Der Zukunft ist nicht zu trauen

Der kürzlich verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman hat sich in seinem letzten Buch, «Retrotopia», mit den Folgen der Globalisierung beschäftigt. Eine davon ist die Verklärung vergangener Zeiten.

Familienidylle: Weihnachtsessen um 1965. Foto: L. Willinger (Hulton Archive, Getty Images)

Familienidylle: Weihnachtsessen um 1965. Foto: L. Willinger (Hulton Archive, Getty Images)

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Das 20. Jahrhundert war für Abermillionen von Menschen die Hölle auf Erden, weil sie an einer alle beglückenden Utopie teilhaben sollten. Die hehre gesellschaftspolitische Theorie führte direkt ins Desaster; am eindrücklichsten zu sehen an den sich auf den Marxismus berufenden Staaten des ehemaligen Ostblocks. Die Idee, der Weg in die Freiheit führe über die Diktatur des Proletariats, öffnete der politischen Willkür Tür und Tor. Wie heikel und gefährlich es ist, wenn der Zweck die Mittel heiligt, hatte schon Immanuel Kant erkannt. Seine Kritik konnte allerdings nicht verhindern, dass das letzte Jahrhundert eines der mörderischsten der Menschheitsgeschichte wurde.

Die weitverbreitete Skepsis gegenüber Utopien kann also nicht verwundern. So diskreditiert, wie sie das neue Jahrhundert betraten, werden sie auf absehbare Zeit keine Macht mehr auf Menschen ausüben können. Dieser Blick in die Vergangenheit ist, so analysiert Zygmunt Bauman (1925–2017) in seinem letzten Buch, nur die eine Seite der Skepsis. Die andere Seite ist die Gegenwart, die dermassen unüberschaubar geworden ist, dass sich keine Linie in die Zukunft mehr ziehen lässt. Hauptursache ist die Globalisierung, die die Ordnung der Dinge so durcheinandergebracht hat, dass sich eine wie auch immer gestaltete Zukunft nicht mehr denken lässt. Dies führt dazu, dass man sich zunehmend zurückbesinnt auf eine Vergangenheit, die es so wohl nie gegeben hat: sinnstiftend und Geborgenheit vermittelnd.

Epidemische Nostalgie

Schaut man sich die popkulturelle Gegenwart an, so spricht einiges für die Diagnose des polnisch-englischen Soziologen. Der anhaltende Erfolg von «Game of Thrones» stellt dabei nur die Spitze des Eisberges dar: Der Retrotrend ist ubiquitär und prägt alle Erkenntnis- und Interessensgebiete und -formen. Die Gegenwart (und die Zukunft) wird von der Vergangenheit dominiert. Wer «Retrotopia» liest, wird einigen Aufschluss erhalten. Heute muss, so die These, von einer globalen Epidemie der Nostalgie gesprochen werden. Da im Vorwärts nichts Konstruktives erkannt werden kann, wendet sich der verängstigte Blick zurück in eine scheinbar gesicherte Vergangenheit. Dort vermeint man eine reale Geschichte erkennen zu können (und nicht die Konstruktion einer solchen), die angesichts der desolaten Situation Trost verspricht: «So, wie es sich für uns anfühlt, ist unsere gegenwärtige Welt – eine Welt zunehmend schwindender Bindungen, der Deregulierung und Atomisierung politischer Strukturen, der Trennung von Politik und Macht – abermals Schauplatz eines Kriegs aller gegen alle und damit gegen niemand Bestimmtes geworden.»

Diese Wiederkehr der hobbesschen Welt, in der jeder des anderen Wolf ist, führt dazu, dass die Sehnsucht nach dem Gestern überhandnimmt: «Welche Erleichterung ist es da, aus dieser undurchschaubaren, unergründlichen, unfreundlichen, entfremdeten und entfremdenden Welt voller Falltüren und Hinterhalte in die vertraute, gemütliche und heimatliche, manchmal schwankende, aber tröstlich unangefochtene und erträgliche Welt von gestern zurückzukehren», fasst der Autor die aktuelle Befindlichkeit zusammen.Einen Ausdruck dieser verbreiteten Stimmung sieht Zygmunt Bauman im Willen zur Rückkehr zum Nationalstaat, den die Populisten geschickt mit Nahrung versorgen.

Sie verstehen besser als die Linken, dass in Momenten der Verunsicherung die Verklärung des Vergangenen erfolgreicher ist als die Konfrontation mit harten, nüchternen Fakten: Bauman zitiert den grossartigen Soziologen Ulrich Beck, der vor seinem Tode noch mal betont hatte, wie wichtig ein kosmopolitisches Bewusstsein sei, um die kosmopolitischen Probleme zu lösen. Wie weit wir heute wieder von einer solchen Sichtweise entfernt sind (und damit von der Lösung globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel), macht die Lektüre von «Retrotopia» bewusst – auch, dass wir mit unserer aktuellen Nostalgie wichtige Zeit verlieren. Was nützt uns der Nationalstaat, wenn er keine Antworten geben kann auf die Fragen, die die Gegenwart und noch mehr die Zukunft stellen?

Kulturpessimistische Haltung

Es gibt zahlreiche Stimmen, die Zygmunt Bauman, vor allem nach dessen Tod, in den höchsten Tönen loben. Sein letzter Band zeigt aber auch klar seine Grenzen: Der kulturpessimistische Grundton, der «Retrotopia» unterlegt ist, zeigt ihn als einen Denker, der zu vorschnellen normativen Urteilen neigt. «Mit guten Gründen wird angenommen, dass die Schuld für die gegenwärtige Zunahme der Gewalt, besonders in den urbanen Arealen der Unterprivilegierten, Armen und Depravierten, in erheblichem Mass der herrschenden konsumistischen Kultur zufällt», schreibt er etwa – und anderswo: «Im Zeitalter von Fastfood und Mobiltelefonen sind die altmodischen Fähigkeiten der Gesellung entweder vergessen oder rosten unbenutzt vor sich hin.» Hier sieht ein alter Mann nur noch, was verloren geht und nicht mehr, was gewonnen wird.

Abgesehen von dieser gängigen Pauschalkritik, die altlinker Ideologie geschuldet ist, bietet das Buch viel Stoff, um über den Zusammenhang von Utopie und Nostalgie nachzudenken. Auch wenn das utopische Denken unter Generalverdacht steht, heisst das nicht, dass jedwede Form ausgedient hat. Denn auch der Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt, wohnt eine utopische Energie inne, die – wenn sie völlig ausbleibt – zum individuellen und gesellschaftlichen Stillstand führt. Mit anderen Worten: Nostalgie kann vorübergehend heilsam sein, um die Wunden der Gegenwart zu lecken, doch für ein Zukunftsprojekt, wie es die Globalisierung und Digitalisierung heute erfordern, ist sie wenig geeignet.

Wir leben in einer Zeit des Übergangs: vor uns eine Zukunft, «auf die man nicht vertrauen kann», und hinter uns eine Vergangenheit, welche als Stammesgesellschaft idealisiert wird. Zunehmend abhanden kommt uns die «reale Gegenwart» (George Steiner). Diese doppelte Blockade führt auf individueller, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene zu Depressionen. Und diese sind nicht die beste Voraussetzung, um die brisanten Probleme anzupacken, die keinen Aufschub mehr dulden – insofern ist das Vermächtnis von Zygmunt Bauman eine bleibende Erinnerung daran.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2017, 18:27 Uhr

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Zygmunt Bauman

«Retrotopia», Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 220 S., ca. 22 Fr.

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