Der aufrechte Barde

Liedermacher und Erzähler Franz Hohler steht seit 50 Jahren auf der Bühne. Seine Hoffnung auf eine bessere Welt ist intakt.

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Langsam verwischen der schalkhafte Mundwinkel, die buschigen Brauen und das periphere Resthaar, langsam verschwindet Franz Hohler im abendlichen Halbdunkel. Vor einer Stunde hat er die Lampe gelöscht. Etwas Energie wolle er sparen, hatte er gemurmelt. Nun denkt er nach, in seinem Oerliker Arbeitszimmer vergehen die Sekunden. Er überlegt sich, was er von Schriftsteller Lukas Bärfuss hält, was er sagen soll zu diesem zornigen Thuner, der im Rundumschlag die SVP und das AKW Beznau, das Schweizer Fernsehen und diese Zeitung abgewatscht hat. Der wohl nicht das beste, aber das kräftigste Feuilleton des Jahres geschrieben hat.

«Bärfuss, das ist eine andere Generation», sagt Hohler endlich. «In vielem bin ich mit ihm einig. Aber seine Wut geht mir ab.» Einiges befremdet den 72-Jährigen in diesem Jahr 2015 – nicht nur Bärfuss’ Tirade, sondern auch die Erfolge der SVP, die Flüchtlingspolitik der EU, die radikale Linke. «Ich bewundere den Schwung, den Tsipras und seine Leute in Griechenland entwickelt haben», sagt Hohler. Es folgt auch hier ein «Aber». Er frage sich leider, was die Tsipras-Partei Syriza Griechenland nun genau gebracht habe.

Wie ein heiteres Klassentreffen

«Was hat es gebracht?» Diese Frage stellt Hohler derzeit öfter, an sich und sein Werk. 2015 ist für ihn ein Jahr des Rückblicks. «Wenn man auf einmal die eigene Biografie lesen kann, wird man natürlich nachdenklich», sagt Hohler. Vor 50 Jahren stand er in einem Heizungskeller der Uni Zürich erstmals auf der Bühne. Es folgten Hunderte Lieder, Sketches und Bücher, die Hohler als Multitalent und fleissiger Schaffer angehäuft hat. Er sei von der Fülle fast erdrückt worden, sagt sein Biograf, der befreundete Liedermacher Martin Hauzenberger.

Hohler und Hauzenberger stellten das Buch («Der realistische Fantast») letzten Freitag gemeinsam im Theater Rigiblick vor. «Von Ihnen sind offenbar einige auch schon länger dabei», sagte Hohler zu Beginn, und mit ihm lachte das ebenso grau und glatzköpfig gewordene Publikum. Der Abend hatte den Charakter eines heiteren Klassentreffens, die meisten schienen Hohler von früher zu kennen – von Konzerten und Lesungen, wohl auch von Aktionen und Demos. Kleine Kinder und ältere Sozialdemokraten sind seit je Hohlers grösste Fans.

Es ist die SP-Generation der Willi-Ritschard-Zeit, die sich ihm am engsten verbunden fühlt, Hohler gehört ihr selber an. Er hat den letzten Arbeiter-Bundesrat persönlich gekannt – «ein sehr redlicher Mann, der die Menschen liebte und der überzeugt war, die meisten ­Probleme liessen sich im persönlichen Gespräch klären.»

Hohler an einer Demo gegen das AKW Kaiseraugst.

Diese Ritschard-Generation ist eine Generation, die dieser Tage mehr Prügel einstecken muss als jede andere. Von rechts selbstverständlich, von dort kommt routiniert der Vorwurf der Wirklichkeitsverweigerung, der sozialistischen Fantasterei. Aber auch von links: Zu angepasst seien sie gewesen, sie hätten die Ideale verraten und die Über­windung des Kapitalismus nicht gewagt.

Hohler, der mit seiner Frau in einer über hundertjährigen Villa beim Bahnhof Oerlikon wohnt, ficht diese Kritik nicht an. Er weiss um die Leistung seiner Weggefährten, der Sozialdemokratie an sich. In seinem Bücherregal steht die Biografie des Arbeiterführers Robert Grimm (1881 bis 1958), daneben jene seines langjährigen Freunds ­Niklaus Meienberg, des aufmüpfigen Journalisten.

Hohler mit Peter Bichsel, wenige Tage nach Meienbergs Tod.

«Umwelt- und Armeefragen werden heute ganz anders besprochen als noch vor dreissig, vierzig Jahren. Das waren Diskussionen, die wir damals angestossen haben», sagt Hohler. Und Grimm, ja das sei ein ganz Radikaler gewesen. Hohler sagt verschmitzt: «Der hatte so verrückte Ideen wie die AHV oder das Frauenstimmrecht.»

Es ist erstaunlich, wie erfolgreich Hohler zumal in den 80ern für die linken Anliegen geworben hat, wie gross der Anklang des Oltner Lehrersohns bei Bürgerlichen bis heute ist. Erklären lässt sich das auch mit dem eigentümlichen Grundton, der sein künstlerisches Werk durchzieht: Es ist ein warmer, menschlicher, stets versöhnlich klingender Ton. Das legendäre «Totemügerli» ist eben gerade kein satirischer Verriss des Bärndütsch, sondern eine liebevolle Verulkung.

Spassmacher Hohler anno 1984.

Hohlers bekannteste Erzählung «Die Rückeroberung» kippt mit einem ebenso unzufälligen Satz: «Von da an begann man sich langsam darauf einzurichten, dass man diese Tiere möglicherweise nicht loswerden konnte; sondern irgendwie mit ihnen leben musste.»

1983 sorgte das Schweizer Fernsehen für einen Skandal, als es Hohlers Sendung «Denkpause» stoppte. Hohler wollte seine Mundartversion der militärfeindlichen Hymne «Le déserteur» aufführen, aber das war den Sendeleitern zu heikel. Selbst in diesem kontroversesten Hohler-Stück bleibt eine Verständigung denkbar:

«Herr Oberschtdivisionär dir gseht / das i nech schrybe / chönnt s Läse au lo blybe / dir heits jo süsch scho schwär.»

Hohler, der sich als «zugewandten Ort der Sozialdemokratie» bezeichnet, blieb seiner Gesinnung treu, auch als sich die Schweiz um ihn veränderte. Der «Denkpause»-Eklat und die grobe Weigerung der bürgerlichen Zürcher Regierung, diesem linken Hohler einen Literaturpreis zu überreichen, änderten nichts daran, ebenso wenig das Erstarken der SVP.

Hohler präsentiert sein Flüchtlingsmanifest.

Während jüngere Künstlerkollegen auf Facebook mit Blocher-Kritik wohlfeile Likes ernten, interpretiert Hohler politisches Engagement noch immer im handfesten Sinn: Demonstrationen, Petitionen, Abstimmen; auf die Strasse treten, unter die Leute gehen. Obwohl kein Parteimitglied, scheut er den ­direkten Kontakt zur SP nicht. Für die Sozialdemokraten hat er vor einigen Tagen ein Flüchtlingsmanifest geschrieben, das er gegenüber der Presse erklärte und verteidigte. Ein Manifest, das für Grosszügigkeit plädiert und daran erinnert, dass es letztlich die Flüchtlinge sind, die an Angst und Überforderung leiden.

«Das mag Sie jetzt vielleicht erstaunen», sagt Hohler. «Aber ich glaube an die Ver­änderbarkeit dieser Welt.» Es ist nochmals dunkler geworden in Oerlikon, aber Hohlers Stimme klingt frohgemut wie je. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.10.2015, 23:58 Uhr)

Martin Hauzenberger präsentiert mit «Franz Hohler. Der realistische Fantast» eine solide Biografie seines Liedermacherfreunds. Dick geworden ist das Buch vor allem deshalb, weil Hauzenberger Hohlers Werke erstmals penibel zusammengetragen, aufgelistet und knapp paraphrasiert hat. Schmuck- und Herzstück ist die Beschreibung einer Chinareise, die Hauzenberger als Vertreter der hiesigen Liedermacher mit Hohler unternommen hat.

Als Erzähler hält sich der Berner zurück, dafür lässt er Hohler und Kollegen ausführlich zu Wort kommen. Dank längerer Beiträge von Dimitri, Emil, Dodo Hug und anderen kann «Der realistische Fantast» auch als Panorama der Schweizer Kleinkunstszene und ihrer privaten und beruflichen Verflechtungen gelesen werden. (lsch)

Martin Hauzenberger: Der realistische Fantast. Römerhof-Verlag. 250 S., 42 Fr.

Video

Hohlers bekanntestes Stück: «Ds Totämügerli»

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