Die Farbe Blau brennt liebesrot

Julie Maroh schuf den Comic, auf dem der preisgekrönte Film «La vie d'Adèle» fusst. Jetzt liegt diese tolle Graphic Novel übers Frühlingserwachen einer lesbischen Liebe in der Provinz auf Deutsch vor.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein Comic der Superlative: Superjung ist seine Schöpferin, überraschend ist seine Rezeption. Denn das Debüt der 1985 im nördlichsten Zipfel Frankreichs geborenen Zeichnerin Julie Maroh erhielt 2011 den Publikumspreis beim international tonangebenden Comic-Festival in Angoulême; und es wurde 2013, in der Fassung des französisch-tunesischen Filmemachers Abdellatif Kechiche, in Cannes prompt mit dem Preis des Kritikerverbands und mit der Goldenen Palme ausgezeichnet («La vie d'Adèle») – es ist der erste mit diesem Preis ausgezeichnete Film, der auf einem Comic basiert.

Julie Maroh selbst allerdings mag ihn, bei allem Respekt für den Regisseur, nicht so sehr, den Film, der hitzige Debatten wegen seiner Sexszenen auslöste. Zwar ist auch ihr Comic, der nun auf Deutsch vorliegt (der Film kommt im Januar in die Schweizer Kinos), durchaus explizit: Vielleicht ist «Blau ist eine warme Farbe» – noch ein Superlativ – der erste Comic überhaupt, der sich so kunstvoll und so offen mit lesbischem Sex auseinandersetzt.

Aber, so erklärt Maroh in ihrem äusserst differenzierten Blogbeitrag dazu: Als Lesbe und Feministin erlebe sie die besagten Filmszenen als «brutal und chirurgisch», als «kalt» und quasipornografisch – kurz, als peinliche Darstellung platter Hetero-Fantasien von lesbischer Sexualität. Gelächter hätten diese Szenen im Kinosaal provoziert – und Gelächter, das steht fest, Gelächter kitzelt der Comic nicht hervor.

Homosexualität «alltäglich machen»

Eher Tränen. Denn «Blau» erzählt zuallererst die Geschichte einer grossen Liebe. Die muss sich erst erkennen und dann behaupten in einer feindlichen Welt. Später verglüht sie im Alltag und flammt doch noch einmal auf – als es zu spät ist und der Tod sich als unüberwindbarer Trennungsgrund ins Leben schiebt. Maroh hatte in «Blau» nicht nur ihr eigenes Frühlingserwachen im Norden Frankreichs schildern wollen und zeigen, wie schwer es war, sich als Lesbe zu entdecken da draussen in der Provinz. Sondern es war ihr darum zu tun, die Homosexualität «alltäglich zu machen», wie sie in ihrem Blog schreibt: denen ein Bild davon zu machen, die keins hatten oder bloss ein falsches.

Sie hat ihnen und uns schliesslich viele scharfkantige, kleine Bilder davon gemacht. In zartes, dunkles Trauergrün ist die Welt Emmas getaucht, als sie nach der Beerdigung Clementines im Haus von Clementines Eltern absteigt. Die Mutter überreicht ihr ein Tagebuch. Es ist blau eingebunden: so blau wie Emmas Augen, so blau auch, wie ihr Haarschopf war, damals, 1994, als sie sich zum ersten Mal über den Weg liefen – die 15-jährige Schülerin Clementine und die politisch engagierte Studentin. Und in der grau melierten Retrospektive, die Emma da in Händen hält, leuchtet blau die Liebe auf wie eine Bake in dunkler Nacht; frisst sich blau das Begehren in Clementines schwarzweiss hingetuschten Körper hinein.

Berührendes Melodram

Farbe ist hier Konzept, trennt Rahmenerzählung von Erinnerung, illuminiert da, wo es brennt in diesen zierlichen Gestalten, die von fern Manga-Figuren gleichen. Maroh, Absolventin der Académie royale des beaux-arts de Bruxelles, geniert sich weder davor, nackte Haut noch blutte Botschaften, noch berührendes Melodram zu zeichnen.

Es sind anfangs kurze Begegnungen, die den Backfisch in den blauen Strom werfen, die Clementine den Kopf verdrehen, das Herz rasen lassen. Ihre Dates mit Thomas fühlen sich dagegen an wie ein Termin beim Zahnarzt. Trotzdem wehrt sie sich gegen die Zumutungen ihrer Sinnlichkeit. Weil ihr schon ein kurzer Spaziergang mit Emma den Hohn ihrer Schulkameraden einträgt, versucht sie verzweifelt, «normal» zu sein – zumal Emma seit Jahren eine feste Freundin hat und ihrerseits nicht offen zu ihr stehen kann. Aber schliesslich stürzen sich beide ins Abenteuer ihrer Liebe.

Auf 160 fein gezeichneten, zurückhaltend kolorierten, aber keineswegs zurückhaltend erzählenden Seiten entfaltet sich das Porträt einer rund 15 Jahre dauernden Beziehung, für die es keinen einfachen Weg gab – aber mehr Erfüllung, als andere in fünfzig Jahren Ehe erleben. Hier wortlos, da logorrhoisch, aber überall bildstark ist Julie Marohs autobiografisch grundierte Graphic Novel, von den zärtlichen Augenblicken über den Rauswurf bei den Eltern bis zu den letzten Tagen im Krankenhaus. Ein Buch – so warm wie das Blau von Clementine. Super.

Erstellt: 17.12.2013, 13:38 Uhr

Julie Maroh: Blau ist eine warme Farbe. Splitter, Bielefeld 2013. 156 S., ca. 33 Fr.

Artikel zum Thema

Rosenkrieg um Lesbenfilm

In Cannes waren sie mit ihrem lesbischen Liebesfilm «La vie d’Adèle» noch ein Herz und eine Seele. Doch seither tobt eine erbitterte Fehde zwischen dem Regisseur und seinen Hauptdarstellerinnen. Mehr...

«La vie d'Adèle» gewinnt die Goldene Palme

Die Auszeichnung von Cannes für den besten Film geht an «La vie d'Adèle». Er porträtiert die leidenschaftliche Beziehung zweier lesbischer Frauen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...