«Die Bibel dient mir als Inspiration»

Zombies, Hexer, Geister: Mit seinen Gruselromanen erreicht Jason Dark seit 40 Jahren Hunderte Millionen Leser. Im Interview spricht der Deutsche über Goethe, dämonische Raben in Pontresina und sein Einkommen.

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Herr Rellergerd, Sie waren eben an der Leipziger Buchmesse. Hatten Sie Kontakt mit Literaten und Feuilletonisten?
Nein, dafür hatte ich keine Zeit. Wenn ich an solchen Messen auftrete, spricht sich das rum und ich muss den ganzen Tag Autogramme geben. Ausserdem gab es eine Feier für mich auf einem Friedhof.

2000 Sinclair-Romane haben Sie geschrieben. Sie sind jetzt 70. Wann ist Schluss?
Solange ich Leser habe und nicht vertrottle, mache ich weiter. Was soll ich sonst machen? Ich kann ja nichts anderes.

Sie könnten ganz aufhören. Geld haben Sie sicher genug verdient.
Schön wärs. Ich kriege nur 1400 Euro für ein Heft. Aber das ist okay. Ich schreibe in erster Linie für mich.

Wie lange schreiben Sie an einer Geschichte?
Ein paar Tage. Wichtig ist, dass der erste Satz sitzt. Heute habe ich zum Beispiel geschrieben: «Jemand war hinter mir her.» Danach ging es wie von alleine.

Sehen Sie sich selbst als Künstler oder Unterhalter?
Ich sehe mich als kreativen Beamten. Ich stehe morgens um acht auf und schreibe bis 12 Uhr auf meiner Schreibmaschine. Ich bin ein fauler Mensch. Deshalb muss das Schreiben am Morgen erledigt sein. So kann ich am Nachmittag tun, was ich möchte.

Würden Sie, wenn Sie nochmals von vorne anfangen könnten, wieder Gruselromane schreiben?
Ja, obwohl ich eigentlich Journalist werden wollte. Mein Vater verbot mir das allerdings. Also lernte ich Chemietechniker.

Wie kamen Sie trotzdem zum Schreiben?
Ich bin in den 50er-Jahren ohne Fernsehen aufgewachsen und habe viel gelesen. Von Goethe bis Jerry Cotton. Meistens war ich mit dem Ende nicht zufrieden, dann hab ich die Texte einfach weitergeschrieben.

Inzwischen gelten Sie als «Jerry Cotton mit Vampiren». Hätte aus Ihnen auch der zweite Goethe werden können?
Um Gottes Willen. Das hätte doch keiner lesen wollen. Wenn ich wie Uwe Tellkamp schreiben würde, empfänden das meine Leser als Zumutung. Bei dem erstreckt sich der erste Satz ja über eine ganze Seite! Ich wollte immer etwas mit Action machen. So was wie die Edgar-Wallace-Filme in den 60ern.

Sahen Sie Ihre Romane damals als rebellischen Akt? Unterhaltungsliteratur als Schock für die Literaturszene?
Nein, daran habe ich nie gedacht. Ich habe nichts gegen Intellektuelle. Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» hat mir sehr gut gefallen.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ich habe ungefähr 180'000 Leserbriefe zu Hause. 60 Prozent erhielt ich von Frauen. Oft loben die den Humor in den Romanen. Und dass ich auf explizite Gewalt verzichte. Auch aus Krankenhäusern erhalte ich viele Zuschriften: «Ihre Bücher machen mir Mut.» Das Unheimliche gefällt den meisten natürlich auch.

Glauben Sie an Geister?
Nein.

John Sinclair bekämpft das Böse mit einem Kreuz. Sind Sie religiös?
Ich bin katholisch, gehe aber nicht jeden Sonntag in die Kirche. Die Bibel dient mir eher als Inspiration. Die Bundeslade etwa hat mich zu einer siebenteiligen Romanserie inspiriert. Letztlich ist es die alte Geschichte von Gut gegen Böse. Ich musste das so anlegen. Früher hiess es: Wenn du einen bestechlichen Polizeibeamten reinschreibst, werden die jungen Leser sozialethisch verwirrt.

Wünschen sich die Leser heute nicht mehr Komplexität? Antihelden?
Meine Leser nicht. Die wollen, dass Sinclair am Schluss gewinnt. Immerhin lasse ich Nebenfiguren sterben, die über Hunderte von Romanen aufgebaut wurden. Das haben die Cotton-Autoren nie gewagt.

Wie bei der TV-Serie «Game of Thrones».
Da kann ich nicht mitreden. Man hat mir kürzlich die Zombieserie «Walking Dead» empfohlen. Aber die läuft im Pay-TV, das habe ich nicht abonniert. Ich schaue lieber Arte.

Der Hochkultursender?
Ja, das bringt mich auf tolle Ideen. Berichte übers Hinterland zum Beispiel oder die Schweiz.

War Sinclair denn in der Schweiz aktiv?
Natürlich, in Pontresina, wo der Piz Corvatsch steht. Das bedeutet auf Rätoromanisch «Rabe». Also kriegt es Sinclair mit dämonischen Raben und einem einsamen Typen in einer Berghütte zu tun. Ein anderer Roman spielt in Kandersteg, beim Hexenstein.

Welches ist der beste Sinclair-Roman?
Das kann ich nicht sagen. Aber wollen Sie wissen, wer mein Lieblingsgegner ist?

Unbedingt.
Das ist die Vampirin Justine Cavallo. Die habe ich eigentlich nett gestalten wollen, aber der Jugendschutz erlaubte keine liebe Vampirin an John Sinclairs Seite. Also wurde sie zur Gegnerin, Übername: Die blonde Bestie.

Kennen Sie eigentlich das Ende von John Sinclair?
Nein, aber vielleicht kommt er besoffen aus einem Pub und fällt in einen Gulli.

Obwohl John Sinclair bei Scotland Yard arbeitet, waren Sie selbst noch nie in England. Wieso?
Ich weiss, das ist wie bei Karl May. Was soll ich sagen? Es hat sich bis jetzt nicht ergeben.

Vielleicht hatten Sie auch Angst vor einer Enttäuschung. England besteht ja nicht nur aus nebligen Mooren und Zombies.
Nein, nein. Andere Länder haben mir, um Ferien zu machen, einfach besser gefallen. Aber ich verrate Ihnen was: Im Herbst fahre ich zum ersten Mal nach England. Die Reise ist schon gebucht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2015, 11:00 Uhr

Der gelernte Chemietechniker Helmut Rellergerd (70) ist der wohl meistgelesene Autor Deutschlands. Seine John-Sinclair-Romane haben eine Gesamtauflage von 250 Millionen. Dazu kommen Übersetzungen und andere Gruselromane sowie Hörspiele. Rellergerd, der unter dem Pseudonym Jason Dark schreibt, lebt in Bergisch-Gladbach. (Bild: Olivier Favre)

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