Der weisse Wal (2)

Watsky erinnert sich an seine Pleite als Konzertveranstalter. Folge 25 der Storys von US-Autor George Watsky – vorab bei uns.

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Mein Ludacris-Konzert lag schon über zehn Jahre zurück, ein Jahrzehnt voller Fehlstarts und kaum merklicher Fortschritte.

In der Highschoolzeit hatte ich hin und wieder alberne kleine Songs aufgenommen, aber wirklich ernst nahm ich die Musik erst seit dem Sommer vor dem College, seit den Kellersessions mit meinem Cousin Eli und dessen Freund Cameron im Sunset District. Eli und ich waren im Herbst 1986 mit einem Monat Abstand auf die Welt gekommen, unsere Mütter waren die beiden Töchter von Clem Miller. Beide heirateten sie Juden, liessen sich in San Francisco nieder und fuhren uns im Sommer mit ihren Volvo-Kombis ins Jazz-Camp.

Unsere ersten Aufnahmen machten wir unter dem Namen Mystery Funk Quartet, die Jazz-Hip-Hop-Songs jenes Sommers ergaben am Ende ein Album mit dem Titel Invisible Inc., das wir selbst veröffentlichten.

So peinlich es heute für mich wäre, diese Musik vor Publikum zu spielen, so überzeugt war ich damals von ihrer Qualität, und wir traten so oft wie möglich auf, bei Pop-up-Shows in Kunstgalerien oder auf Kellerpartys. Die überbordende Resonanz, die ich für all unsere Mühen erwartet hatte, blieb jedoch aus, und so beschloss ich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Meine zweifelhafte Karriere als Unternehmer begann mit dem Versuch, die von Bill Graham hinterlassene Lücke zu füllen. Wenn kein Konzertpromoter uns als Opening Act buchen wollte, dann würde ich eben selbst den Konzertpromoter geben. Zusammen mit meinem Freund Marcus handelte ich Mietgebühren bei Clubs in San Francisco aus und holte Angebote möglicher Headliner ein. Nachdem vier verschiedene Bands meinen Mangel an Professionalität gewittert und einen Rückzieher gemacht hatten, engagierte ich schliesslich einen schon etwas in die Jahre gekommenen Freestyler namens MC Supernatural und überzeugte den Vater meines Freundes Tim, seines Zeichens Manager einer Versicherungsfirma, die Miete für das Slim’s vorzustrecken.

Ich brütete über den Zahlen und rechnete aus, wie viele Tickets wir absetzen mussten, um die Kosten zu decken. Wir schafften es zwar tatsächlich irgendwie, alle Tickets zu verkaufen, ich hatte jedoch den im Konzertbusiness wichtigsten Faktor in meiner Kalkulation vergessen: den Alkoholabsatz.

Mein Vertrag mit dem Slim’s beinhaltete eine Umsatzgarantie für die Bar in Höhe von viertausend Dollar, und da wir den Saal mit minderjährigen Kids vollgestopft hatten, die sich schon vor der Show im Keller ihrer Eltern die Kante gegeben hatten, verlor ich jeden einzelnen Penny meines Darlehens.

Viertausend Dollar – das war in dieser Phase meines Lebens ein bodenloser Schuldenkrater. Mein offizieller Rücktritt als Konzertpromoter ging in nur einem Tag über die Bühne, um Tims Vater sein Geld zurückzuzahlen, brauchte ich jedoch zwei Jahre. Nachdem ich mich ein paar Tage in Selbstmitleid gesuhlt hatte, kehrte ich ans Reissbrett zurück und schmiedete neue Pläne.

Ich verschleuderte meine dürftigen Ersparnisse für Gastauftritte bekannter Rapper, überteuerte Keyboards, Mikrofone und Tontechniker, doch nichts davon hatte den erwünschten Effekt. Ich arbeitete hart, um den ersten Schritt auf dem Weg zum Erfolg zu meistern: den Misserfolg. Wer behauptet, ein Schritt vorwärts und zwei zurück würden einen nirgends hinführen, dem halte ich entgegen: wenn man rückwärtsgeht, sehr wohl.

Der gleiche selbstbewusste Impetus, der für mein Slim’s-Debakel verantwortlich gewesen war, führte Nils und mich nach Torrance und zum Wal. Es hat mir nie eingeleuchtet, warum man Geld an Zwischenhändler verschwenden soll. Wozu mieten, wenn man mit seinem Kapital auch kaufen kann?

Die übliche Antwort, «um das Risiko zu begrenzen», ein Grundprinzip der Betriebswirtschaft, hat mich nie wirklich überzeugt. Nein, dieser Econoline mit den handgefertigten Getränkehaltern war nicht billig, aber wenn man an die Jahre – vielleicht Jahrzehnte! – ertragreicher Tourneen dachte, die vor uns lagen, würde sich die Investition schnell auszahlen. Der Fall schien also klar.

Wir liessen einen Mechaniker in Torrance den Bus kontrollieren. Er fand keine Schäden, fragte uns aber, was wir damit vorhätten.

«Also, nur damit Sie Bescheid wissen, der ist nicht dafür geeignet, schwere Lasten durchs Land zu transportieren», erklärte er uns. «Eher was für kurze Strecken in der Stadt.»

«So was muss der sagen», versicherte ich Nils, als wir die Werkstatt verliessen. «Der will sich bloss absichern.»

Da der Wal eine Schrottkiste war, liess sich nicht sagen, worin sein ursprünglicher Zweck bestanden hatte, welche tödlichen Mängel er barg, wie viele Leben schon hinter ihm lagen und was für Geschichten und Gespenster er bereithielt. Hätte Eva je die übernatürlichen Schwingungen in diesem Bus gemessen, wäre es vermutlich gewesen, wie wenn man mit einer Schwarzlichtlampe das Bett eines männlichen Teenagers untersucht.

Es gab zweifellos «bessere» Busse auf dem Markt. Busse mit Schlafkojen und Toiletten und sogar Duschen. Busse, die nicht ausgeweidet und wieder neu zusammengeschraubt worden waren. Busse mit lückenlosem Fahrzeughalternachweis. Busse, die man auch wirklich so nennen konnte. Aber eben nicht in unserer Preisklasse.

Eva freute sich, als wir erklärten, dass wir den Kauf abschliessen wollten. Neben dem verzweifelten Wunsch, den Bus loszuwerden, merkte man ihr aber auch Trauer über den bevorstehenden Verlust an. Sie verhökerte immerhin das letzte Stück eines Traums. Ich war jedoch zuversichtlich, dass Eva und Tom sich wieder berappeln würden. Mit ihrem grundlosen Optimismus konnte ich mich gut identifizieren. Sie waren Unternehmer, genau wie ich, und Eva hatte auch schon ein neues Projekt: Audiopornos.

«Pornos sind so auf das Optische fixiert», erklärte sie uns. «Aber was ist mit Leuten, die beim Autofahren geil werden? Oder Blinden? Wer macht Pornos für Blinde?» «Keine Ahnung», gab ich zu. Na Eva natürlich! Tatsächlich hatte sie mit ihrem Mann bereits ein Demo aufgenommen und überreichte uns zusammen mit den Busschlüsseln eine Gratis-CD mit Hörbeispielen.

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Erstellt: 14.08.2017, 23:27 Uhr

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Buch

George Watsky: Wie man es vermasselt. Diogenes, Zürich 2017. Aus dem Englischen von Jenny Merling. 336 S., ca. 30 Fr. Erscheint am 23. August 2017.

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