Despot mit Stil

Eine opulente Biografie beleuchtet den jugoslawischen Führer Josip Broz Tito – als Revolutionär, Partisan, Lieblingsdiktator und Schürzenjäger.

Tito inszenierte einen intensiven Kult um seine Person: Der jugoslawische Präsident spricht am 19. November 1953 in Belgrad vor 200'000 Menschen. Foto: Keystone

Tito inszenierte einen intensiven Kult um seine Person: Der jugoslawische Präsident spricht am 19. November 1953 in Belgrad vor 200'000 Menschen. Foto: Keystone

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Tito ist tot. Die Nachricht vom 4. Mai 1980 kam nicht ganz überraschend: Die Menschen im damaligen Jugoslawien waren von der Kommunistischen Partei vorsichtshalber informiert worden, dass die Ärzte dem 87-jährigen Staatsgründer ein Bein abnehmen mussten – wegen mangelnder Durchblutung. Als am Abend die jugoslawischen Medien die Meldung vom Tode Titos verbreiteten, brachen Fussballspieler in der Adriastadt Split in Tränen aus, und sie sangen, zusammen mit Zuschauern, das alte Kampflied: «Genosse Tito, wir geloben Dir, nie von Deinem Wege abzuweichen.» Mit einem Sonderzug wurde die Leiche von Ljubljana über Zagreb nach Belgrad gebracht, damals die Hauptstadt des Vielvölkerstaates Jugoslawien. Bauern, Fabrikarbeiter, Schüler, Akademiker – alle standen entlang der Eisenbahnlinie, um Abschied zu nehmen.

Als der «grösste Sohn» der jugoslawischen Völker am 8. Mai 1980 in Belgrad im Haus der Blumen beigesetzt wurde, kamen 4 Könige, 5 Prinzen, 31 Staats­präsidenten, 22 Premierminister und 47 Aussenminister aus aller Welt. Es war eine der grössten Trauerfeiern der ­Geschichte. Als Kind stand man da vor dem Fernseher und bestaunte Militäruniformen, afrikanische Gewänder, westliche Anzugsträger, sowjetische Kommunistenführer mit grauen Mänteln, Yassir Arafat mit Palästinensertuch.

Vieles ist über Tito bekannt, und seit dem blutigen Zerfall Jugoslawiens haben zahlreiche Publizisten ihn mit frag­würdigen Werken entweder total verklärt oder total verteufelt. Nicht so der slowenische Historiker Joze Pirjevec: Er hat während rund 30 Jahren vermutlich alles gelesen, was über Tito geschrieben wurde, er hat Archive auf der ganzen Welt durchsucht, private Notizen aus­gewertet und mit Zeitgenossen gesprochen. Das Ergebnis dieser Obsession ist ein 700 Seiten starkes Buch, das Titos mehrere Leben beleuchtet – als Revolutionär, Partisan, Lieblingsdiktator und Schürzenjäger. Das Werk hat sich seit 2011 von Slowenien über Kroatien und Serbien bis Montenegro zum Bestseller entwickelt. Nun liegt es auf Deutsch vor – in einer kundigen Übersetzung von Klaus Detlef Olof, die vom Verlag leider nicht ganz sorgfältig lektoriert wurde.

Konspiratives Talent

Den Aufstieg Titos vom Untertanen der Habsburgmonarchie zum kommunistischen Revolutionär beschreibt Pirjevec in allen Facetten und Details, was die Lektüre anfangs etwas ermüdend macht. Josip Broz, wie er bürgerlich hiess, wurde 1892 in Kumrovec in einer slowenisch-kroatischen Familie geboren, lernte eher zufällig den Beruf des Schlossers, zog in den Krieg für die Doppelmonarchie und entdeckte den Kommunismus in der russischen Gefangenschaft.

Nach seiner Freilassung kehrte er nach Jugoslawien zurück, um den Wider­stand gegen die serbisch dominierte Königsdiktatur zu organisieren. Sein konspiratives Talent bleibt legendär: Er benutzte etwa 30 Pseudonyme, bewegte sich getarnt als eleganter österreichischer Tourist, reiste mit einem gefälschten Pass, färbte die Haare schwarz, um der Geheimpolizei nicht ins Netz zu gehen. Schon in den 30er-Jahren zeigte Broz seine Führungsqualitäten und gab Moskau deutliche Signale, dass er keine sowjetische Marionette bleiben wolle.

Tagesschau 5. Mai 1980. Quelle: Youtube

Richtig spannend wird das Buch erst später, wenn Pirjevec die Rolle Titos als Partisanenführer im Zweiten Weltkrieg beschreibt. Obwohl er keine nennenswerte militärische Ausbildung hatte, konnte Tito in kurzer Zeit eine schlagkräftige Widerstandsbewegung gegen die Nazis organisieren, weil er vor allem ehemalige Spanienkämpfer an die Spitze seiner Divisionen setzte. Und weil er geschickt mit den Grossmächten jonglierte: Gegenüber Stalin gab er sich als treuer Kommunist aus, Churchill versprach Tito, er wolle keineswegs ein kommunistisches Regime in Jugoslawien errichten. Trotz mehreren Versuchen («Operation Schwarz», «Operation Weiss», «Operation Rösselsprung») gelang es Hitler nicht, Tito zu verhaften oder gar zu töten. Mit seinen Partisanen zog er sich vor allem in die fast unzugänglichen bosnischen Berge zurück und fügte den Deutschen empfindliche Niederlagen zu. SS-Reichsführer Heinrich Himmler musste einräumen: «Er ist unser Feind, aber ich wünsche, dass wir ein Dutzend solcher Titos in Deutschland hätten. Er steht auf der Seite der Russen, der Engländer und der Amerikaner, aber er hat den Mut, sie zu verspotten und die Engländer und Amerikaner aufs Peinlichste zu erniedrigen.»

Wie alle Despoten war auch Tito nicht bereit, demo­kratische Entwicklungen zuzulassen.

Pirjevec hat nicht nur eine Biografie Titos geschrieben, sondern auch den Lebensweg seiner engsten Vertrauten skizziert. Im Original heisst das Buch darum: «Tito und Genossen.» Mit dem Chefideologen Edvard Kardelj aus Slowenien, dem scharfsinnigen Schriftsteller Milovan Djilas aus Montenegro und dem Folterer Aleksandar Rankovic aus Serbien gründete er das neue, sozialistische Jugoslawien. Vor allem in den ersten 20 Jahren seiner Herrschaft ging Tito brutal gegen Kollaborateure vor, demontierte die meisten Gegner in der KP, Andersdenkende verschwanden auf der Gefängnisinsel Goli Otok. Pirjevec erwähnt auch dieses dunkle Kapitel, das von ­vielen Jugo-Nostalgikern bis heute gern verschwiegen oder verharmlost wird.

Dass Tito im Westen als Lieblings­diktator mit offenen Armen empfangen wurde, hatte mit seiner Politik gegenüber der Sowjetunion zu tun: 1948 bot er Stalin die Stirn und beharrte auf der Unabhängigkeit Jugoslawiens. Pirjevec lässt seine Sympathie für diese Haltung klar durchblicken. Und er zitiert eine angebliche Botschaft Titos an Stalin: «Hör auf damit, all diese Attentäter auf mich zu hetzen. Wir haben bereits fünf von ihnen erwischt, einen mit einer Bombe, einen anderen mit einem Gewehr. Wenn du nicht damit aufhörst, werde ich dir einen nach Moskau schicken müssen, und ein zweiter wird nicht nötig sein.»

Jugoslawiens Ende eingeleitet

Als Gründer der blockfreien Bewegung konnte Tito auf der politischen Weltbühne eine Rolle spielen. Zu Hause gelang es ihm, mit dem Selbstverwaltungssozialismus einen relativ modernen Staat zu gründen, aber wie alle Despoten war auch Tito nicht bereit, demo­kratische Entwicklungen zuzulassen. Anfang der 70er-Jahre entmachtete er die liberalen Kommunisten in Zagreb und Belgrad – für Pirjevec der Anfang vom Ende Jugoslawiens. Der Historiker ist überzeugt, dass sich schon da die Auflösung des Landes abzeichnete. Als Tito starb, hatte der Vielvölkerstaat über 20 Milliarden Dollar Auslandsschulden.

Pirjevec beschreibt Tito als Despoten mit Stil, der in fast vulgärem Luxus lebte, auf der Adria-Insel Brioni mit Sophia Loren Pasta kochte, Liz Taylor, Gina Lollobrigida und Richard Burton bewirtete und beinahe die ganze Welt bereiste. Sein Hunger beim Essen und Trinken, in Liebe und Feindschaft sei grenzenlos gewesen, schreibt der Biograf zu Recht. Titos letzte, sehr machthungrige Frau Jovanka Budisavljevic sagte, er habe die Frauen mehr als Süleyman der Prächtige geliebt. Dem jugoslawischen Schürzenjäger werden vier Ehen und unzählige Affären nachgesagt.

All diese Details seien aber «einfach zu viel», befand eine slowenische Zeitschrift. Eine etwas schlankere Ausgabe wäre vermutlich bei den Lesern im deutschsprachigen Raum besser angekommen.

Joze Pirjevec: Tito. Die Biografie. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Kunstmann-Verlag, München. 720 S., ca. 52 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2016, 01:23 Uhr

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