Der schreibende Manager

Alfonso Pecorelli war Manager. Dann verlor er seinen Bruder durch Krebs, reiste in die Slums von Afrika und begann, Bücher zu schreiben.

Alfonso Pecorelli hat sich daran gehalten: Er versprach einem jungen Afrikaner, einen Roman zu schreiben.

Alfonso Pecorelli hat sich daran gehalten: Er versprach einem jungen Afrikaner, einen Roman zu schreiben. Bild: Doris Fanconi

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Eine Firmenzentrale in New York, ein Spital in London, eine Forschungsstation am Nordpol, ein Dorf in Schottland und ein Slum in Afrika: Das sind die Schauplätze im Roman «Nacht ohne Morgen». Es geht um skrupellose Manager, aidskranke Kinder, den Flugzeugabsturz von Lockerbie, die Mythen der australischen Aborigines sowie Quantenphysik. Das 431 Seiten dicke Buch hat 52 Protagonisten. Geschrieben hat es Alfonso Pecorelli, 50 Jahre alt, in der Nähe von Neapel geboren und in Basel aufgewachsen, Berater bei einer grossen amerikanischen IT-Firma in Zürich.

Vor zehn Jahren war er Topmanager bei einer anderen grossen amerikanischen IT-Firma. Dann rief ihn Weihnachten 2002 sein Bruder aus Australien an: Er habe Krebs. Alfonso Pecorelli bat im Betrieb um eine Auszeit. Der Chef lehnte ab: Das Anliegen weise auf eine «emotionale Instabilität» Pecorellis hin. Der kündete. Und kümmerte sich ein Jahr lang, bis zu dessen Tod, um seinen Bruder.

Die Läuterung

Nach der Beerdigung reiste Pecorelli nach Schwarzafrika. Was er in den Slums, die er dort besuchte, erlebte, raubte ihm zu Beginn den Atem – und beinahe den Verstand. Ein junger Nachtwächter beschwor ihn, ein Buch über seinen Slum zu schreiben, um die Menschen in der Ersten Welt aufzurütteln. Das bringe nichts, sagte Pecorelli. Doch der Junge bestürmte ihn so lange, bis er dem Schweizer ein Versprechen abgerungen hatte. Noch in Afrika skizzierte Pecorelli die Handlung in seinem Notizbuch. Nach der Heimkehr schrieb er seinen ersten Roman. Er hiess «Kathleen».

Kathleen O’Hara, die Hauptfigur, arbeitet als Topmanagerin in New York. Sie entlässt Menschen, wenn es der Gewinnmaximierung dient. Als bei ihr Krebs ohne Heilungschance diagnostiziert wird, erinnert sie sich an ihre Vergangenheit – vor allem an einen Meineid, mit dem sie 20?Jahre zuvor einen schottischen Arzt unschuldig ins Gefängnis gebracht hatte. Sie beschliesst, ihn um Verzeihung zu bitten. Er arbeitet in einem Slum in Afrika.

Stattliche Zahl für Schweizer Autoren

1500 Exemplare von «Kathleen» verkaufte Pecorelli. Kein grosser Erfolg, aber auch nicht ernüchternd. Der frühere Manager stieg wieder ins Berufsleben ein, schrieb daneben aber drei weitere Bücher: «Smile», einen humoristischen Ratgeber, «Das Mädchen und die magische Blume», eine Novelle, für die sich der Autor «Le petit prince» als Vorbild genommen hat, sowie «(Nicht-)Rauchen ist tödlich», eine Satire auf das Rauchverbot. Vier Jahre nachdem «Kathleen» im Zürcher WOA-Verlag erschienen war, beschloss Pecorelli, das Buch von Grund auf zu überarbeiten. Im Dezember ist «Nacht ohne Morgen» erschienen. Bis jetzt hat sich der Roman 3500-mal verkauft; eine stattliche Zahl für ein Buch eines Schweizer Autors.

Die Kälte der Manager

Die Handlung entwickelt sich rasant, die Kapitel sind am Ende mit Cliffhangern versehen, die verschiedenen Stränge finden am Schluss zueinander. Bei vielem merkt man: Pecorelli weiss, wovon er schreibt. Und doch wirkt einiges zu dick aufgetragen. Die Manager zum Beispiel sind zu Beginn von einer Kälte, dass sie schon fast zum Klischee erstarren. Doch Pecorelli beteuert, nicht zu übertreiben. «Es ist einfach Tatsache, dass bei den meisten die Gewinnmaximierung das oberste Credo ist.»

Verteufeln will er dies aber auf keinen Fall. Schliesslich ist er selbst wieder Teil des Systems. Pecorelli berät Unternehmen in IT-Fragen. Dafür reist er um die ganze Welt. Während der Flüge arbeitet er. An seinem nächsten Roman.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2011, 14:18 Uhr

Das Buch

Alfonso Pecorelli, «Nacht ohne Morgen», WOA-Verlag Zürich, ca. 26 Franken

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