Interview

«Die Figur steht für die Listigkeit des Kapitalismus»

Donaldist Patrick Bahners hat ein neues Buch veröffentlicht. Im Interview spricht er über das Schweizerische an Entenhausen, krude Theorien und den Vergleich von Joe Ackermann mit MacMoneysac.

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Herr Bahners, warum gibts einen Donaldismus, aber keinen Mickymausismus?
Bei der Lektüre von Mickymaus-Geschichten stellt sich nie der Verdacht ein, dass es sich um Berichte einer wirklichen Welt handelt. Vom Genre her sind sie beschränkt, es handelt sich um klassische Kriminalgeschichten oder um häusliche Komödien. Die Donald-Duck-Geschichten dagegen sind sozusagen 3-dimensional.

Parodieren Sie als Donaldist die Geisteswissenschaften?
Wenn man den Donaldismus ernsthaft betreibt, ist diese Art der Aussensicht nicht mehr möglich. In meinem Buch beziehe ich mich auf zahlreiche Geisteswissenschaftler, auf Klassiker wie den Philosophen Hans Blumenberg ebenso wie auf zeitgenössische Autoritäten wie die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger.

Welche Forschungslücke schliesst Ihr Buch nun?
Da gibt es eine grössere: Im Donaldismus dominiert die Vorstellung, dass Entenhausen an der Westküste der USA zu lokalisieren sei. Diese Annahme wird wie selbstverständlich tradiert. Ein Vorgang, der sich im Übrigen auch in anderen Wissenschaften feststellen lässt. Ich habe bei der Recherche zu meinem Buch die alten Donaldismus-Klassiker durchgeschaut – ich wollte ja einen Überblick über die bisherige Forschung geben. Und da habe ich gemerkt: So klar ist das nicht. Ich habe nun Argumente gefunden, die für eine Ostküsten-Lokalisierung sprechen.

Zum Beispiel?
Am Ortseingang von Entenhausen steht ein Wegweiser, der die Entfernung nach Timbuktu ausweist: 6983 Kilometer. Zieht man um Timbuktu einen Kreis mit diesem Radius, schneidet er bei Boston die nordamerikanische Ostküste.

Nach welchem politischen System ist dieses Entenhausen organisiert?
Es ist eine Demokratie, die in ihrem stark ausgeprägten Konkordanzcharakter an die Schweiz erinnert. Es gibt keinen grundsätzlichen Dissens zwischen den Parteien und im Stadtrat, es gibt keine wirkliche Opposition. Aber natürlich darf, wer über die Gesellschaft Entenhausens spricht, Dagobert Duck nicht ausser Acht lassen. Er prägt sie mit seinem Geld. Insofern lässt Entenhausen an das Florenz der Medici vor dem Grossherzogtum denken. Dagobert Duck erinnert mit seiner wirtschaftlich begründeten politischen Macht an Cosimo den Alten und Lorenzo den Prächtigen, die ja wie Dagobert keine formellen Funktionen innerhalb der Republik innehatten.

Dagobert Ducks wirtschaftlicher Hauptkonkurrent ist MacMoneysac. Die Donaldisten vergeben seit einiger Zeit jährlich den MacMoneysac Award – der erste ging an den Schweizer Banker Joe Ackermann.
MacMoneysac ist eine faszinierende Figur, die in ihrer ungeheuren, geradezu kunstvollen Adaptationsfähigkeit und Listigkeit für den modernen Kapitalismus steht. Insofern ist die Verleihung an Ackermann durchaus eine Ehre.

Merkt man den Comics die Zeit an, in denen sie entstanden sind?
Ich nehme wie viele Donaldisten an, dass die Entenhausen-Geschichten in der Zukunft spielen, dass sie ergo prophetische Texte sind.

Prophetisch?
Lassen Sie mich ausholen: Die Donald-Duck-Geschichten spielen erwiesenermassen im 20. Jahrhundert. Wenn Entenhausen existiert hat, dann schwerlich auf unserer Erde. Dafür gibt es keine Anzeichen, obwohl mittlerweile jedes Fleckchen erkundet worden ist. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder liegt Entenhausen auf einem anderen Planeten, der dieselbe Zeitrechnung hat wie wir, das ist die «Stella Anatium»-Theorie. Oder – und das ist nun meine Annahme – es verfügt über eine andere Zeitrechnung, und seine Geschichten spielen auf unserer Erde, aber in der Zukunft.

Wie könnte die Menschheit denn so weit gekommen sein?
Eine in den 1980er-Jahren aufgestellte, weitverbreitete Theorie, die auf den bayrischen Donaldisten Ernst Horst zurückgeht, besagt, dass Entenhausen nach einer grossen Atomkatastrophe entstanden ist. Nach dieser Katastrophe kam es zu Mutationen, die die Menschen in enten- und hundeähnliche Wesen verwandelten. Wie das en détail vor sich ging, müssen die Biologen noch ergründen. In meinem Buch entwickle ich Horsts Theorie weiter: Nach der Katastrophe raufen sich die Überlebenden, die Mutierten, zusammen und besinnen sich auf Erinnerungen, alte Werte und alte Schriften – wodurch sich die Ähnlichkeiten mit unserer Zeit erklären lassen.

Wer ist eigentlich Ihre Lieblingsfigur im Donald-Duck-Kosmos?
Professor Püstele. Er bricht zu einer Anden-Expedition auf, von der er nicht zurückkehrt. Bevor er völlig entkräftet stirbt, sorgt er noch dafür, dass dem Museum in Entenhausen seine Gesteinsproben zukommen. Ein grosser Aufklärer!

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2013, 11:15 Uhr

Bahners, Patrick, «Entenhausen. Die ganze Wahrheit», C. H. Beck, 207 Seiten, ISBN 978-3-406-44802-7, CHF 32.90.

Entenhausen. Die ganze Wahrheit

Patrick Bahners (*1967) ist New-York-Korrespondent der FAZ. Von 2001 bis Ende 2011 war er Feuilletonchef derselben. Der studierte Historiker gehört zu den bekanntesten Donaldisten Deutschlands.

Die Donaldisten beschäftigen sich unter Zuhilfenahme seriöser wissenschaftlicher Methoden mit der Erforschung der Disney-Stadt Entenhausen und dessen Bewohner. Zur Diskussion ihrer Arbeiten veranstalten sie jährlich einen Kongress.

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