Der polemische Perversling wird zum Poeten

Michel Houellebecq wandelte sich vom Enfant terrible der Literaturszene zum gefeierten Autor. Frankreich feiert momentan seinen Gedichtband «Configuration du dernier rivage». Wie konnte das passieren?

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Seit dem Erscheinen seines Debütromans «Extension du domaine de la lutte» von 1994 galt Michel Houellebecq als frauenhassender Perversling und polemischer Reaktionär. Mit seinen folgenden Romanen, Essays und Gedichten zementierte der mittlerweile 57-jährige Schriftsteller diesen Status, bis sich 2010 das Blatt wendete: Für seinen Roman «La carte et le territoire» erhielt er unter allgemeinem Jubel mit dem Prix Goncourt den wichtigsten französischen Literaturpreis.

Mit seinem kürzlich erschienen Gedichtband «Configuration du dernier rivage» stösst Houellebecq weiterhin auf begeisterte Reaktionen – obwohl es in den 100 darin enthaltenen Gedichten gewohnt trostlos zu und her geht: Tod und Verzweiflung sind die Hauptthemen, Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit werden beklagt, mal eher philosophisch, mal eher pornographisch. Houellebecq, der Lyrik als essenziellen Teil seines Werks versteht, inszeniert unvermindert sein Leiden als Dichter und als Mensch.

Streng komponierte Schreie

Gedichte sind für ihn Schreie, die aus dem Leiden des zum Bewusstsein gelangten Menschen kommen, wie er schon in seinem programmatischen Aufsatz «Rester vivant» von 1991 ausführt. So ist auch Houellebecqs ganzes Werk eine Klage darüber, dass das Leben endlich und dadurch unerträglich ist. Oft werden Möglichkeiten erprobt, Tod und Vergänglichkeit zu überwinden, ob es der geniale Genetiker Michel in «Elementarteilchen» oder der 24. und 25. Klon des Musikers Daniel in «Die Möglichkeit einer Insel» sei. Denn am liebsten würde Houellebecq ändern, was unverrückbar feststeht, wie er auch in seinen neuen Gedichten konstatiert: «Rien dans la vie n'est réparable/Rien ne subsiste après la mort.» (Nichts im Leben ist wiederherstellbar/ Nichts überdauert den Tod)

Der Dichter Houellebecq setzt seine philosophische Alltagsprosa in streng komponierte Verse um, oft in Form von Alexandrinern oder Prosagedichten. Er orientiert sich an den – unvergänglichen? – Klassikern wie Mallarmé, Baudelaire oder Verlaine. Wenig bekannte Schriftsteller schreiben noch Gedichte, und wenn, dann nicht in alten Formen, bei denen man immerzu die Silben und Betonungen zählen muss. So fühlt man sich beim Lesen oft an die Schulstunde erinnert, als man im Chor mit dem Lehrer Goethe oder auch Vergil rhythmisch und laut las. Die strenge Form soll laut Houellebecq Ordnung stiften und Halt geben.

Verzicht auf Provokation

Nach dem gleichen Rezept hat Houellebecq schon vier Gedichtbände geschrieben – jetzt wird er plötzlich dafür als grosser französischer Autor gefeiert. Er ist seit einigen Jahren milder in seinem Auftreten und lässt die provozierenden Äusserungen bleiben. Sein Leid verwandelte sich früher oft in Hass auf die ganze Welt, heute zelebriert er seine eigenen Probleme. Hat man auch Mitleid? «Ihm geht es noch nicht besser», schreibt der «Figaro», bedauernd.

Seine Beliebtheit könnte aber auch einen ganz profanen Grund haben: Im Gegensatz zu anderen Berühmtheiten aus Frankreich ist er nicht ausgewandert, sondern vor einigen Jahren aus dem steuergünstigen Irland in sein Heimatland zurückgekehrt.

Erstellt: 03.05.2013, 13:52 Uhr

Houellebecq, Michel, «Configuration du rivage du Nord», Flammarion, 96 Seiten, ISBN 978-2-08-130316-4, CHF 26.90.

Configuration du rivage du Nord

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