hat das natürlich weniger Informationsgehalt. Es ist unser Anliegen, den Spass am Lesen von längeren Texten zu fördern. Vor allem junge Menschen haben zunehmend Mühe, lange Texte zu verstehen.

Aber läuft die Entwicklung durch die neuen Techniken nicht zwangsläufig hin zu kürzeren Texten?
Es wäre sehr schlimm, wenn es in Zukunft keine Menschen mehr gäbe, die sich mit längeren Texten auseinandersetzen können und wollen. Wenn wir eine junge Generation heranzüchten, die nur noch SMS und Twittermeldungen lesen und schreiben kann, dann sehe ich schwarz für unsere Menschheit.

Aber wenn man Information in kurzer Form vermitteln kann, ist das doch die grössere Leistung als ein Sermon, der nicht viel mehr sagt.
Es stimmt, dass kurze prägnante Bücher mitunter die besten sind. Ausufernde Bücher, die ihr Ende nicht finden, sind wegen der Länge nicht unbedingt besser. Aber wenn wir von einem Buch sprechen, dann reden wir von mindestens hundert Textseiten. Und das ist eine andere Informationsvermittlung als eine Twittermeldung.

«Zürich liest» als Leseförderer?
Schon, aber nicht nur für junge Leser. Sonst hätten wir ein Kinder- und Jugendfestival gemacht.

Wem soll das Festival nutzen – den Lesern, den Autoren oder den Verlagen?
Natürlich den Lesern. Denn wenn es den Lesern nutzt, dann hilft es auch den anderen beiden.

Was vor zehn Jahren relativ klein unter dem Titel «Die lange Nacht der kurzen Geschichte» begann, hat sich nun zum viertägigen Festival «Zürich liest» entwickelt.
2001 war ein Instant-Erfolg mit knapp 15'000 Besuchern bei knapp 100 Veranstaltungen. 2009 waren wir bei rund 120 Veranstaltungen mit 22'000 Besuchern. Durch das, dass wir uns dieses Jahr von «Der langen Nacht der kurzen Geschichte» in «Zürich liest» unbenannt haben und die Veranstaltung jährlich durchziehen wollen, ist die öffentliche Aufmerksamkeit grösser geworden.

«Zürich liest» nennt sich jetzt schon das «grösste Buch- und Literaturfestival» der Schweiz.
Die Grösse ist aber nicht das entscheidende Kriterium. Wir haben «Zürich liest» lanciert, um das Festival vor allem qualitativ zu steigern. Ich habe das nächste Jahr lieber bloss 130 Veranstaltungen und noch eine bessere Durchmischung.

Wie wollen Sie das erreichen?
Man kann zum Beispiel aktuelle Themen aufgreifen und dazu gezielt Autoren einladen.

Wollen Sie mit «Zürich liest» Veranstaltungen wie «Buch Basel» an die Wand drängen?
Nein, überhaupt nicht. Buch Basel versteht sich auch als Buchmesse und nicht primär als Literaturfestival. Wir tun uns nicht weh, im Gegenteil: Durch die terminliche Nähe der beiden Anlässe können auch Synergien entstehen. Wenn zum Beispiel ein grosser Literat in Zürich auftritt, kann er anschliessend auch noch nach Basel gehen.

Aber Hand aufs Herz: Dass Basel den Schweizer Buchpreis vergeben darf, das wurmt Sie schon ein bisschen.
Der Neid ist da, das darf auch sein. Aber wir wollen den Baslern die Preisverleihung nicht abspenstig machen. Basel hat sich darum verdient gemacht. Es soll ja neu einen vom Bund ausgerichteten Buchpreis geben. Da werden wir von «Zürich liest» uns bewerben.

Erstellt: 26.10.2011, 11:12 Uhr

Sebastian Inhauser (46) ist Präsident des Zürcher Buchhändler- und Verleger-Vebands (ZBVV) und Mitglied im Organisationskommitee von «Zürich liest».

«Zürich liest»

Das Buchfestival mit 140 literarischen Veranstaltungen in Zürich, Winterthur und in der Region Zürich beginnt am Donnerstag, 27. Oktober, und dauert bis Sonntag, 30. Oktober. Was 2001 vom Zürcher Buchhändler und Verlegerverein ZBVV als «Lange Nacht der kurzen Geschichten» lanciert wurde, präsentiert sich 2011 als viertägiges Lesefest. Zu den diesjährigen Highlights gehört die Eröffnung im Schauspielhaus mit Charles Lewinsky, Ilija Trojanow und Monika Schärer (am Donnerstag, 20 Uhr), die Lesung von Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee im Stadthaus (Freitag, 20 Uhr) sowie die Veranstaltung mit Rafik Schami im Kaufleuten (Samstag, 18 Uhr). Detailliertes Programm unter: www.zuerich-liest.ch

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