«Die Alternative zu Multikulti ist Krieg»

Der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer über die Europäische Union, Thilo Sarrazin und ausländerfeindliche Bewegungen in der Schweiz.

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Herr Kaminer, Sie leben nun schon seit über 20 Jahren in Berlin, und trotzdem schreiben Sie in Ihrem neuen Buch «Liebesgrüsse aus Deutschland» wieder von Entdeckungen. Gibt es für Sie immer noch Neues zu sehen?
Ich wundere mich selber darüber. Aber ich glaube, das ist eine Frage der Neugier.

Welche Entdeckung überraschte Sie am meisten?
Für dieses Buch war ich zum Beispiel im Kletterwald, wo ich wie ein Würstchen hängenblieb und gleichzeitig unglaublich viele kletterwütige Frührentner kennenlernte. Die absolvierten den Parcours mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als wären sie auf den Bäumen geboren worden.

Wie bewahren Sie sich Ihren verwunderten Blick?
Das kommt daher, dass ich ein Mann der Fragen und nicht der Antworten bin. Ich habe das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft sehr viele Menschen vorgefertigte Antworten haben auf Fragen, die sie sich nicht einmal gestellt haben.

Spielen Sie mit dem Buchtitel auch auf den James-Bond-Film «Liebesgrüsse aus Moskau» an?
Ja, James Bond machte immer den Eindruck, als ob er nicht ganz von hier wäre, er war auch überall ein Ausländer. Obwohl ich schon seit 20 Jahren in Berlin bin, fühle ich mich als Ausländer – das wird ein Leben lang so sein. Das hat auch seine Vorteile. Wenn es nach mir ginge, würde ich das Ausländersein in der Schule als Pflichtfach einführen: Jeder Schüler müsste ein Semester in einem fremden Land verbringen – das schärft den Blick. Von aussen sieht man einfach besser als von innen.

Fühlen Sie sich in Deutschland integriert?
Ich glaube, dass ich selber Deutschland integriert habe.

Wann ist man integriert?
In Europa ist die Integrationspolitik nach einem falschen Muster abgelaufen. Ich weine der alten Sowjetunion keine Träne nach, aber sie vereinte friedlich Hunderte von Völkern.

Aber da war auch viel Gewalt im Spiel.
Primär wurden die Völker durch eine aufwändige Kulturpolitik zusammengehalten, die meines Erachtens in Europa fehlt. Man hat in der Sowjetunion die Musiker und Dichter jeder noch so kleinen Minderheit gefördert. Sie mussten ihren Beitrag für das ganze Land leisten.

Versuchte man nicht alle gleichförmig zu machen?
Darüber machten die Russen nur Witze. Einer geht so: Man hatte eine Rasiermaschine erfunden – einen Kasten, in den man den Kopf reinsteckt und frisiert wird. Da wunderten sich die einen: Wie geht das? Alle haben eine unterschiedliche Kopfgrösse und –form. Ja, sagt der Friseur, aber nur beim ersten Mal.

Wie viel Eigenart konnten Sie sich in Deutschland bewahren?
Ich arbeite zwar beruflich als deutscher Schriftsteller, aber privat bin ich ein Russe geblieben. Ich habe insofern meine Eigenart bewahrt.

Also haben Sie sich nicht angepasst?
Doch, ich habe hier viel gelernt. Ich kann hier mit den Einheimischen an der Gestaltung meiner Strasse, meines Bezirks, meiner Stadt teilnehmen – ich bin ein politisch engagierter Mensch geworden. Diese Lust am Umbau fehlt meinen Landsleuten so sehr: In Russland halten sich die Menschen nach Möglichkeit aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben raus. Weil sie schon mehrfach enttäuscht wurden, glauben sie, dass sie in ihren Küchen einen kleinen Lebensentwurf verwirklichen können und tun so, als würde sie das Leben da draussen nichts angehen. Aber das funktioniert nicht.

In der Schweiz kann die Bevölkerung viel mitentscheiden.
Es ist sehr gut, wenn alle Menschen an der Organisation ihres Lebens teilnehmen können.

Aber die Schweizer Bevölkerung entscheidet sich mehrheitlich immer mehr für die Abschottung und nicht für eine offene Gesellschaft, wie Sie das erwarten.
Kurzfristig gesehen ist es von Vorteil, alle Grenzen zu schliessen, Ausländer rauszuwerfen, sich der Schwachen zu entledigen und als kleine Runde von Starken unter sich zu bleiben. Doch den ausländerfeindlichen Bewegungen wird es auf Dauer nicht gelingen, die Oberhand zu behalten. Spätestens ihre Kinder werden einsehen, dass nur eine offene Gesellschaft überlebensfähig ist. Denn nur, wenn sich unterschiedliche Menschen einbringen, bleibt die Gesellschaft intakt. Natürlich muss die Mischung stimmen, aber im Grunde genommen lebt jede erfolgreiche Gesellschaft von Gegensätzen.

Was auch Konflikte in sich birgt.
Natürlich bringt das Stress, aber Stress bringt Farbe. Und das ist gleichzeitig eine gegenseitige Bereicherung. Gerade eine dekadente, verweichlichte Gesellschaft braucht Menschen, die neue Ziele haben und an einem fremden Ort Neues anstreben.

Sind Sie in einer Partei?
Nein, denn ich glaube, dass man mit Bürgerinitiativen mehr erreichen kann als mit einer Partei. Die individuellen Probleme, die heute die Menschen umtreiben, sind mit Parteiprogrammen nicht mehr zu lösen. Die Zeiten, in denen die Parteien eine bestimmte Schicht vertraten, sind vorüber.

Aber verlieren die Menschen, die sich im Kleinen engagieren, nicht den Blick für das Ganze?
Was ist das Ganze? Der Bezirk? Das Land? Die EU? Dadurch, dass ich ursprünglich aus einem grossen Imperium komme, bin ich immer für Zusammenschlüsse. Ich mag es, wenn viele Individuen gemeinsame Interessen finden. Deshalb bin ich auch ein Befürworter der europäischen Union.

Die ist nun aber nicht im besten Zustand.
Natürlich ist es peinlich zu sehen, wie die EU schon bei den ersten Problemen zu zerfallen droht. Doch wenn man jetzt aufgibt ist das so, wie wenn man sagt, dass Multikulti gescheitert ist. Dabei ist Multikulti nichts anderes als friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen. Wie soll das scheitern? Es gibt doch keine Alternative zu einem solchen Leben, ausser Krieg. Und den will ja keiner.

Ist die Sprachvielfalt nicht auch als eines der Probleme Europas zu sehen? Ein Tscheche kann einen Griechen doch kaum verstehen.
Ach, in Europa sprechen doch alle ein bisschen Englisch – darauf müsste man sich einigen.

Sie haben sich sprachlich angepasst und schreiben in der Sprache Ihrer neuen Heimat. Ist das letztlich das Geheimnis, weshalb Sie in der neuen Heimat so sehr geliebt werden?
Ja sicher, wenn ich auf Russisch geschrieben hätte, dann hätte mich hier kein Schwein gelesen. Da gebe ich Ihnen schon recht. Aber die Schwierigkeit, Sprachen zu lernen ist nicht allzu hoch: Meine Kinder gehen beide auf ein Sprachgymnasium – die können mindest drei bis vier Sprachen. Das war kein Ziel, sondern ist nebenbei entstanden. Man muss einfach mehr miteinander sprechen.

An wen richten Sie Ihre «Liebesbriefe aus Deutschland»?
Ich wollte mit dem Buch ein Zeichen setzen – in einer Zeit, in der Deutschland durch innere Konflikte zwischen Links und Rechts zerrieben wird. In einer Zeit, in der Sarrazin ein Buch schreibt «Deutschland schafft sich ab». Da musste ich als ein Teil dieser Einwanderer, als ein Teil des neuen Deutschlands «Liebesgrüsse aus Deutschland» schreiben. Für mich ist dieses Buch Hoffnung. Alles, was früher an meiner Heimat Russland, der damaligen Sowjetunion, gut war, das erhoffe ich mir für das Europa der Gegenwart.

Verstehen Sie sich als Gegenpol zu Thilo Sarrazin?
Ja, bestimmt. Denn ich glaube, dass nur ein Land, das zur Veränderung fähig ist, auf Dauer Bestand hat.

Erstellt: 29.08.2011, 13:36 Uhr

Wladimir Kaminer: «Liebesgrüsse aus Deutschland», Manhattan-Verlag, ISBN: 978-3-442-54657-2

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