Buchkritik

Der schmale Weg in der Familie Blocher

Judith Giovanelli-Blocher schaut auf ihr Leben zurück. Sie schreibt über ihre Befreiung von der vorgegebenen Frauenrolle – und von einem Kinderzimmerbild, das auch ihren Bruder Christoph Blocher geprägt hat.

Links der breite, rechts der schmale Weg –  das Schlafzimmerbild der Blocher-Kinder. Illustration: Ch. Reihlen (Idee) /P. Beckmann

Links der breite, rechts der schmale Weg – das Schlafzimmerbild der Blocher-Kinder. Illustration: Ch. Reihlen (Idee) /P. Beckmann

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Die zweitälteste Judith stand ­öffentlich stets im Schatten ihrer beiden jüngeren und lauteren Brüder Gerhard und Christoph. Dabei hat sich die Schriftstellerin und Sozialarbeiterin ihr Leben lang für die Schwächeren dieser Gesellschaft engagiert, leiser, linker und auch zweifelnder als die Brüder. Ihre Biografie, die sie nun anlässlich ihres 80.??Geburtstags vorlegt, ist ein Stück Frauen- und Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert. Und während die Brüder womöglich eine Spur zu viel Narzissmus ausleben, gilt bei ihr das Gegenteil: «Der Reichtum meines Lebens besteht in der Fülle der guten Wirkung, die andere auf mich ausgeübt haben», schreibt sie.

Giovanelli hat sich nach einer arbeitsamen Jugend in der typischen Mädchenrolle zur Sozialarbeiterin ausbilden lassen und war später in der Gemeindefürsorge und Frauenberatung tätig (Dietikon, Muttenz) – eine kleine Welt mit grosser Wirkung. Als ältere Tochter hatte sie in der elfköpfigen Familie der Mutter zur Hand zu gehen, war bis zur Erschöpfung in Haushalt und Garten eingespannt, wusch die Windeln der jüngeren Geschwister und spürte deren Wunsch nach Aufmerksamkeit. Der Ammoniakgeruch beim Waschen und die unerfüllbaren Erwartungen der jüngeren Geschwister begleiteten sie ihr Leben lang.

Strümpfe für die Mädchen

Als erste Vertreterin einer freieren Generation musste sie auch der Tante bei deren Befreiungsversuchen assistieren. Allein in eine Buchhandlung zu gehen, schickte sich nicht, also musste sie sie auf diesem Gang begleiten. Und während ihre Brüder vom Onkel Bücher bekamen, schenkte man ihr Strümpfe. Wer solche Zeilen liest, wird daran erinnert, wie vehement Bruder Christoph später das moderne Eherecht bekämpfte, das Frauen in der Institution Ehe gleich­berechtigte.

Man soll nicht, aber man wird dieses Buch auch auf Hinweise zum Verständnis von Bruder Christoph hin lesen. Schliesslich ist es ein Rätsel geblieben, was diesen Politiker und Unternehmer antreibt. Welcher Furor reitet ihn, dass er noch im fortgeschrittenen Alter mit seiner ganzen Energie gegen eine mit Devisen spekulierende Notenbanker­gattin und ihren Ehemann antritt, dafür notfalls auch das Recht ritzt und immer neue Darstellungen seiner Rolle gibt? Dass er Andersdenkende im politischen Establishment, dem er längst zugehört, mit solch unerbittlicher Schärfe geisselt? Sich als Opfer eines Schauprozesses sieht? Zur Finanzierung seiner Partei Banknoten im Koffer überbringen lässt? Dass es für ihn Freund oder Feind gibt, aber kaum etwas dazwischen?

Nach der Lektüre der Kindheitskapitel ist zu vermuten, dass sich dieser Politiker seit seiner Jugend auf jenem schmalen Weg wähnt, der die Kinder auf dem Wandbild ihres Schlafzimmers im Laufener Pfarrhaus so stark beeindruckte. Sie gingen daran jeden Morgen und Abend vorbei. Das Bild zeigte eine breite Strasse und einen schmalen Weg. Auf der Strasse tummelt sich eine feucht-fröhliche Gesellschaft in ausgelassener Feststimmung, dazwischen muntere Reiter – aber am Ende dieser Strasse züngeln schon die Flammen der Hölle.

Auf dem schmalen Weg gehen dagegen nur ein paar wenige mit sicherem Schritt, ihrer Wahrheit gewiss. Die Ästhetik dieser Darstellung erinnert an die Zeichnungen in den Struwwelpeter-Geschichten, ist plakativ, hochmoralisch und beängstigend zugleich.

Schwester Judiths Weg liest sich als Ringen um die Befreiung von Zwängen aus dem pietistischen Umfeld dieses ­Elternhauses. Aus jeder Zeile über die Kindheit spricht noch heute ein grosser Respekt gegenüber den Eltern, gegenüber deren Zuneigung und Strenge.

Ururgrossvater Johann Georg war als Lehrer der Krise im süddeutschen Raum entflohen und hatte in Schattenhalb bei Meiringen eine Lehrerstelle ohne Lohn angetreten, gegen ein Wohnrecht und ein bebaubares Stück Land.

Roter Faden in Giovanelli-Blochers Biografie bleibt die Befreiung aus dem traditionellen Rollenmuster der Frau am Rande der 68er-Bewegung und danach. Sie gehört zu den frühen Absolventinnen und später Dozentinnen der Schule für soziale Arbeit, sie ist eine der Pionierinnen des Paradigmenwechsels weg von der Stigmatisierung der Armut hin zum Anspruch auf ein staatlich garantiertes Existenzminimum (folgerichtig tritt sie heute auch für die Vorlage eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle ein). Ihr Blick auf die menschlichen Randexistenzen ist liebevoll und realistisch zugleich: Sie hatte zu tun mit «hilfsbedürftigen Alten», «Pflegekindern», «Langzeitarbeitslosen», «Sonderlingen» und «Originalen», «Gaunern» und «Kriminellen». Eindrücklich etwa ihre Schilderung, wie sie das Vertrauen einer Fürsorgebezügerin mit allen Anzeichen von Schizophrenie gewinnt und dafür sorgt, dass die Frau nach Jahren aus der Vormundschaft entlassen werden kann.

Verbotene Liebe

Eindrücklich auch die Ambivalenz in der Beschreibung ihrer «verbotenen» Liebe zum Marxisten Konrad Farner in den frühen 1970er-Jahren. Farner, Kunsttheoretiker und das wohl bekannteste Opfer der Kommunistenhatz im Kalten Krieg der 1950er-Jahre in der Schweiz, steht für nahezu alles, was auf dem breiten Weg sündhaft ausgelebt wird: Er liebte die Frauen, er war ein Charmeur und Geniesser zieglerschen Zuschnitts, schätzte nicht nur Heimatkunst. Nach drei Jahren starb er, Judith Blocher heiratete später den italienischen Migranten Sergio Giovanelli, dem sie in der Bio­grafie schöne Liebeszeichen setzt.

Liebe und Zuneigung zu jeder Kreatur sind ein anderer roter ­Faden in ihrer Biografie, ein dritter (schmerzlicher) ist die nie endende Befreiung von den Zwängen ihres Elternhauses: «Bei jedem Schritt der Befreiung reagierte ich mit Schuldgefühlen und Selbstbestrafung. Der Druck des Fa­milienverbands mit der Unterfütterung festgefügter religiöser Grundsätze war enorm.»

Demonstrativ im Cabriolet

Auch wenn Judith Giovanelli-Blocher politisch ganz woanders steht als die beiden prominenten Brüder (nicht als Einzige, es gab stets linke Abweichler in der Familie, etwa einen sozialdemokratischen Zweig in Basel), spricht sie von ihrem Bruder Christoph stets mit Respekt: Er verstehe als Einziger der Familie etwas von Wirtschaft, sei stets konsequent seinen eigenen Weg gegangen, könne gut erzählen und habe mit seinem später erworbenen Reichtum nie geprahlt. Einmal doch: Bei einem Familientreffen auf Mutterseite sei Christoph mit seiner Gattin demonstrativ im offenen Cabriolet vorgefahren. Das deutet die Schwester so, dass er diesem durch einen Land­verkauf zu Geld gekommenen Zweig auf Mutterseite habe zeigen wollen, dass es auch die Vaterseite zu etwas gebracht habe.

Das Wandbild im Laufener Kinderzimmer hat seine Langzeitwirkung auf die Kinder nicht verfehlt, auch wenn ­Vater Wolfram diese Darstellung stets für «zu simpel» hielt. Die Brüder Christoph und Gerhard sehen sich seit ihrer Kindheit unterwegs auf diesem schmalen Weg. Damit lässt sich ihre eine oder andere Äusserung verstehen, die sonst rätselhaft bliebe. Etwa der über jedem Kompromiss stehende «Auftrag», den Christoph Blocher laut Bruder Gerhard als einsamer Kämpfer im Berner Bundeshaus zu erfüllen hatte.

Eindringliche und oft demagogische Parolen

Auf dem Wandbild zweigen kleine Stege von der breiten Strasse nach rechts ab, darüber wäre der eine oder andere noch auf den schmalen Weg herüber­zuholen. Dazu sollen die eindringlichen und oft demagogischen Parolen und die ausholenden Handbewegungen des SVP-Wortführers dienen. Deshalb wird er sich nie aus der Politik zurückziehen, denn sie ist Mission. Es gibt für ihn keine Zeit zu schweigen.

Auch für Judith Giovanelli nicht. Sie will nicht «ihres Bruders Hüterin sein». Ihre Vorbilder sind jene, die ihr Leben für andere und für die Utopie von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit her­geben. Und ihr Lebensmotto entnimmt sie dem Korintherbrief: «Glaube, Liebe, Hoffnung» – vom Schriftsteller Ödön von Horváth in einem schönen Drama mit Leben und Widerspruch gefüllt. Darin zeigt er, dass es sich nicht ganz so einfach verhält mit dem breiten und dem schmalen Weg, weil unser und anderer Leben ein Zickzack von Irrtümern, Erkenntnissen, Freuden und Leid ist. Und die Flammen oft auch auf der Seite jener züngeln, die die Wahrheit für sich gepachtet zu haben meinen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2012, 08:24 Uhr

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