Der masslose Westen

Der Soziologe Meinhard Miegel liest dem westlichen Menschen die Leviten. Zornig, wortgewaltig, provokativ.

Die neuen Türme von Babylon? Für den Soziologen Meinhard Miegel sind pompöse Bahnhöfe wie hier in Berlin Ausdruck westlicher Hybris.

Die neuen Türme von Babylon? Für den Soziologen Meinhard Miegel sind pompöse Bahnhöfe wie hier in Berlin Ausdruck westlicher Hybris. Bild: Arnd Wegmann/Reuters

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Das neueste Buch des streitbaren deutschen Soziologen und CDU-Intellektuellen Meinhard Miegel ist eine Kampfansage an die westliche Gesellschaft. Schon der Titel macht dies klar: Mit dem Begriff «Hybris» bezeichneten die alten Griechen jede Überschreitung des richtigen Masses, in den Beziehungen mit anderen Menschen wie auch in der natürlichen Ordnung der Dinge. Eine solche Verletzung der massvollen Norm galt als Sünde schlechthin und konnte in einem gerechten Kosmos nicht unbestraft bleiben. Der Törichte, so brachte der Dichter Hesiod die Idee auf den Punkt, versteht immer zu spät, was zu tun gewesen wäre. Nämlich erst nachdem er für sein unkontrolliertes Handeln gelitten hat.

Wie töricht sind nun also wir reichen Bürger der westlichen Länder? Wie gross ist unsere Hybris? Diese Frage erhält in diesem packend geschriebenen Pamphlet eine deutliche Antwort: Weniger weise als der durchschnittliche Bürger der USA und der EU-Länder war noch keiner in der bisherigen Geschichte der Menschheit (die wirtschaftlichen und politischen Eliten sind in diesem Urteil mitgemeint). Mindestens in dieser Hinsicht hat der auf den «Kick» von immer neuen Rekorden fixierte westliche Mensch also eine echte, wenn auch negative Vorrangstellung erzielt. Dafür bezahlen wir jedoch schon jetzt einen hohen Preis in Form von Stress, Unsicherheit und existenzieller Müdigkeit. Noch härter wird es unsere Kinder und Enkel treffen.

Attacke gegen die EU

Kulturpessimistischer als Miegel könnte man schwerlich sein. Sei es wegen der Arbeit oder wegen einer eher pathetischen als verständlichen Suche nach exotischen Paradiesen, so schreibt er, befinden sich «grosse Teile der Menschheit» heute «in einem umweltschädlichen Bewegungsrausch». Überall entstehen grandiose, aber unnötige Flughäfen und Bahnhöfe, und wer die Augen offen zu halten vermag – Verdrängung ist nach Miegel eine weitere Kapitalsünde unserer Zeit – wird es sofort merken: Es sind «Türme von Babylon», die hier gebaut werden. Und sie richten ökologischen, architektonischen und finanziellen Schaden an.

Masslose Menschen, masslose Staaten: In den meisten EU-Ländern ist der Sozialstaat in den letzten Jahrzehnten nach Miegel so stark gewachsen, dass er viele Aufgaben übernommen hat, die ihm eigentlich nicht zustehen (etwa die Organisation unserer Freizeit). Seine Bürger, so argumentiert er in klassisch konservativer Manier, hat er wie flehende Kinder behandelt – und somit eher entmündigt als unterstützt. Nun stehen beide, der verwöhnte Mensch und der überschuldete Staat, kurz vor dem Kollaps.

Gleichzeitig ist ein neuer, alles verschlingender Moloch entstanden: die Europäische Union. Deutsche und Griechen, Belgier und Italiener, Holländer und Portugiesen – was haben sie gemeinsam? Zu verschieden sind die Kulturen dieser Völker; für eine Vereinigung, falls sie überhaupt möglich sein sollte (hier bleibt Miegel leider ambivalent), ist es heute sicherlich zu früh. Erst aus weiter Ferne, in der Perspektive eines Chinesen oder Inders, lassen sich die verschiedenen EU-Länder nach Miegel zu einer kulturellen Einheit verschmelzen. Seine Attacke gegen die EU ist erbarmungslos, und er verwendet hier Parolen, die stark an jene von ­erfolgreichen Populisten wie Marine Le Pen in Frankreich und dem Polit-Komiker Beppe Grillo in Italien erinnern. «Weg vom Euro» lautet sein Fazit – ein dieser Tage zunehmend verbreiteter Slogan.

Was heisst fremd?

Spätestens hier wird klar, wie einseitig Miegels Analysen sind. Die Schwierigkeiten des Projekts einer europäischen Vereinigung sind zwar nicht zu leugnen. Aber schon im Titel seines Buches taucht ja ein Begriff aus einem nach seiner Deutung «fremden» Kulturkreis auf. Und immer wieder illustriert er seine Thesen nicht nur mit Sätzen von Goethe, sondern auch mit solchen des Italieners Leonardo da Vinci oder des österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper.

Seine eigene argumentative Praxis widerlegt somit die Auffassung, dass es in Europa keinen gemeinsamen kulturellen Fundus gebe. Zwar ist es nicht so, dass ihm diese Tatsache nicht bewusst wäre, denn er argumentiert an einer Stelle, dass man bei der Konstruktion eines gemeinsamen europäischen Hauses auf die Kultur und nicht nur auf die Wirtschaft hätte setzen sollen. Aber dieser Punkt gerät rasch in Vergessenheit, wird überspült von einer Lawine zorniger Worte.

Auch in anderer Hinsicht ist das Buch nicht zu Ende gedacht. Man stimmt Miegel zwar gerne zu bei seiner Überzeugung, dass die moderne Gesellschaft nicht in alle Ewigkeit auf Hochtouren laufen kann. Aber wie genau soll die geforderte Entschleunigung unserer Lebensweise vonstatten gehen? Miegels Antwort – wir sollten uns alle in der Kunst der Beschränkung üben und unserer Umwelt mit mehr Achtsamkeit begegnen – hat jenen buddhistischen Charme, der heute so modisch ist. Aber existenzielle Fragen, etwa wie man auf ökonomisches Wachstum verzichten kann, ohne Firmen abstürzen oder Arbeitslosenzahlen steigen zu lassen, sind damit nicht beantwortet.

Das Buch ist daher eher als das Symptom eines diffusen Unbehagens an der Gesellschaft zu sehen denn als Heilmittel. Immerhin: Dieses Unbehagen ist hier so fulminant ausformuliert, dass es sein Echo finden wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2014, 07:39 Uhr

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Meinhard Miegel


Hybris: Die überforderte Gesellschaft. Berlin, Propyläen 2014. 313 S., ca. 36 Fr.

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