«Die EU hat ihre Völker erniedrigt»

Mit dem Sparkurs führe Europa einen Vernichtungskrieg gegen soziale Errungenschaften, sagt Schriftstellerin Virginie Despentes im Interview.

Ohne Beschönigung, aber nicht pessimistisch: Virginie Despentes setzt auf die kommenden Generationen. Foto: «Paris Match» (Getty Images)

Ohne Beschönigung, aber nicht pessimistisch: Virginie Despentes setzt auf die kommenden Generationen. Foto: «Paris Match» (Getty Images)

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Sie haben Emmanuel Macron gewählt. Sind Sie enttäuscht?
Nein. Er wurde gewählt, weil ­viele unter uns nicht Marine Le Pen als Präsidentin wollten. Aber wir wussten, dass er der Kandidat der grossen französischen Patrons war, von der Hochfinanz unterstützt, und dass sein Programm dem seiner Vorgänger entspricht, nämlich die phänomenale systematische Bereicherung der Superreichen abzusichern – ein Programm, das eine Katastrophe für die Gesamtheit des Landes bedeutet.

Wie können die demokratischen und humanistischen Werte und die soziale Marktwirtschaft gerettet werden?
Was die Werte angeht: Das ist schon verkackt. Die Flüchtlingskrise in Europa verbietet uns, von Humanismus zu sprechen. Und die Missachtung der Stimmen des griechischen Volkes verbietet uns, noch von Demokratie zu sprechen. Da darf man sich nichts vormachen: Diese Werte wurden bereits geopfert. Die Austeritätspolitik in allen Ländern Europas wiederum ist ein Vernichtungskrieg, der alle sozialen Errungenschaften, die durch die Kämpfe der Bevölkerung im 20. Jahrhundert erreicht wurden, zerstören soll. Man will die europäischen Bevölkerungen auf das Armuts- und Elendslevel des 18. Jahrhunderts zurückfahren.

«Die Reichsten ­ertragen es nicht mehr, dass ihre Macht irgendeine Begrenzung ­erfährt.»

Meinen Sie das im Ernst?
Ja. Nie war die Klasse der Reichsten entschlossener, einen derart gewalttätigen Krieg gegen die arbeitenden Schichten zu führen. Es wirkt, als ob die Reichsten sich krass rächen wollten, als ob sie den Eindruck hätten, die letzten 50 Jahre erniedrigt worden zu sein. Und jetzt sollen wir für die letzten Jahrzehnte, als anständige Lebensbedingungen herrschten, teuer zahlen. Klar ist: Die Reichsten ertragen es nicht mehr, dass ihre Macht irgendeine Begrenzung erfährt – ökologisch, politisch oder ethisch.

Stellt die Bewegung der Gelbwesten eine Chance dar?
Es ist kompliziert. Meine Generation erlebt erstmals, dass ein Teil der Linken an der Seite der extremen Rechten demonstriert. Endlich verschaffen sich die Landbevölkerung, das Prekariat und die geopferte Mittelschicht Gehör. Aber Sorge macht, dass die extreme Rechte seit 15 Jahren enge Bande zu Hochfinanz, Polizei und hohen Funktionären pflegt. Die Linke hat kein vergleichbares Netz, und die Rechte ist bereit, die Macht an sich zu reissen. Man erinnert sich, dass sich das französische Grossbürgertum 1936 entschied, Hitler zu unterstützen; und es sieht aus, als würde es wieder so wählen. Die Börse kann sich mit repressiven Regimes der extremen Rechten arrangieren, während sie die Restriktionen, die ihr die Linke auferlegen würde, nicht erträgt. Die Gesellschaft kann nicht zugleich rassistischer, nationalistischer und gerechter werden. Es wird am Ende das eine oder das andere sein.

Wieso waren die Aufstände von Occupy Wall Street folgenlos?
Die Jungen werden mit einer imaginären Schuldenlast geboren. Man sagt ihnen: Du wirst sie dein Leben lang zurückzahlen als guter, unterworfener Sklave. Sei brav sozialisiert, akzeptiere das Inakzeptable, oder sei ausgeschlossen, und deine Misere wird schrecklich sein. Man lässt ihnen keine Wahl. Es ist, als predigten wir unseren Kindern: Ich krepiere vor dir, mir ist egal, unter was für ­Bedingungen du und die deinen dahinsiechen werden.

«Notwendig ist eine Revolution wider den Neoliberalismus, und ich glaube nicht, dass meine Generation das packt.»

Jetzt übertreiben Sie aber.
Die Jungen müssen eine Welt hinnehmen, in der man ihnen sagt: Die Einwanderer sterben in unseren reichen Städten, weil wir unsere Verantwortung nicht übernehmen wollen. Wir sind damit beschäftigt, die Reichen noch reicher zu machen. Man sagt ihnen: Die Ozeane sind voller Plastik, aber wir produzieren ständig mehr, Milliarden von Tonnen. Die Böden quellen über von radioaktiven Abfällen, die wir nicht beseitigen können, aber wir nutzen weiter die Atomkraft. Unsere Nahrung ist voll krankmachender Gifte, aber wir ändern die Rezepte nicht. Die humanistischen Werte sind gar nicht mehr das Wichtigste: Inzwischen geht es darum, das Überleben auf der Erde zu bewahren.

Ist dies das Dringendste?
Ja, der Umweltschutz. Notwendig ist eine Revolution wider den Neoliberalismus, und ich glaube nicht, dass meine Generation das packt. Es sind die Jugendlichen von heute, die Wähler von morgen, die vielleicht sagen werden: Wir wollen atmen und Wasser trinken können, ohne dadurch Krebs zu bekommen.

Der Held Ihrer berühmten Trilogie, Vernon Subutex, erlebt als Vertreter Ihrer Generation das Abwickeln der Sozialsysteme und der Solidarität am eigenen Leib. Was würde er heute tun?
Wohl keine gelbe Weste tragen. Vermutlich würde er das Ganze ratlos am Fernsehen verfolgen.

#MeToo ist eine internationale Bewegung. Sie selbst schrieben in «King Kong Theorie» 2006 über Ihre Vergewaltigung und Ihr Schweigen.
Es ist für Frauen meines Alters zum Augenreiben: Als Junge bemühten wir uns ständig, Übergriffen aus dem Weg zu gehen, und wir waren es gewohnt, als Alte unsichtbar zu werden. All die Ungerechtigkeiten schienen total normal. Jetzt fand ein historisches Erwachen statt: Die jungen Frauen haben keine Lust, Märtyrerinnen zu sein, bloss weil die armen Männer angeblich unfähig sind, sich zu beherrschen. Wenn es drauf ankommt, können sies ja. #MeToo ist mit den Gelbwesten vergleichbar: breit gestreut, teilweise widersprüchlich. Es besteht eine Pluralität der Feminismen. Und wie bei den Gelbwesten gibts gefährliche Tendenzen.

«Wieso betrachtet man lieber das hektoliterweise Fliessen von Blut als eine Fellatio? Wovor hat man Angst?»

Welche?
Der puritanische Feminismus, der sich vielleicht zum Gewinner von #MeToo mausert. Also ein Feminismus, der uns vor allem lehrt, die Sexualität ausserhalb der Ehe zu verabscheuen, und uns zu guten Christinnen, Jüdinnen oder Musliminnen machen will. Wo «Schlampe» sein – eine mutige, freie Frau, die ihre Sexualität lebt, wie es ihr passt – das Allerschlimmste ist.

Sie befreiten sich damals durch selbstgewählte Jobs in Prostitution und ­Pornografie. Ist diese heute ein Ort der Befreiung?
Mich erstaunt, dass die Männer, die Internetpornografie schauen, nicht furchtbar erschrecken. Wenn sie zu ihrer eigenen Sexualität einen guten Zugang hätten, müssten sie sich sagen: «So viel Geschlechterhass, so viel Feindschaft gegen die sexuelle Frau und ihre Lust, das ist doch nicht normal.» Aber sie produzieren und konsumieren in grossen Mengen eine völlig pathologische Pornografie und hinterfragen das nicht. Abgesehen davon, finde ich es absurd, Pornografie zu verbieten, Kriegs- oder Horrorfilme aber nicht. Wieso betrachtet man lieber das hektoliterweise Fliessen von Blut als eine Fellatio? Wovor hat man Angst?

Sie leben zeitweise in Barcelona. Wie sehen Sie das katalanische Unabhängigkeitsstreben?
Ich stelle fest, dass die katalanischen politischen Gefangenen grundlos in Haft sind. Sie haben ihre Wahlversprechen erfüllt und ein Referendum organisiert. Ich stelle fest, dass die Mobilisierung des katalanischen Volkes voller Würde und Pazifismus ablief. Aber allen ist es schnurzegal. Wenn die Katalanen wollen, dass ihre Sache ernst genommen wird, müssen sie, so fürchte ich, brandschatzen, töten, Bomben werfen; brutale, widerliche Dinge tun. Die Situation in Spanien ist wie in Frankreich, Italien oder Griechenland: Die EU hat die Völker erniedrigt, die sie hätte vereinen sollen. Sie hat das soziale Gewebe vernichtet.

«Ich lese viel: Der mentale Raum, den das in mir aufreisst, ist der Ort, wo ich mich am wohlsten fühle.»

Blicken Sie pessimistisch in die Zukunft?
Nicht unbedingt. Ich glaube nicht, dass die heute 15-Jährigen zwingend auf unseren Quark ­hören werden und gehorchen – wider ihr Eigeninteresse. Es ist möglich, dass morgen eine internationale Revolution losbricht, die von den Jüngsten angeführt wird – die uns überrascht und die Ausgangslage umkrempelt.

Was hält Sie am Schreiben?
Die Idee, dass ich in anderen das auslösen kann, was die Romane anderer in mir auslösen. Ohne sie kann ich mir kein Leben vorstellen. Ich lese viel: Der mentale Raum, den das in mir aufreisst, ist der Ort, wo ich mich am wohlsten fühle.

Uraufführung von «Das Leben des Vernon Subutex»: 26. Januar, Theater Neumarkt, Zürich.

Erstellt: 22.01.2019, 11:42 Uhr

Eine pointierte Stimme

Virginie Despentes, 1969 in Nancy geboren, wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Ihre Eltern waren engagierte Gewerkschafter, nahmen sie an Demonstrationen mit und förderten ihren Geist. Trotzdem verschwieg sie lange, dass sie mit 17 Jahren beim Trampen vergewaltigt worden war. Sie verarbeitete diese Erfahrung im Debütroman «Baise-moi» von 1994, der ein Grosserfolg wurde. 2000 machte Despentes daraus einen umstrittenen Film. Mit 35 hatte sie ihr Coming-out. 2006 publizierte sie ihren autobiografischen, feministischen Essay «King Kong Theorie». In ihrer zwischen 2015 und 2017 erschienenen, gefeierten «Vernon ­Subutex»-Trilogie reflektiert sie, was von der Aufbruchsstimmung derer übrig blieb, die Ende 60er-, Anfang 70er-Jahre geboren wurden. (ked)

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