Kritik

Die Alpha-Zicken

Starke Frauen kriegen keine bindungswilligen Männer, heisst es oft. Stimmt nicht, schreibt die «Mad Men»-Autorin Tracy McMillan. Das Problem sei nicht Stärke, sondern Rechthaberei und Kontrollsucht.

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Es ist eine Kunst, mit einem einzigen Artikel alle gegen sich aufzubringen – die Feministinnen, die verzweifelten Singles, die Karrierefrauen, aber auch die Männer, die Machos, die emanzipierten Softies, die Intellektuellen, die Frustrierten. Genau das gelang der amerikanischen Autorin Tracy McMillan mit einem Blog-Artikel in der «Huffington Post» unter dem harmlosen Titel: «Why you’re not married.»

Impulsiv, selbstsüchtig, oberflächlich

Der Artikel löste Tausende von Kommentaren aus und gehörte zu den am meisten diskutierten Stücken der vergangenen Jahre. Es folgten zahlreiche Repliken in anderen Blättern und schliesslich arbeitete McMillan den Artikel zu einem Buch aus, das nun auf Deutsch unter dem Titel «Ausgezickt – So bleibt er für immer» erschienen ist. Und womit schaffte es McMillan, die Leser so auf die Palme zu bringen? Indem sie die Frage zu beantworten versuchte, warum so viele attraktive, gebildete, erfolgreiche, bindungswillige Frauen vergebens einen Mann suchen, mit dem sie eine Beziehung eingehen oder eine Familie gründen können. Es ist das bekannte Lamento, der Kater der Emanzipation, dass sich gerade Akademikerinnen schwer tun, einen Mann zu finden. McMillans Antwort ist vernichtend: Warum solche Frauen keinen Mann finden? Vielleicht, weil sie Zicken sind, Schlampen, Lügnerinnen, oberflächlich, impulsiv, selbstsüchtig, weil sie sich selbst nicht mögen oder sich benehmen wie Kerle. Autsch.

In dieser Zuspitzung tönt das haarsträubend, was durchaus beabsichtigt ist. Als Drehbuchautorin, unter anderem für die Serie «Mad Men», versteht sich McMillan auf pointierte Formulierungen. Die Aufzählung mag in ihrer Kürze den Eindruck erwecken, als biedere sich die Autorin mit dem konservativen Weltbild unverbesserlicher Antifeministen an. Aber das ist ein Fehlschluss. Bei der Beantwortung der Frage, warum gerade kluge Frauen sich in Beziehungsdingen oft unklug verhalten, bekommen auch die Männer ihr Fett weg. Und im Kern geht es McMillan auch nicht um eine Genderdiskussion. Sondern um das Problem, dass sich viele Menschen nach einer stabilen Beziehung sehnen und dennoch schwer damit tun, sich tatsächlich auf etwas einzulassen. McMillan gibt ein paar überraschende Antworten. Vor allem aber scheut sie sich nicht, auch die dunklen Seiten auszuleuchten, dort hinzuschauen, wo die Emanzipation mit dem Liebesleben, wo Machtanspruch mit Angst und Verletzlichkeit kollidieren. Denn wer eine Beziehung eingeht, gibt dem Partner Macht über sich. Wer dazu nicht bereit ist, wird immer wieder scheitern.

Berichterstattung von der Geschlechterfront

McMillan richtet sich an Frauen, die sich für smart, grossartig und einschüchternd halten und denken, dass sie deshalb keinen Mann finden, weil die Männer sich von ihrer Stärke abgeschreckt fühlten. Stärke, so sagt sie, sei nicht das eigentliche Problem, denn viele Männer wünschen sich eine starke Frau. Aber oft neige gerade dieser Typ Frau zu Rechthaberei, kontrollierendem und manipulativem Verhalten. Kurz, sie sind Zicken. Das tönt dann etwa so: «Eine Zicke fühlt sich überlegen, verdreht die Augen, ohne es zu merken, und ist um den Mund immer angespannt. Sie strahlt etwas aus, das den Menschen ein wenig Angst macht.» Das sei aber nicht unbedingt eine Charaktereigenschaft, sondern eine Energie, welche sich für gewisse Ziele sehr gut nutzen lässt. Allerdings gehe es vielen Frauen dabei wie dem Zauberlehrling – bald werden sie von dieser Energie selber beherrscht und machen sich so unmöglich für allfällige Beziehungskandidaten. Oder wie McMillan schreibt: «Denn wie grossartig eine Frau auch sein mag - niemand will den Rest seines Lebens in der Schusslinie verbringen.»

Vieles, was McMillans sagt, tönt für emanzipierte Ohren höchst provokativ. Etwa, dass man noch so attraktiv, sexy, stark, klug, dynamisch sein kann und trotzdem scheitert, wenn man nicht auch nett ist zu einem Mann. Dass sogenannt starke Frauen sich nicht nur auf seine Schwächen konzentrieren und darauf verzichten sollen, immer recht haben zu wollen. Dass Frauen Männer oft als Dienstleister verstehen, die dazu da sind Kinder zu zeugen und für den Lebensunterhalt zu sorgen. Man kann McMillan vieles vorwerfen und in der Kontroverse um ihren Artikel geschah das auch: dass sie Frauen einrede, einen Kerl zu angeln, sei das Wichtigste im Leben, dass sie einmal mehr nur den Frauen die Verantwortung für ein funktionierendes Beziehungsleben zuschiebt, dass sie damit alte Stereotypen zubetoniert. Und vor allem, dass die Autorin, die dreimal verheiratet war, hauptsächlich über sich selbst schreibt. Man kann das Buch aber auch anders lesen, nämlich als eine Art Berichterstattung von der Geschlechterfront, bei der man selber entscheiden kann, ob man sich davon betroffen fühlt oder nicht, und die jenen, die sich angesprochen fühlen, Mittel an die Hand gibt, die Auseinandersetzung friedlich zu lösen.

Erstellt: 27.09.2012, 15:39 Uhr

Tracy McMillan, «Ausgezickt! So bleibt er für immer», Mosaik, 280 Seiten, ISBN 978-3-442-39231-5, CHF 23.90.

Ausgezickt! So bleibt er für immer

Das Buch

Tracy McMillan: «Ausgezickt - So bleibt er für immer. Schluss mit den 10 Kardinalfehlern moderner Frauen.» Mosaikverlag, 287 Seiten.

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