Der grosse Kirchenkritiker ist verstummt

Der deutsche Schriftsteller Karlheinz Deschner ist im 90. Lebensjahr verstorben.

Nahm die Doppelmoral von Helden und Heiligen gnadenlos aufs Korn: Karlheinz Deschner.

Nahm die Doppelmoral von Helden und Heiligen gnadenlos aufs Korn: Karlheinz Deschner. Bild: PD

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Karlheinz Deschner war ein tiefsinniger Melancholiker und ein scharfzüngiger Spötter zugleich. Er wusste: «Jeder grosse Spott wird aus Trauer geboren.» So spottete er bisweilen, gläubige Christen beteten für ihn, dass er seine monumentale «Kriminalgeschichte des Christentums» zu Ende bringen könne. Tatsächlich: Vor wenigen Monaten erst hatte er sein zehnbändiges Opus magnum abgeschlossen, jetzt ist er kurz vor seinem 90. Geburtstag in Hassfurt am Main gestorben.

Während Jahrzehnten deckte er, wie ein Galeerensträfling an den Schreibtisch gefesselt, welthistorische Ver­brechen im Schein der Heiligkeit auf – ­begangen von listigen Mönchen, frommen Kriegstreibern und mächtigen Päpsten. Wobei ihm, der um den Zusammenhang von Keuschheit und Wehrwillen wusste, «die im Vatikan rumvögelnden Renaissancepäpste» lieber waren als die keuschen Kriegs- und Kreuzzugspäpste. Die grossen Männer und Heroen der herkömmlichen Geschichtsschreibung entlarvte er als «Starbanditen der Welt­geschichte».

Keiner nahm die Doppelmoral von Helden und Heiligen so gnadenlos aufs Korn wie er, beschrieb die Projektionen und Schattenkämpfe von besonders frommen Menschen so akkurat und lotete die Fallhöhe zwischen Erhabenem und Niedrigem, zwischen Anspruch und Wirklichkeit so schonungslos aus. Als ­ästhetisches Stilmittel bediente er sich immer und immer wieder der Ironie: «Morden mit Maria», «Mission und Massaker», «Wehrhafte Heilige», «Kirche, Krieg und Kapital» hiessen die Kapitel seiner kirchenkritischen Werke. Schliesslich war er überzeugt: «Wer Weltgeschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, ist ihr Komplize.» So grenzte er sich von den «staatshörigen Historikern und genebelten Theologen» ab.

50 Jahre Recherche für ein Buch

Das Metier des Religionskritikers übte Deschner in Solidarität mit den «Beleidigten aller Völker, Rassen und Zeiten» aus, aus Mitgefühl mit den scheinbar subjektlosen Armen, Bauern und Entrechteten der Weltgeschichte. Karlheinz Deschner war ein liebenswürdiger Mensch, ein Tier- und Naturfreund. Er liebte Hunde, die Inseln der Ostsee, die Musik Bruckners und die Lyrik Lenaus. Der studierte Historiker fing einst als ­Romancier an («Die Nacht steht um mein Haus»), entwickelte sich zum Literaturkritiker («Kitsch, Konvention und Kunst») und biss sich schliesslich an der Kirchen- und Religionskritik fest.

«Das Kreuz mit der Kirche», eine ­Sexualgeschichte der Kirche, und «Abermals krähte der Hahn», eine kritische Entstehungsgeschichte der heiligen Schriften, gehörten zu den frühen Erfolgen in dieser Sparte. Für sein Monumentalwerk «Kriminalgeschichte des Christentums», eine beispiellose Anklageschrift gegen die Kirche mit 6000 Seiten und 100'000 Quellenangaben, hatte er 50 Jahre recherchiert und wöchentlich hundert Arbeitsstunden aufgewendet. Im Zeitalter von Twitter und SMS war Deschner eine absolute Ausnahmeerscheinung. Mit ihm ist einer der grossen und wohl auch der letzten Repräsentanten des religionskritischen Fachs verstummt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2014, 08:42 Uhr

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