Der Wolf als Symbol des Bösen

Krimi der Woche: Mit seinem Erstling «Die Stunde des Wolfs» hat der Finne Simo Hiltunen einen Erfolg gelandet, obwohl er sich damit etwas übernommen hat.

Weniger Erklärungen, weniger Symbolik hätten diesem Krimi gutgetan: «Die Stunde des Wolfs» von Simo Hiltunen.

Weniger Erklärungen, weniger Symbolik hätten diesem Krimi gutgetan: «Die Stunde des Wolfs» von Simo Hiltunen. Bild: Jarmo Kontiainen/WSOY

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Der erste Satz:
Der Wolf wühlte in dem Elch und knurrte.

Das Buch:
Finnland hat nur 5,5 Millionen Einwohner, aber eine grosse Literaturszene mit ein paar international bekannten Autorinnen und Autoren. Vor allem in der Kriminalliteratur sind etliche Finnen auch übersetzt präsent, und meistens mit originelleren Helden und Stoffen als die Schweden und Dänen, die mit ihren Mainstream-Krimis auch im deutschsprachigen Raum auf den Bestsellerlisten auftauchen. Jari Järvelä oder Pentti Kirstilä, Leena Lehtolainen, Harri Nykänen und den immer starken Matti Rönkä kennt man auch auf Deutsch. Darum bin ich immer gespannt, wenn ein neuer finnischer Autor ins Deutsche übersetzt wird.

Simo Hiltunen ist Journalist in Helsinki, mit Ende 30 hat er seinen ersten Kriminalroman geschrieben, der in Finnland so erfolgreich war, dass die Rechte in mehrere Länder verkauft wurden. «Im Schafspelz» lautet die Übersetzung des finnischen Originaltitels; auf Deutsch hat man es bei Krimititeln bekanntlich gerne etwas weniger dezent, weshalb der knapp 500 Seiten starke Wälzer «Die Stunde des Wolfs» heisst.

Eine aussergewöhnliche Häufung von «Familienmorden» beschäftigt Finnland. Lauri Kivi, Kriminalreporter bei einer grossen Zeitung, «noch introvertierter als ein normaler Finne», beschäftigt sich mit den Fällen. Und hat bald den Verdacht, dass da nicht überall die Familienväter die Mörder waren. Und tatsächlich: Es scheint einen Serienmörder zu geben, und der nimmt auch die Tochter von Kivi ins Visier. Diese kennt ihren Vater nicht und ist auf dem Weg, ein internationaler Popstar zu werden. Das ist so weit einmal eine einigermassen originelle Plot-Idee für einen Serienkillerroman. Aber Simo Hiltunen will mehr, viel mehr. Es geht ihm um das Böse, das in Menschen steckt, und um die Gründe dafür. Über seinen Helden schreibt er: «Seine unerklärlichen Katastrophenfantasien und Ängste waren ein Zeichen dafür, dass er andere Menschen und das potenzielle Böse in ihnen scheute, weil er wusste, dass es existierte. Er wusste es, weil er es selbst in sich trug.»

Leider neigt Hiltunen etwas zum allzu ausführlichen Dozieren darüber, dass Misshandlungen in der Kindheit dazu führen können, das die einmal erwachsenen Menschen gewalttätig werden. Als Symbol für das Böse steht bei Hiltunen der Wolf. Abgesehen davon, dass er damit diesem Tier wahrscheinlich Unrecht tut, nervt das stetig wiederkehrende Auswalzen der Wolf-Metapher auf die Länge immer mehr. Generell wäre bei diesem Roman weniger mehr gewesen. Weniger Erklärungen, weniger Symbolik. In einem guten Krimi erschliesst das Handeln der Protagonisten dem Leser die Geschichte und ihre Hintergründe. Das hat Simo Hiltunen in seinem Debüt (noch) nicht geschafft.

Die Wertung:

Der Autor:
Simo Hiltunen, geboren 1977, stammt aus dem Norden Finnlands und arbeitet als Journalist in Helsinki. «Die Stunde des Wolfs» war 2015 sein erster Roman. Er war ein Bestseller in Finnland und wurde nicht nur ins Deutsche, sondern unter anderem auch ins Niederländische und Französische übersetzt.

Simo Hiltunen: «Die Stunde des Wolfs» (Original: «Lampaan vaatteissa», WSOY, Helsinki, 2015). Aus dem Finnischen von Peter Uhlmann. Rütten & Loening, Berlin, 2017. 495 S., ca. 21 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2017, 14:09 Uhr

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