Der alte Mann und die schönen Frauen an der Wand

Auf einmal Sexist? Eugen Gomringer – Schweizer Lyriker, 92 Jahre – spricht über sein Gedicht, das Berlin aufregt.

Seit 2011 auf der Mauer: Das Gedicht von Eugen Gomringer.
 (Bild: ASH Berlin)

Seit 2011 auf der Mauer: Das Gedicht von Eugen Gomringer. (Bild: ASH Berlin)

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Wie genau verfolgen Sie die Debatte um Ihr Gedicht?
Das Dossier, das ich dazu führe, ist unheimlich dick geworden. Das Letzte, was ich mitbekommen habe: Die Jury, die mir 2011 den Alice-Salomon-Poetik-Preis verliehen und die Wandbeschriftung so erst möglich gemacht hat, will zurücktreten, wenn «avenidas» entfernt wird. Meine Schriftstellerkollegen unterstützen mich schon länger.

Ist die Bewunderung schöner Frauen ein Hauptmovens der Poesie überhaupt?
Sicher. Wenn wir genderistisch über die Literatur hinwegfahren, müssen wir die ganze Kunstgeschichte umpflügen. Spätestens ab der Renaissance… (lacht)

Halten Sie Ihr Gedicht für zeitlos?
Schauen Sie, letzte Woche war ich in der Ukraine. Ich ging durch eine Allee, es war ein schöner Tag, ich sah schöne Blumen und schöne Frauen – und da war er wieder: derselbe Eindruck, unter dem ich «avenidas» geschrieben hatte.

Können Sie nachvollziehen, dass ein Lob auf die Schönheit einer Frau unter Umständen als sexistisch betrachtet werden kann?
Unter Umständen? Sicher. Aber bei meinem Gedicht eben nicht. Das hat mit mir nichts zu tun. Ich weiss wirklich nicht, was diese rabiaten Leute von mir wollen. Die Hochschule hat mich nun angefragt, ob ich mich mit den Studenten treffen möchte. Wenn die mich einladen, komme ich. Ich kann mir das gerne anhören.

Bis Mitte Oktober nimmt die Uni Vorschläge für eine Neugestaltung der Fassade entgegen. Alles schön ordentlich und demokratisch.
Man kann einen demokratischen Prozess ja auch in eine erwünschte Richtung lenken, nicht wahr? Die Asta-Leute, die mein Gedicht weghaben wollen, sind Meister darin. Mittlerweile spielt es ja keine Rolle mehr, warum die Hochschule das Gedicht überhaupt an die Fassade geschrieben hat: Man wollte die vielen Ausländer im Quartier ansprechen.

Sagt die Kontroverse etwas über den Zeitgeist aus?
Ein Dichter hat mit Political Correctness nichts tun. Er denkt in anderen Kategorien. Zum Beispiel die genderistischen Verdoppelungen bei Nomen, die dieser Zeitgeist fordert: Professor/in und dergleichen – so was tut kein poetischer Mensch.

Jetzt redet man wieder über Ihre Gedichte. Das muss Sie freuen.
Nächstes Jahr wird ein grosses Jahr für die Konkrete Poesie. Ich bereite schon länger eine entsprechende Anthologie vor. «avenidas» ist ja eines unserer wichtigsten Gedichte überhaupt, ein Ur- und Programmgedicht. Alles Weitere dazu in meinem Manifest «vom vers zur konstellation», das ich 1955 veröffentlichte. Dass «avenidas» nun rechtzeitig wieder bekannt gemacht wird, ist ein lustiger, natürlich willkommener Zufall. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2017, 10:46 Uhr

Eugen Gomringer wurde 1925 im bolivianischen Dschungel als Sohn einer Einheimischen und eines Schweizer Händlers geboren. In den 1950ern prägte er als Praktiker und Theoretiker die Konkrete Poesie, die sich durch lakonisch-optische Gedichte auszeichnet. Danach arbeitete Gomringer unter anderem als Professor der Kunstakademie Düsseldorf, publizierte regelmässig neue Lyrik. Am kommenden Montagabend liest er gemeinsam mit seiner Tochter Nora in der Winterthurer Coalmine. (lsch) (Bild: Raisa Durandi)

Das Gedicht

avenidas

avenidas y flores

flores

flores y mujeres

avenidas

avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y un admirador


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