Die Erinnerung ist eine Zeitmaschine

Ein Junge flieht aus dem Warschauer Ghetto und überlebt – mithilfe eines Buchs, das ihm Hoffnung verleiht.

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Der wichtigste Ort für den achtjährigen Rafał ist die Bibliothek. Dort findet er Bücher, die seine Fantasie abheben lassen: Abenteuergeschichten und Scien­ce-Fiction-Romane. Vor allem die von Jules Verne und «Die Zeitmaschine», der Klassiker von H. G. Wells, inspirieren den Jungen zu hochfliegenden Träumen über seine eigene Zukunft als Erfinder.

Dass aber schon die Gegenwart ihm keine grossen Spielräume lässt, von der Zukunft ganz zu schweigen, erfahren wir gleich auf der ersten Seite durch den Ton, den der 1972 geborene polnische Autor Marcin Szczygielski in seinem Kinderroman anschlägt – noch bevor wir wissen, dass er 1942 im Warschauer Ghetto spielt. Der kleine Icherzähler ist mit überwachen Sinnen in den Strassen unterwegs; die Bedrohung ist jede Sekunde da, auch wenn das Treiben auf den dicht bevölkerten Strassen ganz alltäglich erscheint. Der Rhythmus, mit dem Rafał die Läden und Menschen beschreibt, an denen er vorbeikommt, macht spürbar, dass er vorsichtig ist und sich beeilt. Sein Grossvater möchte nicht, dass Rafał allein aus dem Haus geht, während er, vor 1939 ein berühmter Musiker, mit seiner Geige von Café zu Café geht.

Die «Zeitmaschine» hält die Träume lebendig

Im Lauf dieses klugen und berührenden Romans wird Rafałs Sprache immer atemloser, denn als der Grossvater ahnt, dass die SS die Bewohner des Ghettos demnächst deportieren wird, sucht er für seinen Enkel ein Versteck bei einer nicht jüdischen Familie. Während Rafałs Flucht geht aber einiges schief, und so findet er sich allein im verwaisten Zoo wieder. Ein Glück, dass er Wells’ «Zeitmaschine» dabeihat, die seine Träume lebendig hält.

Szczygielski gelingt es meisterhaft, die auf einer realen Biografie beruhende Geschichte eines Holocaust-Überlebenden mit einem fantastischen Abenteuer zu verbinden. Die Zeitmaschine, mit welcher der kleine Rafał in die Zukunft reist – man weiss nicht, ob in der Fantasie oder in Wirklichkeit –, steht für die Hoffnung auf eine Welt jenseits des Grauens seiner Gegenwart. Und zugleich für die Macht der Literatur, die Vergangenheit lebendig zu halten, auch – und gerade – wenn sie noch so schrecklich ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2015, 17:27 Uhr

Flügel aus Papier
Marcin Szczygielski

Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Sauerländer, Frankfurt am Main 2015, 286 Seiten, ca. 22 Franken; ab 10 Jahren

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